Dr L. Hasler

 

Vom Tempo der Welt
- Am Ende der Uhrzeit-

Vortrag beim Kanti-Forum 2000 zum Thema:
Der Zeitgeist heißt Tempo – Vom Leben in beschleunigter Gesellschaft

von Dr. Ludwig Hasler, stv. Chefredaktor der "Weltwoche", Zürich

Montag, 7. Februar 2000

 

WER NICHT UNTER DIE RÄDER DES MODERNISIERUNGS-TEMPOS GERATEN WILL,
BRAUCHT BILDUNG. ABER WELCHE?

 

Meine Damen und Herren

Der frühere Präsident von Sony, Akio Morita, redet mehr, als es Japaner in führenden Positionen gemeinhin tun. Auf Konferenzen rund um den Globus erzählt er gerne den folgenden Witz: Zwei Manager stehen in der Savanne plötzlich einem Löwen gegenüber. Märchenhafterweise gibt es da aber noch eine Fee; und deshalb haben die Manager einen Wunsch frei, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Also sagt einer der beiden wie aus der Pistole geschossen: "Ich wünsche mir ein paar Turnschuhe!" Die gute Fee kapiert nicht recht. "Auch mit Turnschuhen sind Sie nicht schneller als der Löwe", gibt sie zu bedenken. "Nein", antwortet der Geschäftsmann, "aber schneller als mein Kollege."

Kein Wunder, finden Akio Morita und und seine Konkurrenten diese Geschichte stets von neuem umwerfend erbaulich. Sie zeigt aufs Schönste, wo der Schlüssel zum Erfolg liegt: Man muss schneller sein als der andere. Das ist das Alpha und Omega des Wettbewerbs. Es geht nicht so sehr darum, gute Arbeit zu leisten, besser zu sein als andere. Es gilt vornehmlich, schneller zu sein als der Konkurrent.

Eine Plackerei war das Erdenleben schon immer. Darüber zu hadern lohnt sich nicht. Neu ist das Tempo der Veränderungsbeschleunigung - und damit verbunden die etwas groteske Situation, dass in diesem Rennen alle den Anschluss verpassen. Die einen können nicht mithalten, werden abgehängt, fliegen irgendwann aus dem Rennen. Die andern aber, die vermeintlichen Winners, die sich erfolgreich beeilen, schneller zu sein als andere, bleiben anderswo auf der Strecke; denn im Hinblick auf irgendjemand anderen kommt man immer zu spät. Keiner kann an allen Fronten zuvorderst mitrennen. Fährt er beruflich auf der Überholspur, parkiert er vielleicht privat auf dem Pannenstreifen. Stockt aber sein Privatleben, kann er mittelfristig wiederum beruflich ausgebremst werden. Beziehungszombies sind Überholkandidaten. Die Logik ist zu banal, um uns hier länger zu beschäftigen.

Was aber tun? Bill Clinton hat schon recht. Am Weltwirtschaftsforum in Davos plädierte er zwar für das allgemeine Gerenne von Freihandel und Informationstechnologie. Jedoch, fügte er bei, das könne nur gutgehen, sofern wir uns auf ein Ziel verständigten. Tönt plausibel: Rennen macht nur Sinn, wenn eine Vista vom Wohin mitspielt.

So. Und wie kommen wir zu dieser Vista? Durch Fantasie, durch Wissen, durch kreative Intelligenz - kurz: durch Bildung. Das ist mein Thema. Es klingt in diesen Wechselzeiten leicht angegraut. Denn was immer wir unter Bildung verstehen, gemeint ist allemal Formung, Reifung, etwas Abschlusserpichtes, als etwas tendenziell Vollendungsambitioniertes. Die reale Tempo-Gesellschaft aber will uns multifunktional, sie hat etwas gegen einmalige Formung, Vollendung ist passé, es gibt keine Möglichkeit mehr, zu einem Ende zu kommen. Bevor die Vollendung eintreten könnte, dreht die Konkurrenz das Hamsterrad längst mit neuem Schwung. Das Resultat: Alles wird künstlich gereift, Früchte und Gemüse ebenso wie Menschen. Alles darf gerade so viel Charakter haben, dass es auf der Stelle konsumierbar und einsetzbar ist, unabhängig von Jahres- und Lebenszeiten.

Genau hier setzt meine Skepsis ein: Ist es klug, die Leute auf kurzfristige Brauchbarkeit zu trimmen? Ist es tatsächlich clever, junge Leute nur auf flexible Verwendbarkeit hin zu trainieren? Sie merken die Absicht, meine Damen und Herren, und sind hoffentlich nicht schon verstimmt: Ich stelle nicht die grosse moralische Frage nach dem menschenmöglich Guten oder Bösen. Nein, ich frage ganz pragmatisch: Was nützt der Gesellschaft mehr - der hechelnde Mensch oder, zum Beispiel, der besonnene Mensch? Als Don Quichotte gegen die Windräder des Beschleunigungsregimes zu kämpfen habe ich weder die Kraft noch die Lust. Mich interessiert nicht die hohe Tugend, sondern die praktische Tauglichkeit. Also die Frage: Mit welchem Typus Mensch bleibt die Gesellschaft im Rennen?

Meine These dazu lautet: Wir müssen uns zwar dem Tempo der Modernisierung anpassen. Doch wer diesem Tempo immerzu hinterherrrennt, wird zum Anpasser. Eine Gesellschaft von Anpassern aber kommt erst recht unter die Räder der Sachzwänge der Tempo-Gesellschaft. Also brauchen wir, um einen Rest von Mündigkeit und Freiheit zu wahren, eine Gegenkraft, einen Eigenhalt, eine Resistenz. Die aber kann ich nur in Bildung finden.

Das ist meine Theses. Ich will sie sogleich ausführen. Zuvor noch ein Geständnis: Ich sprach schon letztes Jahr in dieser Stadt über Bildung, im exklusiven Zirkel der Kaufmännischen Berufsmaturitätsschule zwar, doch kann ich nicht ausschliessen, dass zwei, drei meiner damaligen Zuhörer sich heute hierher verirrten. Weshalb ich an einen vollkommen neuen Vortrag dachte - nur dass die Zeit mir davon lief und die Grippe mir den Rest gab. Sodass ich mit demselben Leitmotiv antrete - und aus der Not eine Tugend, denn wenn ich schon gegen das pausenlose Rennen nach Neuem rede, beginne ich mit der Rennpause am besten bei mir selber und halte mich ans Bewährte. Nämlich so:

"Es war einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun." Das stammt von Christian Morgenstern. Der Lattenzaun markiert eine Grenze. In unserem Fall: die Grenze zwischen dem Rennen und der Zielorientierung, zwischen dem sogenannten Leben und der Schule, zwischen Praxisbezug und Bildung. Der Lattenzaun, eine Grenze mit Luft zwischen den Latten, mit Durchblick also, mit Durchlass - aber eben doch eine Grenze.

Gäbe es nicht die Lücken zwischen den Latten, wir stünden vor einer Bretterwand. Mit Christian Morgenstern zu reden: "Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum. / Ein Anblick grässlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein."

Die Morgenstern-Verse fallen mir stets ein, wenn ich über das Verhältnis zwischen Bildung und Tempogesellschaft, zwischen Schule und Wirtschaft nachdenken soll. Drei Varianten stehen, idealtypisch, zur Wahl: Wir setzen (1.) den Lattenzaun zwischen Schule und realem Rennbetrieb; damit trennen wir die beiden Sphären, aber so, dass durch diese Trennung hindurch ein reger Austausch stattfinden kann. Oder wir errichten (2.) dazwischen einen Bretterzaun; mit ihm grenzen wir die Schule vollkommen ab von den Zumutungen des Wirtschaftslebens - als einen Schonraum, in dem allein die Gesetze der Bildung herrschen. Oder wir schleifen (3.) den Zaun, beseitigen also jede Grenze; dann ist Bildung nichts anderes als eine Art Rekrutenschule, die junge Leute auf wirtschaftliche Brauchbarkeit trimmt.

Drei Varianten, wie gesagt. Nur finde ich in der gegenwärtigen Diskussion meist nur zwei. Zunehmend erbittert geraten sich zwei Parteien in die Haare. "Ab in die Leistungsklasse!" rufen die einen - und brechen den Zaun ab. "Schluss mit dem Leistungswahn"! rufen die andern zurück - und bauen am Bretterzaun. Da habe ich es nicht leicht. Ich bin ganz ruhig für den Lattenzaun: Leistung, ja, doch ohne die gute alte Bildung bleibt sie blind und blöd. Da jedoch auch die beiden andern Modelle nicht purer Schwachsinn sind, nehme ich für mein Lattenzaun-Plädoyer dreimal Anlauf: 1. das Bretterzaun-Modell (Schule als Schonraum), 2. das Zaun-Abbruchs-Modell (Schule als Anschluss an den Modernisierungs-Wandel), 3. mein Lattenzaun-Modell (Schule als Anpassung für Unangepasste)

 

1. ANLAUF: DAS BRETTERZAUN-MODELL.

Schule als idealer Schonraum, abgeschirmt von allen Uebeln der realen Wettbewerbsgesellschaft

Die Schule ist ja eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Zuvor waren Kinder und Jugendliche nichts Besonderes, kleine Erwachsene eben; sie wurden nicht eigentlich erzogen, sondern unzimperlich nachgezogen für gesellschaftliche Rollen; früh mussten sie arbeiten, juristisch unterlagen sie demselben Strafrecht. Jugend war kein Sonderstatus, sondern einfach die erste Phase des allgemein menschlichen Rackerlebens.

Dann kam das Bürgertum - und erfand "die Jugend", nämlich als eine Art Moratorium, als eine Denkpause zwischen Kindheit und Erwachsenheit. Jugend als Trainingscamp: Hier sollte spielerisch geübt, geprobt, experimentiert werden, um für den Ernstfall des Erwachsenenlebens vorbereitet zu sein. Ganz ähnlich wie im Sport: Vor wichtigen Spielen zieht sich die Fussballnationalmannschaft ins Trainingslager zurück. Abgeschirmt von all den irritierenden Einflüssen der Alltagshektik soll sie sich aufs Wesentliche konzentrieren können

Das war die bürgerliche Idee von Jugend: Vor dem Ernstfall Erwachsenenleben sollten die Jugendlichen sich erst einmal in menschliche Form bringen. Also schuf man die Schule: als Schonraum für Trockenübungen. Unbedrängt von den Widerwärtigkeiten des realen Lebenskampfes sollten die Heranwachsenden sich auf die eigene Entwicklung konzentrieren können: auf die Beherrschung des Triebhaushaltes, auf die Stärkung des Ichs, auf die Entwicklung sozialer Beziehungen, auf eine differenzierte Wahrnehmung der Welt, auf Sachkenntnisse - kurz: auf das, was einst Bildung hiess. Schule als eine Art Separée, worin eine ganz andere Logik als die der Wirtschaft regieren sollte: die Logik der Bildung, der Herausbildung zum Menschen.

Ich weiss, das tönt heute sehr jenseits. Ziemlich blauäugig. Doch ich selber habe diese Schule durchgemacht. Ich bin, nur zum Beispiel, ausgiebig eingeweiht worden in alle erdenklichen Ueberlebensrafinessen unserer lieben Vorfahren, der Pfahlbauer; leider konnte ich dieses Spezialwissen seither nie anwenden. Täglich war eine Viertelstunde Kopfrechnen angesagt - heute verfüge sogar ich über einen Taschenrechner. Ueberdies streiften wir damals mit der Botanisierbüchse über Felder und Auen, bestimmten nach der Binz-Methode allerlei Blumen - ziemlich weltfremd aus heutiger Sicht, wo doch die moderne Landwirtschaft der Blumenvielfalt den Garaus gemacht hat. Wir lernten auch eine Menge dramatischer Seefahrer-Balladen auswendig, wovon mir im Wortlaut nur die herzzerreissende Zeile "S`ist Uwe, mein Sohn" geblieben ist (vermutlich Ludwig Uhland). Im Deutschunterricht unterwies man uns nicht ein Stunde in der Kunst des erfolgreichen Bewerbungsschreibens, wir trainierten bloss täglich den Wortschatz (mit dem unvergesslichen Lehrmittel "Klipp und klar, träf und wahr") - ein wahrlich beredter Luxus in heutigen Zeiten, wo viele schon verständnislos reagieren, wenn zwischen "super" und "Scheisse" und "ok" und "geil" mal ein fünftes Wort fällt... So dass ich mich, alles in allem, sehr verwundere, dass es mich überhaupt noch gibt, dass die Ellbogengesellschaft mich nicht nur nicht hat fallen lassen, sondern mich sogar noch ganz anständig bezahlt.

Man darf über all den alten Schultypus lächeln. Sicher, er war auch paradox: Er hätschelte die Idylle - unter Zwangsbedingungen: Disziplin, Triebverzicht, Körperstrafe! Und doch sollten wir nicht übersehen: Diese Schule wollte uns nicht in erster Linie funktionstüchtig ausrüsten, sie wollte uns zur Mündigkeit erziehen, nicht bloss zum brauchbaren Werkzeug. Wir wurden nicht optimal fürs spätere Praxisleben präpariert. Schon gar nicht subito. Doch wir erhielten reichlich Gelegenheit, uns selber eine Welt auszumalen, eine Welt, wie sie sein könnte, vielleicht sein sollte. Eine irgendwie idealistische Welt, gewiss, eine geheuchelte manchmal, jedoch eine erfahrungsdurchtränkte auch: die Blumen, die Geschichten, die Lieder, die Wortspiele - da war manches erlebt, gefühlt, vielleicht gar gedacht. Kopf, Herz und Hand sollten so in Form gebracht werden, dass sie dereinst befähigt wären, die Welt nach eigenen Ideen zu formen - und nicht bloss in einer bereits geformten Welt tüchtig mitzuspielen. Sicher, diese Schule hielt Distanz zur Wirtschaftswelt. Doch das machte uns nicht schon weltuntauglich. Es schärfte uns den kritischen Blick auf eine veränderungsbedürftige Welt.

Ich übertreibe absichtlich ein bisschen. Es geht mir um die Idee, weniger um die Realität: Der Bretterzaun, die gute alte, veraltete Idee einer Schule als Separée: ein Ort zur Pflege einer humanen Bildung, an der die junge Generation ihre Autonomie stärken kann - um danach mit lebhaften Ideen in eine Welt zu treten, die nur noch ans Realitätsprinzip glaubt.

Und nun zum zeitgemässen Gegenteil:

 

2. ANLAUF: DAS ENTZÄUNUNGS-MODELL.

Schule als Anschluss an den Wandel der Gesellschaft

Die Welt, in der wir leben, ist bekannt: Globalisierung, Oekonomisierung, Technisierung, Medialisierung. So lauten nun mal die Stichworte. Das Entscheidende dabei ist das Tempo des Wandels. Immer mehr verändert sich immer schneller. Stellen Sie sich vor: Ich wuchs in einem Haushalt auf, da stand nicht einmal ein simples Radio. Heute zappe ich durch 60 TV-Kanäle, muss ein Handy mit mir führen, kommuniziere via E-Mail, recherchiere im Internet - schlimmer noch: Ich schreibe über all das. Es ist unglaublich, was in zwei Generationen auf uns eingestürzt ist.

Das kann eine Lust sein - und ist auch eine Last. Denn: Wo immer mehr sich immer schneller verändert, da passiert auch das Gegenteil: Immer mehr veraltet immer schneller. Vor allem das, was wir lernen. Denn wir lernen es heute für eine Situation, die morgen vermutlich überholt ist. So rutschen wir stets aufs neue in die Lage von Weltfremdlingen zurück. Gegen das Tempo des Fortschritts hilft nur die Aufholjagd. Wer up to date bleiben will, muss sich lebenslang selber updaten.

Also muss die Schule Tempo machen. Wer die Jugendzeit verplempert - mit Balladen, Blumenkunde, Wortschatzübungen und anderem Kinderspiel - , hat den Anschluss schon verspielt. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was der Hans von morgen kapiert haben muss, ist: 1. Englisch, 2. Computer.

Stimmt das etwa nicht? Ohne Grundkenntnisse in Englisch kann sich in dieser globalisierten Welt künftig niemand erfolgreich bewegen. Und ohne Vertrautheit mit Computertechniken werden junge Leute zu funktionellen Analphabeten. Sagt Ernst Buschor. Aber ist es deshalb schon falsch? Er sagt es ja durchaus auch aus der Sorge um die Zukunftsfähigkeit unserer Jugendlichen. Ohne sofortige Neuorientierung der Schule am Wandel des modernen Lebens erzeugen wir die fatale Zwei-Drittels-Gesellschaft: eine Klassengesellschaft, hier die Info-Elite, da ein neues, abgehängtes Proletariat.

Trifft das zu, dann allerdings muss der Bretterzaun abgebrochen werden. Die Wand zwischen Schule und Wirtschaft bremst den Fortschritt und hemmt die Tüchtigkeit der Jungen. Irgendwie logisch. Das Tempo in der Welt kommt nicht von ungefähr. Es ist die Folge der Oekonomisierung aller Lebensbezüge. Seit dem Fall der Berliner Mauer leben wir in der einen Welt des Kapitalismus. Und das Kapital will nun halt mal aus allem Kapital schlagen: aus der Natur, aus der Kultur, aus dem Sport. Da hilft kein Jammern. Das ist einfach so. Und deshalb ist auch nur logisch, dass man die Schule als Kapital ersten Ranges entdeckt. Ist sie ja auch. Also soll sie gefälligst rentieren - für die Jugendlichen und die Gesellschaft insgesamt.

Separées und Schonräume verlieren in dieser windschlüpfrigen Welt ihre Berechtigung. Lerninhalte gewinnen ihren Sinn nurmehr durch kurzfristige Verwertungsinteressen. Und diese Kurzfristperspektive bestimmt auch das Verfalldatum des Gelernten. Was wir so hoffnungsfromm das "lebenslange Lernen" nennen, wird zum Zwang und zum Motor einer Non-Stop-Gesellschaft. Typisch für diese Gesellschaft ist: dass wir ruhelos hinter unserer Brauchbarkeit herrennen, die immer schneller verfällt. Und wenn das so ist, dann kann man in der Tat gar nicht früh genug zu rennen beginnen.

Soviel zur allerneuesten Idee von Schule. Und nun zu meiner favorisierten Variante:

 

3. ANLAUF: DAS LATTENZAUN-MODELL.

Schule als Training für flexible Anpassung - und als Bildung von Unangepassten

"Es war einmal ein Lattenzaun

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun."

Sie vermuten schon richtig: Jetzt kommt ein Vermittlungsmodell. Der Lattenzaun markiert eine Grenze zwischen Schule und Non-stop-Gesellschaft. Eine Grenze, also kein nahtloses Ineinanderfliessen, jedoch äusserst durchlässig. Die Latten trennen, der Zwischenraum verbindet.

Was mich an dem Vers so anzieht, ist die Wendung vom "Zwischenraum hindurchzuschaun". Ich weiss, banaler geht es nicht mehr. Und doch steckt darin eine kleine kluge entscheidende Einsicht. Ich möchte sie Ihnen gerne erläutern. Das geht aber nicht ohne eine Portion Philosophie. Ich bitte Sie dafür um freundliche Nachsicht.

Meist meinen wir ja, unsere Uebersicht sei dann am besten, wenn uns nichts im Wege steht. Stimmt aber nicht. Im Grenzenlosen verschwimmt unser Blick; ohne Grenze stecken wir ja mittendrin, abstandlos, perspektivelos. Ohne Abstand fehlt uns ein externer Standpunkt, von dem aus wir das andere überblicken und durchblicken könnten. Dagegen empfiehlt sich der Lattenzaun. Er setzt zwischen mich und die Welt eine Trennlinie, er räumt mir meinen Ort, meinen Standpunkt ein - und ermöglicht mir damit den Durchblick.

Anders gesagt: Wenn ich die Gesellschaft, in der ich lebe, kapieren soll, dann brauche ich den Abstand zu ihr. Triviales Beispiel: Ich durchschaue die Gesellschaft als Non-stop-Gesellschaft. Dazu gehören allerlei eigene Non-stop-Erfahrungen - aber dazu gehört eben auch meine Erfahrung vom Glück der Langsamkeit, von der seelen- und geist-erquickenden Wirkung der Ruhe usw. Ohne dieses Wissen ums andere Leben nähme ich das Non-stop-Leben gar nicht wahr. Wer immerzu nur rennt, weiss nicht, was Rennen bedeutet - und schon gar nicht, wohin es führt. Er muss mal innehalten, um zu merken, was für ein Idiot er ist, solange er pausenlos rennt.

So. Und jetzt auf die Schule bezogen. Ich mag es mir nicht ausreden lassen, dass die Schule den jungen Leuten einen Standpunkt vermitteln solle - und nicht bloss ein Instrumentarium zum tüchtigen Funktionieren. Einen Standpunkt - und nicht allein einen Setzkasten voller Flexibilitäten. Einen Standpunkt, das heisst eine Vorstellung gelingenden Lebens, ein paar Erfahrungen kultureller Entfaltung, eine Ahnung menschenmöglichen Glücks, ein Wissen um den Zusammenhalt alles Lebendigen, eine Kenntnis vom Mühen und Scheitern menschlicher Geschichte usw. usf. Dies alles ist nicht unmittelbar nützlich. Doch langfristig wird es von unschätzbarem Nutzen. Es stattet uns mit einem Fonds von selbständiger Interessen und Perspektiven aus. Und erst dieser Fonds stattet uns erst mit Selbstbewusstsein aus: Ich bin jemand. Ich löse mich nicht in meinen Funktionen und Flexibilitäten auf. Ich bin ich.

Schluss mit Philosophie. Jetzt kommt die Flexibilität. Sie ist ja unser neues Credo: Der Mensch muss flexibel sein, sonst ist er schon abgemeldet. Nichts dagegen. Nur: Wie eigentlich werde ich flexibel?

Als ich jung war, lernte ich leidenschaftlich Latein und Französisch und Griechisch - und vernachlässigte Englisch, das ich zwar problemlos lese, indes, als unverbesserlicher Perfektionist, noch immer ungern spreche. Heute überfliege ich Bewerbungen junger Leute, Rubrik Sprachkenntnisse: Englisch, Spanisch, Russisch, Portugiesisch... Nur eines können diese Leute nicht, nämlich Deutsch, das belegt der Begleitbrief. Daraus schliesse ich: Wahrscheinlich können sie auch nicht gründlich Englisch, nicht richtig Spanisch usw.

Ist das der Preis der Flexibilität? Es könnte sein. Denn: Wer disponibel bleiben will, lässt sich besser nur provisorisch auf eine Sache ein. Wer polyvalent erscheinen will, identifiziert sich besser nicht mit einem Valeur. Also schnuppert man an möglichst vielem - und vertieft sich in nichts.

Kürzlich bewarb sich bei mir eine junge Frau. Sie hatte soeben ihr Germanistik-Studium beendet und wollte eine Stelle als Literatur-Redaktorin. Ich fragte sie nach ihren bevorzugten Autoren. Ach, sagte sie, ich habe keine Favoriten, ich mag irgendwie alle. Da fragte ich, was sie denn gerade lese. Ja, seufzte sie, zum Lesen finde sie einfach keine Zeit, sie müsse ja jetzt einen Job finden. Ich fragte weiter: ob sie denn gelegentlich ins Theater gehe. Nein, antwortete sie ganz unbefangen, in den letzten Jahren habe sie keine Lust auf Theater verspürt. Jedoch - und jetzt kam`s - falls sie die Stelle kriege, wolle sie sich sofort auch dafür interessieren.

Die Frau ist kein Einzelfall. Ich kenne viele junge Leute dieser Art. Sie absolvieren ihre Ausbildung ohne Engagiertheit, ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne Talent. Genau genommen studieren sie gar nicht, sie quälen sich nur durch Examen. Ich finde das grauenhaft - und kann es doch verstehen. Wir reden doch den jungen Leuten dauernd ein: Das Wissen von heute sei morgen schon veraltet. Im Klartext: das Wissen von heute sei morgen Schrott. Wie sollten sich die Jungen auf diesen Schrott von morgen leidenschaftlich einlassen?

Das bleibt leider nicht folgenlos für die Arbeitswelt. Ich kann nur von der eigenen Branche reden. Zeitungen haben immer mehr Mühe, Journalisten zu finden, die ein klares oder auch nur korrektes Deutsch schreiben - von stilistischer Virtuosität zu schweigen. Das aber ist dann nicht eine literarische, sondern eine ökonomische Misere. Entscheidet sich doch heute die Konkurrenz zwischen Print- und elektronischen Medien. Und Zeitungen haben nur dann eine Chance, wenn sie mit ihren Mitteln brillieren, mit den Mitteln der Sprache, der Argumentation, der Rhetorik. Solche Brillanz aber kommt einzig von Journalisten, die mit Haut und Haar Journalisten sind, mit sachlicher Engagiertheit und formalem Ehrgeiz am Werk - nicht von Leuten, die es mit Journalismus "mal probieren" wollen, ohne mit ihm sich zu verheiraten.

Paradox gesprochen: Die Flexibilität der Wirtschaft lebt von der Unflexibilität der Mitarbeiter - der Mitarbeiter, die in ihrer Arbeit in ihrem Element sind. Kein Mensch kann überall im Element sein. Wer sich irgendwie für alles interessiert, interessiert sich vital für nichts. Wer mit Flexibilität anfängt, wird nie flexibel. Er wird bestenfalls ein nützlicher Idiot, ein Zappelfritz, eine Marionette.

Wie aber geraten wir in unser Element? Ich behaupte: Allein durch Bildung. Ja, ja, die Bildung, werden Sie sagen. Ich meine nicht die berühmte Allgemeinbildung, obwohl es auch die in sich hat. Aber zugegeben: Man kann ein wandelndes Lexikon sein - und doch eine weiche Birne haben. Nein, ich meine die Bildung, die in der Auseinandersetzung zwischen Person und Sache passiert. Die Person muss sich an der Sache abmühen. Beobachten wir, nur zum Beispiel, die junge Geigerin. Jahrelang muss sie das Violinspiel über ihre akuten Launen und Interessen stellen - damit aus dem Gekratze dereinst Musik werde. Und aus dem ungeformten Mädchen die selbstbewusste Musikantin. Das Leben beginnt eben nicht mit dem Selbst. Das muss sich erst mühsam herausformen - ich will es einmal schonungslos sagen: durch Unterwerfung unter das Diktat einer Sache, zum Beispiel der Musik. Erst durch jahrelanges Training kommen Freiheit und Können überein, durchdringt das Selbst das Werk. Alles andere bleibt Stümperei - im Spiel wie im Leben.

Das ist, denke ich, das simple Geheimnis aller Bildung: dass sie Arbeit ist. Und wer das in der Schule nicht lernt, lernt es nimmermehr: Indem wir arbeitend einen Stoff bilden, bilden wir uns selber. Indem wir uns selbstlos und zwecklos einer Sache hingeben, erwerben wir ein Können, eine Geschicklichkeit - und gewinnen erst darin unser Selbstbewusstsein.

Es muss nicht Musik, es kann Naturbeobachtung oder Literatur oder meinetwegen Sport sein. Doch soll der Mensch seine Selbständigkeit gewinnen, dann braucht er - diesseits aller funktionaler Ausbildung - sein Sonderfeld beharrlicher Bildung: damit er den Reichtum des Lebens erblickt - und sich selbst mit ihm anreichert. Ohne diese Bereicherung bleibt der flexible Mensch ein armer Tropf - und ein unberechenbares Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft.

Das ist meine These: Gesellschaftlich nützlich wird nur der Mensch, der sich früh auf etwas einlässt, das ganz und gar nicht nach Nutzen ausgesehen hat.

Reden wir noch kurz von Informatik. Dass die Schüler früh mit Computertechnik vertraut werden, ist für mich gar keine Frage. Auch junge Eisbären müssen rasch lernen, wie man Fische fängt. Und der Mensch fischt nun halt in Zukunft im Internet. Bloss: Die Wundermaschine Internet hilft nur denen, die bereits präzise Fragen entwickelt haben. Wir wollen was über das Klonen wissen? Einfach "Dolly" eintippen. Sie wissen: das geklonte, nun leider debile Schaf. Der Suchapparat meldet: 8735 Artikel. Na wunderbar. Nur: Ich kann unmöglich 8735 Artikel. Ich kann nicht einmal 8735 Titel lesen. Also auslesen. Doch wie? Nach welchen Kriterien? Nur Autoren mit Professorentitel? Auch darunter gibt es Nieten. Und wer sagt mir, dass die nicht von der Gentech-Industrie geschmiert sind? Nein, da hilft kein Suchprogramm. Also muss ich schon verdammt viel wissen, um das Internet mit Gewinn nutzen zu können. Wer nichts weiss, keine Gesichtspunkte, keine präzise Fragen herausgearbeitet, keine Zweifel ausgebildet hat, gerät in Datennetzen bestenfalls ins Schwimmen, schlimmstenfalls säuft er ab.

Deshalb Lattenzaun: auf der einen Seite technisch tüchtig mitmachen, auf der andern Seite umso entschiedener die alten Qualitäten trainieren: lesen, denken, phantasieren. Dabei stösst man dann vielleicht auf den uralten Spruch des griechischen Dichters Archilochos: "Der Fuchs kennt viele Dinge, der Igel aber weiss von einer grossen Sache." Die "grosse Sache" kommt nie aus dem Internet. Und wehe, wir züchten eine Generation heran, die von keiner grossen Sache mehr weiss!

Eher kommt die grosse Sache aus der musischen Beschäftigung, die leider im Fitnessprogramm 2000 nur noch unter der Rubrik Luxus vorkommt. Musikunterricht, Musikschulen, Kunstpädagogik - das kostet alles. Und weil das Internet, das einfach sein muss, schon so viel kostet, schrumpft das Budget für Kultur.

Das ist sehr kurzfristig gedacht. Die moderne Gehirnforschung kann es sogar beweisen: Musikalische Impulse wirken sich phantastisch vorteilhaft aus auf das menschliche Gehirn und damit auf die Entwicklung einer Persönlichkeit: auf Sozialverhalten, Kontaktfähigkeit, psychische und emotionale Stabilität, auf Phantasieentfaltung, kreative Intelligenz. Aus Beobachtungen konnte man es schon immer folgern, jetzt weiss man es auch wissenschaftlich exakt: Die Beschäftigung mit Kunst und Musik stärkt die Person, erweitert das Selbst, beflügelt die Phantasie, läutert den Geist. Und das sind doch genau die vielbeschworenen Schlüsselqualifikationen für Zukunft. Doch statt sie schulisch ernst zu nehmen, kompensiert man sie später mit unsäglich törichten gruppendynamischen Kursen und Kommunikationsseminarien und Selbstversenkungs-Hokuspokus. Zu spät, zu blöd.

Das wollte ich Ihnen einleuchten machen. Der "Zwischenraum, hindurchzuschaun" ist ja wunderbar. Doch was wir da sehen, das hängt von der Bildung unserer Sinne ab. Ungebildete Sinne sehen nichts, hören nichts, sie sind, im Wortsinne, schwachsinnig. Ein Jammer, nicht nur ästhetisch, sondern vor allem ökonomisch. Gerade das Zweckfreie, die Kunst, könnte sich als das Allerzweckmässigste erweisen.

Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Verstehen Sie, meine Damen und Herren, weshalb ich den Vers in die Zukunft retten will? Dass wir die Schule dem Wandel der Gesellschaft anpassen müssen, ist trivial. Nur: Was nützt es der kommenden Generation, dass sie bloss Englisch radebrechen und im Internet surfen kann? In zehn Jahren stellen sich uns wieder ganz andere Probleme. Sie zu meistern, brauchen wir originelle Ideen, nicht bloss eingeschliffene Funktionstüchtigkeiten. Woher kommen Ideen? Jedenfalls nicht aus technischen Fertigkeiten. Eher aus dem Ungefähren der Bildung. Man hat sich einmal mit Woody-Allen-Filmen beschäftigt oder mit Appenzeller Streichmusik oder mit Goethe-Gedichten - und plötzlich kommt einem die zündende Idee, wie die ökologische Steuerreform zu begründen oder das Paarverhalten zu reformieren wäre. Man weiss nie - doch wer nie etwas vermeintlich Unnützes gewusst hat, wird sich nie wirklich nützlich machen können. Also bilden wir doch nicht lauter Nützlichkeitsidioten und Orientierungswaisen heran!

 

Ich komme zum Schluss. Und zurück zum Anfang. Die zwei Manager und der Löwe und die Turnschuhe. Ein Witz und der kategorische Imperativ der Modernisierungsbescheunigungsgesellschaft: Egal, was du tust, tu es stets schneller als der andere! Warum laufen immer mehr Manager und Politiker den New York Marathon? Sie wollen wenigstens symbolisch zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit sind.

Als alter Leichtathlet kenne ich das Risiko des Rennens: die Übersäuerung. Und mit der Übersäuerung die Kopflosigkeit, die Koordinationskrise, die Besinnungslosigkeit. Also hiess die Frage: Wie bringen wir eine Gesellschaft in Form, die dauernd im "roten Bereich" läuft? Und die Antwort: durch Bildung. Ich gebe gerne zu: eine woche nach dem Weltwirtschafts-Forum Davos klingt diese Antwort arg kommun. da führten sie alle das Wort "Bildung" im Munde, die Big Bosse und die Spitzenpolitiker. Ich hörte mir die Voten an, freute mich ihrer - und blieb doch skeptisch; denn irgendwie sah ich den grossen Tieren die Bildung nicht an. Unversehens fiel mir mein alter Deutschlehrer ein. Er war didaktisch und methodisch ein Alptraum, überdies stotterte er. Doch wenn er "Über allen Gipfeln ist Ruh`" stammelte, dann war sogar uns Banausen klar: Dieser Mann lebt mit dem Gedicht, er ist verliebt in die Verse, er könnte so, wie er lebt, nicht leben, hätte Goethe das Gedicht nicht verfasst. Er liess das Gedicht glänzen - und das Gedicht brachte ihn in Hochform.

Diese Sorte Gebildeter vermisse ich heute. Es muss, weiss Gott, nicht Lyrik sein, es kann Physik sein oder Jurisprudenz, Musik oder Management. Hauptsache, wir machen uns das alles so sehr zu eigen, bereichern uns und alles um uns so sehr damit, dass diese Bildung zum unverzichtbaren Lebensmittel wird: zur Lebenskunst, zum Lebensgenuss, zum Lebensernst, zur Lebenserotik. Mehr kann man nicht un, um ein Mensch zu sein. Alles weitere stellt sich von selbst ein. Denn: Wer sich seiner Sache hingibt, wird unwiderstehlich.

Mein Deutschlehrer wurde nie nach Davos eingeladen. Gewirkt hat er dennoch. Ich hoffe, ein bisschen merkte man das mir an.

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Hochschul-Forum PHZ Zug „Fremdsprachen in der Primarschule“

17. Januar 2006, 19.30 Uhr

Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, Zürich

MIT WIE VIELEN ZUNGEN MUSS EIN KIND REDEN?

Einzüngig oder doppelzüngig? Das ist die Frage im akuten Glaubensstreit um

Fremdsprachen in der Primarschule. Die Missionare beider Fronten schleppen

viel mythologischen Ballast mit. Die Doppelzüngigkeits-Fraktion erwartet nichts

weniger als ein sprachliches Pfingstwunder. Die Einzüngigkeits-Initianten

befürchten die babylonische Sprachverwirrung. Babel gegen Pfingsten. Daran

sieht man: Geht es um Sprache, geht es nie nur um Sprache.

Dennoch hat sich die offizielle Schulpolitik ganz auf Doppelzüngigkeit

eingestellt. Den helvetischen Nachwuchs will sie zu einer einzigen Generation

von Sprach-Switchern heranbilden. Was bisher mehr Mythos bleibt – die

mehrsprachige Schweiz – , das soll, dank Schulreform, endlich Realität werden:

Die Primarschule als Sprachinstitut, mit Deutsch (auch so eine Fremdsprache),

Englisch, Französisch. Das Ideal kindlicher Vielzüngigkeit dominiert die

Schuldebatte so sehr, dass andere – denkbare – Bildungsziele kaum noch zum

Zuge kommen. Warum – nur zum Beispiel – sagt kein Bildungsdirektor:

Scharfzüngig muss der junge Mensch zuallererst werden. Was gleichzeitig

hiesse: Kinder sind primär auf Klarzüngigkeit hin zu schulen. Schliesslich leben

wir in einer diffusen Welt, und darin rettet sich nur, wer klar denkt, scharf

argumentiert.

2

Wenn ich so rede, bin ich natürlich befangen in meinen Erfahrungen. Zwanzig

Jahre lang studierte ich Bewerbungsschreiben für Redaktionen, ich überflog die

Beilagen (jede Menge Auslandaufenthalte, Sprachdiplome am Laufmeter,

Donnerwetter), ich staunte über die Rubrik „Sprachkenntnisse“ (Englisch

perfekt, Französisch perfekt, Spanisch gut, Russisch brauchbar). Daraufhin las

ich noch einmal den Brief – und musste leider sagen: Nur eines können diese

Wunderkinder nicht, nämlich deutsch, schlimmer noch: Sie verstehen nicht, ihre

Gedanken zu ordnen, sie bringen, was sie sagen wollen, nicht auf den Punkt. –

Woraus ich schliessen muss: Die Vielzüngigen sind nicht automatisch auch die

Klarzüngigen.

Was allerdings nicht zum Gegenschluss verleiten darf: Je weniger Sprachen,

umso klarer das Denken. Sonst wäre George Bush ja Denkweltmeister. Nein, ich

konstruiere nicht die Alternative „Sprachgewandte versus Denkgewaltige“. Ich

wende mich bloss gegen die modische Gleichung „Bildung gleich Sprachen-

Portfolio“. Bei aller Unentbehrlichkeit der Fremdsprachen (in einer

multikulturellen Schweiz, in einer globalisierten Welt): Sie dürfen die andern

Bildungsgüter nicht verdrängen: Lesen, Denken, Rechnen, Wissen, Fantasieren,

Musizieren... Ohne den klassischen Humus der Bildung hängen die

Fremdsprachen seltsam in der Luft, Hors-sol-Produkte ohne Erdung. Was nützt

es Teenagern, wenn sie nichts zu sagen haben, dieses Nichts jedoch in drei

Sprachen ausdrücken können? Ich habe nichts gegen zwei Fremdsprachen in der

Primarschule. Was mich nervt, ist die bildungsbürokratische Fixierung auf sie,

diese Obsession, als wäre mit ihrer Einfügung in die Stundentafel die ganze

Schule in Butter, der Nachwuchs zukunftstauglich, die Nation gerettet. Diese

Heilserwartungen finde ich einfach lächerlich.

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So. Jetzt kann ich gelassen zur Sache kommen, zur Diskussion um die

Fremdsprachen in der Primarschule. In diesem Argumentationstheater spielte

ich nie eine Rolle, ich schaue immerhin interessiert zu. Und was seh ich da?

Pauschal gesagt: ein Aneinander-vorbei-Sprech-Stück. Die Akteure treten

abwechselnd an die Rampe, tragen ihren Part vor. Zwischen ihnen passiert so

gut wie gar nichts, kein Streit, keine Entwicklung, kein Drama.

Wer sind die Akteure? In den Hauptrollen: 1. die Modernisierer (Buschors

Nachfolger, die EDK, „die“ Wirtschaft, Avenir Suisse...), 2. die Pädagogen (der

Grossteil der Lehrerschaft, die Initianten „Eine Fremdsprache ist genug“). In den

Nebenrollen: 1. die „Compatriotisten“ (Les Romands, Politiker wie Bundesrat

Deiss, die durch die Favorisierung des Englischen den nationalen Zusammenhalt

gefährdet sehen), 2. die Hirnforscher, die wissen, wie Sprachbildung im Inneren

unseres Denkorgans funktioniert.

Wie treten diese Akteure auf?

Die Modernisierer spielen im Drama die Partie der Helden. Führen das Volk ins

gelobte Land. In eine glänzende Zukunft. Sie sehen, was Not tut, und packen es

an. Früher hätten sie den Krieg erklärt oder Frieden gestiftet. Heute führen sie

Fremdsprachen in die Volksschule ein. Zuallererst Englisch, die aktuelle Lingua

franca, die Sprache der wirtschaftlich globalisierten Gesellschaft. Wer nicht

Englisch kann, ist schon abgehängt, ein Provinz-Ei. Also Englisch ganz früh,

spätestens ab neun, das rettet die Nation, bringt sie im globalen Wettrennen

wieder an die Spitze. Die Kinder sind schliesslich unser Standortfaktor Nr. 1.

Wie alle richtigen Helden halten sich die Modernisierer nicht bei Kleinigkeiten

auf. Wie die Schule, die Kinder mit den beiden Fremdsprachen zurecht

kommen? Kinkerlitzchenfrage! Was Not tut, muss sein. Basta.

4

Die Pädagogen geben im Stück die Rolle der Intriganten. Heldenbremser,

Fortschrittsblocker, Zukunftsverdunkler. Ihre Sorge gilt der Gegenwart der

Schule, nicht der Zukunft der Wirtschaft. Überfordert seien Kinder schon ohne

Fremdsprachen; 57 aller Drittklässler im Kanton Zürich beanspruchen

irgendwelche Lernhilfsangebote. Und Deutsch! Ruft nicht just „die Wirtschaft“

nach besseren Deutschkenntnissen? Und soliderer Mathematik? Ja wie denn,

wann denn? Und überhaupt: Wie stellt man sich Pädagogik vor? Nach Art der

Schmetterlinge über alles hinweg tanzend? Oder wie Maulwürfe in die Sache

hinein wühlend? Für Pädagogen ist klar: Eine zweite Fremdsprache schädigt das

Lernmilieu an Primarschulen.

Zwei unverrückbare Positionen. Sie reden in entgegengesetzte Blickrichtung.

Pädagogen blicken ins Schulzimmer, Modernisierer zum Fenster hinaus.

Nun agieren auf der Bühne noch zwei Sekundanten.

Die Compatriotisten spielen den Rat der Weisen. Gralshüter helvetischer

Mehrsprachigkeit. Für sie ist die Schule mehr Pflanzstätte freundeidgenössischer

Brüderlichkeit, weniger Trainingscamp für internationale Rivalität. Daher das

Plädoyer: Vorrang für Französisch. Die Begründung läuft staatspolitisch, nicht

pädagogisch. Das Zusatzargument, Schweizer Kinder lernten leichter lateinische

Sprachen, riecht nach Alibi.

Die Neurobiologen sind so etwas wie der Chor der antiken Tragödie. Sie wissen

immer mehr als die Akteure, sind sozusagen intim mit dem Schicksal, in

unserem Fall mit dem Hirn, unserem evolutionär gewachsenen Zentralorgan. Ihr

Fachwissen sagt ihnen mindestens dreierlei: 1. Je jünger das Hirn, umso leichter

lernt es. 2. Sprachen lernt das junge Hirn am besten simultan, weil sonst die

zweite Sprache in Konkurrenz zur etablierten tritt. 3. und überhaupt: Ein

5

Grossteil des Hirn liegt dauernd brach. Also Schluss mit der Unterforderung

kindlicher Hirntätigkeit. Früh trainieren. Simultan lernen.

Alles in allem: eine chaotische Spielanlage. Dennoch übernehme ich jetzt mal

die Regie. Komisch ist nämlich: Jede einzelne Position leuchtet mir, isoliert

betrachtet, komplett ein. Die Modernisierer sind für Zukunft, die

Compatriotisten für Tradition, die Pädagogen für Lernqualität, die

Neurobiologen für bessere Hirnauslastung. Lauter löbliche Anliegen. Nur dass

alle durch ihren separaten Stursinn das Drama blockieren. Im

Improvisationstheater gibt es folgende Kernregel: Kein Akteur darf sich der

Initiative anderer Spieler verschliessen, er soll sie bekämpfen, doch er muss sich

auf sie einlassen. Genau das arrangiere ich zum Schluss.

Ich beginne wieder mit den Modernisierern. Die ballern gerne mit Parolen um

sich. „Sprachen sind das Tor zur Welt.“ Bestreitet keiner. Gegner fragen nur,

wie weit dieses Tor sich öffne – mit zwei Wochenstunden pro Fremdsprache.

Studien zeigen: Mit 17 sind in Englisch alle gleich gut – die, die schon als

Kinder angefangen, und die, die später, doch intensiver eingesetzt haben. Will

sagen: Bevor die Modernisierer losreiten, sollten sie sich pädagogisch sattelfest

machen. Sie wollen doch nicht einfach Fremdsprachen im Stundenplan, sondern

einen schlaueren, viferen, weltläufigeren Nachwuchs. Dies hängt aber weniger

von der Stundentafel ab als vom Lernmilieu in Schulen. Also müssen die

Reformer den Pädagogen zuhören, die kennen sich da aus. Gegen das Ziel

(fremdsprachliche Gewandtheit für alle) hat keiner etwas. Doch was ist das Ziel

wert, wenn der Weg holpert? Wo liegt denn heute das Problem an Hochschulen?

Bei mangelhafter Sprachkenntnis? Nein. Bei mangelnder Motivation – und

Denkschwäche. Immer mehr Studierenden fällt es immer schwerer, im Andrang

der Informationen einen Gesichtspunkt herauszuschälen, eine Perspektive zu

6

finden, einen Gedanken zu fassen. Diese Schwächen behebt kein frühes

Sprachen-Portfolio. Darauf müssten Modernisierer reagieren.

Jetzt zu den Pädagogen. Die wissen, wie Schule geht. Aber wissen sie auch, wie

die Welt „draussen“ aussieht? Mit ihrer Devise „Qualität vor Quantität“ haben

sie zweifellos recht. Aber vielleicht geht Qualität nicht mehr immer und

zwingend mit Solidität und Seriosität einher. Die Kinder wachsen nicht mehr in

einer „linearen“ Welt heran, eher in einer „fraktalen“, voller Brüche, Klippen,

Kanten. Da müssen sie springen können, nicht bedächtig gehen. Es ist wie der

Unterschied zwischen Skifahren und Snowboarden. Skifahren ist alteuropäische

Schule, linear, auf direktestem Weg von A (Start) zu B (Ziel). Snowboarden ist

neue Schule, Zufallstraining, Klippen waghalsig überspringen, statt elegant

umfahren. Die Computer-Kids surfen, vielleicht unkonzentriert, doch geschickt.

Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu bleiben. Problematisch, sicher. Aber

Tiefgang ist riskant in Zeiten der Datenüberflutung... Will sagen: Schule muss

wohl immer eine Art Schonraum sein. Aber nicht nur. Sie muss auch nach der

Welt schmecken, in der die Kids aufwachsen. Das Gesetz dieser Welt aber heisst

„Turbulenz“: das unvorhersehbare Neben- und Durcheinander von

Verschiedenartigem. Turbulenz verlangt neue Wahrnehmungsleistungen:

schnelle visuelle Auffassung, rasches Kombinieren, gewitztes Switchen. Also

Surfen auch in Sprachen? Nicht nur, doch auch. Soweit könnten Pädagogen sich

auf Modernisierer einlassen – und an einer Pädagogik arbeiten, die eine Balance

hält zwischen Konzentration und Surftraining.

Nur zwei Worte zu den Compatriotisten. Von den Pädagogen könnten sie

lernen: Gegen den Willen der Kinder läuft gar nichts. Und die Kinder sind heute

umgeben von einer englischen Klang- und Wortkulisse. Abgesehen davon: Wie

viel Französisch können wir?

7

Und ein Wort zu den Hirnforschern. Schüler schicken nicht ihr Hirn zur Schule.

Sie sitzen da mit ihrer fernsehbedingten Müdigkeit im Leib, mit der Trauer um

ihre familiäre Misere im Herzen. Und zum Hirn gehören neuerdings auch die

Spiegelneuronen: Kinder imitieren ihre Lehrerin. Womit die Sache wieder auf

die pädagogische Frage hinausläuft.

Ich gebe die Regie wieder ab. Blickten alle Akteure mal über ihren Tellerrand

hinaus, statt – wie in der „Arena“ – stur ihre Position durchzuboxen, es käme

vielleicht ein lebhaft belebendes Stück zustande. Ein Bildungsdrama, worin

nicht die Stundentafel mit Fremdsprachen die Hauptrolle spielt, sondern die

vielfältige Fitness der jungen Generation.

 

1

Hochschul-Forum PHZ Zug „Fremdsprachen in der Primarschule“

17. Januar 2006, 19.30 Uhr

Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, Zürich

MIT WIE VIELEN ZUNGEN MUSS EIN KIND REDEN?

Einzüngig oder doppelzüngig? Das ist die Frage im akuten Glaubensstreit um

Fremdsprachen in der Primarschule. Die Missionare beider Fronten schleppen

viel mythologischen Ballast mit. Die Doppelzüngigkeits-Fraktion erwartet nichts

weniger als ein sprachliches Pfingstwunder. Die Einzüngigkeits-Initianten

befürchten die babylonische Sprachverwirrung. Babel gegen Pfingsten. Daran

sieht man: Geht es um Sprache, geht es nie nur um Sprache.

Dennoch hat sich die offizielle Schulpolitik ganz auf Doppelzüngigkeit

eingestellt. Den helvetischen Nachwuchs will sie zu einer einzigen Generation

von Sprach-Switchern heranbilden. Was bisher mehr Mythos bleibt – die

mehrsprachige Schweiz – , das soll, dank Schulreform, endlich Realität werden:

Die Primarschule als Sprachinstitut, mit Deutsch (auch so eine Fremdsprache),

Englisch, Französisch. Das Ideal kindlicher Vielzüngigkeit dominiert die

Schuldebatte so sehr, dass andere – denkbare – Bildungsziele kaum noch zum

Zuge kommen. Warum – nur zum Beispiel – sagt kein Bildungsdirektor:

Scharfzüngig muss der junge Mensch zuallererst werden. Was gleichzeitig

hiesse: Kinder sind primär auf Klarzüngigkeit hin zu schulen. Schliesslich leben

wir in einer diffusen Welt, und darin rettet sich nur, wer klar denkt, scharf

argumentiert.

2

Wenn ich so rede, bin ich natürlich befangen in meinen Erfahrungen. Zwanzig

Jahre lang studierte ich Bewerbungsschreiben für Redaktionen, ich überflog die

Beilagen (jede Menge Auslandaufenthalte, Sprachdiplome am Laufmeter,

Donnerwetter), ich staunte über die Rubrik „Sprachkenntnisse“ (Englisch

perfekt, Französisch perfekt, Spanisch gut, Russisch brauchbar). Daraufhin las

ich noch einmal den Brief – und musste leider sagen: Nur eines können diese

Wunderkinder nicht, nämlich deutsch, schlimmer noch: Sie verstehen nicht, ihre

Gedanken zu ordnen, sie bringen, was sie sagen wollen, nicht auf den Punkt. –

Woraus ich schliessen muss: Die Vielzüngigen sind nicht automatisch auch die

Klarzüngigen.

Was allerdings nicht zum Gegenschluss verleiten darf: Je weniger Sprachen,

umso klarer das Denken. Sonst wäre George Bush ja Denkweltmeister. Nein, ich

konstruiere nicht die Alternative „Sprachgewandte versus Denkgewaltige“. Ich

wende mich bloss gegen die modische Gleichung „Bildung gleich Sprachen-

Portfolio“. Bei aller Unentbehrlichkeit der Fremdsprachen (in einer

multikulturellen Schweiz, in einer globalisierten Welt): Sie dürfen die andern

Bildungsgüter nicht verdrängen: Lesen, Denken, Rechnen, Wissen, Fantasieren,

Musizieren... Ohne den klassischen Humus der Bildung hängen die

Fremdsprachen seltsam in der Luft, Hors-sol-Produkte ohne Erdung. Was nützt

es Teenagern, wenn sie nichts zu sagen haben, dieses Nichts jedoch in drei

Sprachen ausdrücken können? Ich habe nichts gegen zwei Fremdsprachen in der

Primarschule. Was mich nervt, ist die bildungsbürokratische Fixierung auf sie,

diese Obsession, als wäre mit ihrer Einfügung in die Stundentafel die ganze

Schule in Butter, der Nachwuchs zukunftstauglich, die Nation gerettet. Diese

Heilserwartungen finde ich einfach lächerlich.

3

So. Jetzt kann ich gelassen zur Sache kommen, zur Diskussion um die

Fremdsprachen in der Primarschule. In diesem Argumentationstheater spielte

ich nie eine Rolle, ich schaue immerhin interessiert zu. Und was seh ich da?

Pauschal gesagt: ein Aneinander-vorbei-Sprech-Stück. Die Akteure treten

abwechselnd an die Rampe, tragen ihren Part vor. Zwischen ihnen passiert so

gut wie gar nichts, kein Streit, keine Entwicklung, kein Drama.

Wer sind die Akteure? In den Hauptrollen: 1. die Modernisierer (Buschors

Nachfolger, die EDK, „die“ Wirtschaft, Avenir Suisse...), 2. die Pädagogen (der

Grossteil der Lehrerschaft, die Initianten „Eine Fremdsprache ist genug“). In den

Nebenrollen: 1. die „Compatriotisten“ (Les Romands, Politiker wie Bundesrat

Deiss, die durch die Favorisierung des Englischen den nationalen Zusammenhalt

gefährdet sehen), 2. die Hirnforscher, die wissen, wie Sprachbildung im Inneren

unseres Denkorgans funktioniert.

Wie treten diese Akteure auf?

Die Modernisierer spielen im Drama die Partie der Helden. Führen das Volk ins

gelobte Land. In eine glänzende Zukunft. Sie sehen, was Not tut, und packen es

an. Früher hätten sie den Krieg erklärt oder Frieden gestiftet. Heute führen sie

Fremdsprachen in die Volksschule ein. Zuallererst Englisch, die aktuelle Lingua

franca, die Sprache der wirtschaftlich globalisierten Gesellschaft. Wer nicht

Englisch kann, ist schon abgehängt, ein Provinz-Ei. Also Englisch ganz früh,

spätestens ab neun, das rettet die Nation, bringt sie im globalen Wettrennen

wieder an die Spitze. Die Kinder sind schliesslich unser Standortfaktor Nr. 1.

Wie alle richtigen Helden halten sich die Modernisierer nicht bei Kleinigkeiten

auf. Wie die Schule, die Kinder mit den beiden Fremdsprachen zurecht

kommen? Kinkerlitzchenfrage! Was Not tut, muss sein. Basta.

4

Die Pädagogen geben im Stück die Rolle der Intriganten. Heldenbremser,

Fortschrittsblocker, Zukunftsverdunkler. Ihre Sorge gilt der Gegenwart der

Schule, nicht der Zukunft der Wirtschaft. Überfordert seien Kinder schon ohne

Fremdsprachen; 57 aller Drittklässler im Kanton Zürich beanspruchen

irgendwelche Lernhilfsangebote. Und Deutsch! Ruft nicht just „die Wirtschaft“

nach besseren Deutschkenntnissen? Und soliderer Mathematik? Ja wie denn,

wann denn? Und überhaupt: Wie stellt man sich Pädagogik vor? Nach Art der

Schmetterlinge über alles hinweg tanzend? Oder wie Maulwürfe in die Sache

hinein wühlend? Für Pädagogen ist klar: Eine zweite Fremdsprache schädigt das

Lernmilieu an Primarschulen.

Zwei unverrückbare Positionen. Sie reden in entgegengesetzte Blickrichtung.

Pädagogen blicken ins Schulzimmer, Modernisierer zum Fenster hinaus.

Nun agieren auf der Bühne noch zwei Sekundanten.

Die Compatriotisten spielen den Rat der Weisen. Gralshüter helvetischer

Mehrsprachigkeit. Für sie ist die Schule mehr Pflanzstätte freundeidgenössischer

Brüderlichkeit, weniger Trainingscamp für internationale Rivalität. Daher das

Plädoyer: Vorrang für Französisch. Die Begründung läuft staatspolitisch, nicht

pädagogisch. Das Zusatzargument, Schweizer Kinder lernten leichter lateinische

Sprachen, riecht nach Alibi.

Die Neurobiologen sind so etwas wie der Chor der antiken Tragödie. Sie wissen

immer mehr als die Akteure, sind sozusagen intim mit dem Schicksal, in

unserem Fall mit dem Hirn, unserem evolutionär gewachsenen Zentralorgan. Ihr

Fachwissen sagt ihnen mindestens dreierlei: 1. Je jünger das Hirn, umso leichter

lernt es. 2. Sprachen lernt das junge Hirn am besten simultan, weil sonst die

zweite Sprache in Konkurrenz zur etablierten tritt. 3. und überhaupt: Ein

5

Grossteil des Hirn liegt dauernd brach. Also Schluss mit der Unterforderung

kindlicher Hirntätigkeit. Früh trainieren. Simultan lernen.

Alles in allem: eine chaotische Spielanlage. Dennoch übernehme ich jetzt mal

die Regie. Komisch ist nämlich: Jede einzelne Position leuchtet mir, isoliert

betrachtet, komplett ein. Die Modernisierer sind für Zukunft, die

Compatriotisten für Tradition, die Pädagogen für Lernqualität, die

Neurobiologen für bessere Hirnauslastung. Lauter löbliche Anliegen. Nur dass

alle durch ihren separaten Stursinn das Drama blockieren. Im

Improvisationstheater gibt es folgende Kernregel: Kein Akteur darf sich der

Initiative anderer Spieler verschliessen, er soll sie bekämpfen, doch er muss sich

auf sie einlassen. Genau das arrangiere ich zum Schluss.

Ich beginne wieder mit den Modernisierern. Die ballern gerne mit Parolen um

sich. „Sprachen sind das Tor zur Welt.“ Bestreitet keiner. Gegner fragen nur,

wie weit dieses Tor sich öffne – mit zwei Wochenstunden pro Fremdsprache.

Studien zeigen: Mit 17 sind in Englisch alle gleich gut – die, die schon als

Kinder angefangen, und die, die später, doch intensiver eingesetzt haben. Will

sagen: Bevor die Modernisierer losreiten, sollten sie sich pädagogisch sattelfest

machen. Sie wollen doch nicht einfach Fremdsprachen im Stundenplan, sondern

einen schlaueren, viferen, weltläufigeren Nachwuchs. Dies hängt aber weniger

von der Stundentafel ab als vom Lernmilieu in Schulen. Also müssen die

Reformer den Pädagogen zuhören, die kennen sich da aus. Gegen das Ziel

(fremdsprachliche Gewandtheit für alle) hat keiner etwas. Doch was ist das Ziel

wert, wenn der Weg holpert? Wo liegt denn heute das Problem an Hochschulen?

Bei mangelhafter Sprachkenntnis? Nein. Bei mangelnder Motivation – und

Denkschwäche. Immer mehr Studierenden fällt es immer schwerer, im Andrang

der Informationen einen Gesichtspunkt herauszuschälen, eine Perspektive zu

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finden, einen Gedanken zu fassen. Diese Schwächen behebt kein frühes

Sprachen-Portfolio. Darauf müssten Modernisierer reagieren.

Jetzt zu den Pädagogen. Die wissen, wie Schule geht. Aber wissen sie auch, wie

die Welt „draussen“ aussieht? Mit ihrer Devise „Qualität vor Quantität“ haben

sie zweifellos recht. Aber vielleicht geht Qualität nicht mehr immer und

zwingend mit Solidität und Seriosität einher. Die Kinder wachsen nicht mehr in

einer „linearen“ Welt heran, eher in einer „fraktalen“, voller Brüche, Klippen,

Kanten. Da müssen sie springen können, nicht bedächtig gehen. Es ist wie der

Unterschied zwischen Skifahren und Snowboarden. Skifahren ist alteuropäische

Schule, linear, auf direktestem Weg von A (Start) zu B (Ziel). Snowboarden ist

neue Schule, Zufallstraining, Klippen waghalsig überspringen, statt elegant

umfahren. Die Computer-Kids surfen, vielleicht unkonzentriert, doch geschickt.

Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu bleiben. Problematisch, sicher. Aber

Tiefgang ist riskant in Zeiten der Datenüberflutung... Will sagen: Schule muss

wohl immer eine Art Schonraum sein. Aber nicht nur. Sie muss auch nach der

Welt schmecken, in der die Kids aufwachsen. Das Gesetz dieser Welt aber heisst

„Turbulenz“: das unvorhersehbare Neben- und Durcheinander von

Verschiedenartigem. Turbulenz verlangt neue Wahrnehmungsleistungen:

schnelle visuelle Auffassung, rasches Kombinieren, gewitztes Switchen. Also

Surfen auch in Sprachen? Nicht nur, doch auch. Soweit könnten Pädagogen sich

auf Modernisierer einlassen – und an einer Pädagogik arbeiten, die eine Balance

hält zwischen Konzentration und Surftraining.

Nur zwei Worte zu den Compatriotisten. Von den Pädagogen könnten sie

lernen: Gegen den Willen der Kinder läuft gar nichts. Und die Kinder sind heute

umgeben von einer englischen Klang- und Wortkulisse. Abgesehen davon: Wie

viel Französisch können wir?

7

Und ein Wort zu den Hirnforschern. Schüler schicken nicht ihr Hirn zur Schule.

Sie sitzen da mit ihrer fernsehbedingten Müdigkeit im Leib, mit der Trauer um

ihre familiäre Misere im Herzen. Und zum Hirn gehören neuerdings auch die

Spiegelneuronen: Kinder imitieren ihre Lehrerin. Womit die Sache wieder auf

die pädagogische Frage hinausläuft.

Ich gebe die Regie wieder ab. Blickten alle Akteure mal über ihren Tellerrand

hinaus, statt – wie in der „Arena“ – stur ihre Position durchzuboxen, es käme

vielleicht ein lebhaft belebendes Stück zustande. Ein Bildungsdrama, worin

nicht die Stundentafel mit Fremdsprachen die Hauptrolle spielt, sondern die

vielfältige Fitness der jungen Generation.

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Pädagogische Hochschule

Zentralschweiz • Zug

Zugerbergstrasse 3 • 6300 Zug

Tel. 041 727 12 40 • Fax 041 727 12 01

rektorat@zug.phz.ch • www.zug.phz.ch

Hochschul-Forum 19. Mai 2005

Referat Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist

SIND ELTERN UND LEHRER

ZWEIERLEI MENSCHEN?

„Die Lehrer sind die Doofen“. So lautete letzte Woche die Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins

„Facts“: „Freche Eltern, bockige Schüler, hohle Reformer. Ein Berufsstand wird überfordert“. Wenn

Journalisten die Schule zur Titelgeschichte machen, muss die Misere richtig arg sein.

Das konfuse Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern, zwischen Lehrerinnen und Gesellschaft begann

nicht erst im Februar, als Appenzell Innerrhoden den Schulweg zum Hoheitsgebiet der Schulordnung

erklärte. Die Frage war: Wer entscheidet, ob Schüler auf dem Weg zur Schule kiffen, saufen,

zuschlagen dürfen? Die Eltern – oder die Lehrer? Die Lehrer, entschied das Innerrhoder Parlament.

Man mag das problematisch finden, rechtlich wie erzieherisch. Praktisch ist es folgerichtig. Ich sass im

Sommer auf der Restaurant-Terrasse eines Appenzeller Dorfes. Auf dem Platz machten drei

Halbwüchsige Radau, aggressiv, laut, flegelhaft. Am Nebentisch ein paar Einheimische, fragten

genervt: „Bei welchem Lehrer gehen die zur Schule?“

Die Konfusion begann auch nicht erst im Sommer, als jeder Stammtisch über den sog. „Nutten-Look“

von Schülerinnen her zog. String-Tanga sind nicht wirklich mein Sorgenthema. Es gibt wichtigere

Dinge, und vor allem sollten wir „Sexy Mode“ nicht umstandslos mit „Sex“ identifizieren, der

demonstrativ zur Schau gestellte Körper ist heute mehr Accessoire als authentisches Ich, die meisten

wollen einfach aussehen wie ihr Idol (Britney Spears), einige testen ihre sexuelle Attraktion aus. Alles

wie früher, nur in neuen Formen. Problematisch ist eher, dass die Gesellschaft die Teenager in ein

Wechselbad der Lebensideale wirft. Einerseits verlangt sie (als Wirtschaftsgesellschaft) Leistung,

Disziplin, Fleiss. Anderseits gaukelt sie (in Werbung, TV, Popkultur) ein Leben voller Fun, Sex,

Shopping vor. Die Teenies im Clinch: Wer steht fürs wahre Leben – MTV oder der Lehrer? In der

Boulevardzeitung lese ich: “Braucht, wer so aussieht, Matur?” Wie reagiert die Schule auf dieses

Dilemma? Solange irgendwelche Chicks Karriere machen, bloss weil sie proper aussehen (Michelle

Hunziker etc.), ist es schwierig, 15-Jährigen plausibel zu machen, sie kämen nur mit schwitzendem

Hirn erfolgreich durchs Leben.

Die Gesellschaft macht es sich verdammt einfach. Sie schiebt der Schule immer ungenierter die

Probleme zu, die sie selber nicht meistert: Manieren-Training, Gesundheits-Erziehung, Drogen2

Prävention, Sexual-Erziehung, Liebeskummer-Therapie... Lauter höchst private Angelegenheiten, im

Prinzip. In der Realität aber wird die Lehrerin zur Ersatz-Mutter – und hat doch kein Recht, ihre

Erziehungsvorstellung durchzusetzen.

Dieselbe Lehrerin muss die Kinder mental zukunftstauglich präparieren. Also erstens Kinderstube,

zweitens Intelligenz-Camp. Ziemlich happig, das Pensum. Zumal die Nation seit der Pisa-Studie

weiss: Kinder sind unser Standortfaktor Nummer eins. Also müssen sie lesetüchtig, rechenwendig,

realiengesättigt werden. Und zwar Weltspitze, bitte sehr, nicht noch einmal hinter den Österreichern!

Und alles auf der Höhe der Zeit: keine öde Stoffhuberei – Lernkompetenz! Sozialkompetenz!

Selbstkompetenz! Ist denn das so schwer zu begreifen? Flexibilität! Sprachenswitching!... Sonst

rutscht die Schweiz ab. Ressource Bildung, Zukunft, Globalisierung! Erfüllt euren Job, Lehrer!

So delegiert die Gesellschaft ihre diffizilsten und vitalsten Aufgaben an die Schule: Erziehung plus

Bildung. Die kleinen Monster zivilisatorisch bändigen und intellektuell in Hochform bringen. Also

Maximalerwartungen – um nicht zu sagen: Heilserwartungen. Konsequent wäre dann: Eine

Gesellschaft, die ihr Überleben an die Schule knüpft, schätzt diese Schule über alles – und behandelt

die Lehrer als gesellschaftliche Elite ersten Ranges.

Ist noch nicht ganz soweit. Die Gesellschaft verhält sich zwiespältig – irgendwo zwischen

Höchsterwartung und Geringschätzung. In der Hierarchie der gesellschaftlichen Prestiges reicht die

Lehrerin der TV-Moderatorin knapp bis zur Brust (auch wenn die über jeden zweiten Satz stolpert), der

Lehrer verschwindet glatt neben dem Manager (auch wenn der eine Niete im Nadelstreif ist). Hat

diese Gesellschaft einen Knacks? Jedenfalls schleppt sie jede Menge uralter Vorurteile über Lehrer

mit. Die vermischen sich mit jüngeren Vorstellungen – und schon haben wir den Kuddelmuddel: Die

Höchsterwartung an die Schule entspricht dem aktuellen ökonomischen Bedürfnis, die relative

Geringschätzung des Lehrpersonals schleicht subkutan als archaisches Vorurteil mit.

Hier sehe ich den Kern der Konfusion zwischen Schule und Gesellschaft. Konfusionen kann man nicht

abstellen. Man muss sie klären. Das will ich tun. In drei Anläufen: 1. Was ist mit den Lehrern los?

Archäologie des Lehrberufes. 2. Was ist mit den Eltern los? Soziologie eines überforderten Standes.

3. Was tun? Unverschämte Vorschläge für Lehrer und Eltern.

3

I. WAS IST MIT DEN LEHRERN LOS?

ARCHÄOLOGIE DES LEHRBERUFES

Kurze Archäologie der Abneigung gegen den Lehrberuf. Was ist passiert, dass ausgerechnet dieser

Beruf gesellschaftlich nie so richtig vollgenommen wurde? Bis hin zu den Lehrern selbst, nota bene.

Auf der Geburtstags-Party stellt sich eine Frau beinahe entschuldigend als Lehrerin vor. In

Heiratsannoncen von Lehrern steht regelmässig die beruhigende Versicherung, sie seien absolut

keine Lehrertypen. Lehrer gehören zur Schicht der Gebildeten, sie verdienen ganz ordentlich – und

sind doch nicht richtig gesellschaftsfähig. Warum? Es kommt von weit her, aus dem Feudalismus, der

den Typus des Hofmeisters hervorbrachte. Der Hauslehrer, ein Bediensteter, besseres Gesinde. Auch

Friedrich Hölderlin schlug sich so durch, in Frankfurt, bei der Patrizierfamilie von Gontard. Da

entwickelte sich seine delikate Beziehung zu Diotima. Und als die im Familienkreis zur Sprache kam,

sagte die noble Grossmutter auf gut frankfurterisch: „Ja, ja, mer hat immer so`n Unmus mit dene

Hauslehrer.“

Der Lehrer als Lakaie. Der Schreiberling als subalterner Hausangestellter. Aus Sicht des Hausherrn,

ob General oder Bankier, ein Schwächling, nicht satisfaktionsfähig. Ein Federfuchser halt, für

Tatmenschen immer suspekt. Ganz ähnlich wie Journalisten.

In neuerer Zeit wählen die „Tatmenschen“ sogenannt „freie Berufe“: Juristen, Ärzte, Manager

verdienen mehr, ihr Einkommen ist aber nicht gesichert, sie müssen sich gegen Konkurrenz

durchsetzen, weshalb sie ein gewisses Flair von Kühnheit garniert. Wogegen Lehrer in ihrer

vermeintlich geschützten Werkstatt „Federfuchser“ bleiben: pensionsberechtigte Festangestellte,

Beamte mit fixen Arbeitszeiten, in krisensicherer Branche. Kommt hinzu, dass Richter und Manager

reale Macht haben, während man den Lehrern ihr bisschen Macht verübelt; denn es ist eine Macht

über Kinder, also über nicht gleichberechtigte Rechtssubjekte. Redensarten wie die vom

„Schultyrannen“ sind despektierlich gemeint: Der Schultyrann parodiert wirkliche Macht; er kann ja nur

kleine Kinder einen Nachmittag lang einsperren.

Das ist das erste Merkmal in der Vorurteils-Geschichte: Der Lehrer als Schwächling, als Federfuchser,

als Macht-Parodist.

Hinzu kommt die Schmach des Pädagogisierens. Der Lehrer schneidet die Sache, die er betreibt, auf

den Schüler zu. Er arbeitet, anders als der Forscher, nicht um der Sache willen. Er bläut ein, was

längst bekannt ist. Er produziert nichts, er käut wieder. Der Lehrer als Händler der immer selben

Kenntnisse wird bestenfalls bemitleidet, weil er seine Kenntnisse nicht besser verwerten kann für

seine eigenen materiellen Interessen.

Der Lehrer und seine Schüler: das Verhältnis ist irgendwie nicht fair, ist kein guter Sport. Da spielt

einer den Überlegenen, dabei ist seine Überlegenheit gratis. Er lebt halt schon länger, das ist das

ganze bisschen Unterschied. Und den lässt er die Halbwüchsigen spüren, er stellt die Fragen, zu

4

denen er die Antworten sowieso weiss, er bestimmt die Themen, er macht die Noten, er entscheidet

über Vorankommen oder Sitzenbleiben. Es ist irgendwie schofel. Schiere Ausnutzung eines

natürlichen Ungleichgewichts.

Hier haben Sie das zweite Merkmal der archaischen Ressentiment-Geschichte: Der Lehrer als

Pauker, als Wissenswiederkäuer, als unfair Überlegener. Die Gesellschaft setzt ihn dazu ein – und

verachtet ihn dafür, dass er dies tut.

Noch ein Drittes spielt mit. Das erotische Zwielicht. Einerseits zählt der Lehrer (Schwächling!) erotisch

nicht recht. Anderseits spielt er, bei schwärmenden Teenagern, libidinös eine beträchtliche Rolle.

Doch wehe, er zeigt auch nur die leiseste Regung! Er muss immun bleiben, ein Neutrum, und ist

darum ausgeschlossen aus der erotischen Sphäre. Als untadeliges Vorbild für Unreife ist er auch zu

erotischer Askese verpflichtet.

Streifen Sie nur mal durch die Literaturgeschichte. Alle andern, die Offiziere sowieso, auch die Richter,

sogar die Vertreter, haben pausenlos ihre Liebschaften, ihre Affären. Der Lehrer aber erscheint, bei

Wedekind etwa, als verkrüppeltes Geschlechtswesen. Als erotisch Neutralisierter, als libidinös

Unterentwickelter. Siehe Heinrich Mann, „Professor Unrat“. Der Oberstudienrat verhält sich zur Dirne

genauso wie seine Gymnasiasten. Er gleicht seinen Schülern in seinem ganzen seelischen und

libidinösen Horizont. Er ist eigentlich selber ein Kind, in eine Kinderwelt eingespannt, der er entweder

nie entronnen ist oder der er sich anpasst. Jedenfalls kein Erwachsener.

Soviel zum dritten Merkmal der archäologischen Schürfung: Der Lehrer, dauernd mit Kindern

beschäftigt, bleibt erotisch in der pubertären Phase stecken.

So ungefähr sehe ich die alten Geschichten. Ziemlich bitter, diese archaischen Hypotheken. Umso

dringender müssen wir sie hervor holen. Treiben sie hinter unserem Rücken ihr Unwesen, vergiften

sie das Verhältnis zwischen Schule und Gesellschaft. Das Irrationale werden wir nie ganz los, das ist

klar. Aber wir können es wenigstens durchlüften.

Es geht darum, dreierlei klarzumachen: 1. Wir leben nicht mehr in der Feudalzeit, sondern in der

sogenannten Wissensgesellschaft. 2. Darin erhält die Schule eine ganz andere Rolle, weg vom

Abrichten der Kinder auf fixe Normen, weg vom Eintrichtern des gesellschaftlich gerade relevanten

Wissens, hin zum Innovationszentrum der Gesellschaft. 3. Dieses Zentrum kann nur von Lehrern

geleitet werden, die weder Federfuchser noch Pauker noch erotische Nullen sind. Lehrer müssen

futuristische Leuchtfiguren werden. – Doch bevor ich Ihnen das zumute, erst ein Blick auf die

Gegenseite...

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II. WAS IST MIT DEN ELTERN LOS?

SOZIOLOGIE EINES ÜBERFORDERTEN STANDES

Was ist mit den Eltern los? Manche führen sich auf wie jene blaustrümpfige Frankfurterin: Mit dene

Hauslehrer hat man so`n Unmus. Aber haben sie noch ein Recht dazu? Die früheren Patrizier und

Dorfbonzen behandelten die Lehrer nicht ganz grundlos als bessere Kindermädchen. Sie erwarteten

gar nicht mehr von ihnen. Disziplin plus Lesen/Rechnen. Kleines Adoleszenz-Training, Stillsitzen plus

Alphabet plus Einmaleins. Mehr war nicht gefragt, mehr war nicht nötig. Den Rest besorgte das Leben

von selbst.

Dieses Leben aber ist radikal umgepflügt. Die alten Selbstverständlichkeiten sind weg. Alles im Fluss,

Modernisierungsschübe, Tempobeschleunigung, Flexibilisierungszumutungen. Statt Routinen: lauter

Turbulenzen. Darin strampeln jetzt alle – Kinder wie Eltern. Nur dass Kinder schon immer besser

strampeln konnten. Computer-Kids kennen Turbulenzen von klein auf, sie switchen, sie surfen, sie

boarden. Sie kommen gar nicht auf die Idee, ihre Welt müsste bruchlos, glatt, eindeutig sein.

Den Eltern fällt das schwerer. Strampeln ist nicht die Gangart Erwachsener. Von ihnen erwarten wir

festen Stand, aufrechten Gang. Gelegentlich demonstrieren Eltern das auch: Kiffer weg von der

Schule! Gewalttäter gehören drastisch bestraft! Null-Toleranz! Das verlangen sie von der Schule,

wohlgemerkt. Es ist Pose, ein Akt der Selbstdarstellung. Hinter der Fassade von Entschlossenheit und

Härte finden wir hilflos rotierende Eltern, verunsichert, überfordert, gestresst. Theoretisch wissen sie:

Grenzen müssten sie ihren Kindern setzen, sagt ja auch Allan Guggenbühl ohne Unterlass, als

Autorität müssten Eltern ihren Kindern gegenüber treten, nicht bloss als einfühlende, mitfühlende

Wesen, die gesellschaftlichen Standards müssten sie vor den Kindern verkörpern. Darin ist man sich

unter halbwegs intelligenten Zeitgenossen einig. Bloss, wie sollten die Eltern das tun? Sie, die sich

selbst eher als Opfer der Gesellschaft empfinden? So verhalten sich manche Eltern selber wie Kinder,

unerwachsen, unentschieden, haltlos.

Kann man verstehen. Nur: Für die Kinder ist es ein Debakel. Ihre rebellischen Impulse laufen ins

Leere. Es fehlt das stabile Gegenüber, es fehlt der Widerstand. Nur dank Widerstand entwickelt sich

ein Mensch. Mir fällt da Immanuel Kant ein. Der sagte: „Die Taube in ihrem Fluge kommt leicht auf

den Gedanken, ohne Luftwiderstand flöge sie noch viel leichter.“ Tatsächlich stürzte sie sofort ab. Also

Widerstand. Jahrhundertelang waren Eltern Bollwerke der geltenden Spielregeln – oft bis zur

Lächerlichkeit. Heute stehlen sie sich aus der Verantwortung für die Welt, in denen ihre Kinder

aufwachsen. Äusserstenfalls hängen sie eine „Peace“-Fahne aus dem Schlafzimmer, damit halten sie

ihre weltbürgerlichen Pflichten für erfüllt. Zu wenig, damit die Kinder in dieser Welt heimisch werden.

Diese Eltern haben wenig Grund, sich gegenüber der Schule protzig in Stellung zu bringen. Sie sind –

mit Nuancen – selber geworden, was sie früher den Lehrern vorhielten: ein bisschen infantil, ein

bisschen weltflüchtig, ein bisschen pubertär. Sie weigern sich zunehmend, erwachsen zu werden.

Erwachsen sein, das hiess einmal: sich weniger um sich selbst als um die Welt zu kümmern, um die

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andern, namentlich um die Kinder. Doch schon wenn Kinder kommen, geht es oft nicht ums Kind,

sondern um den emotionalen Kick für die Eltern. Die Psychologin Regine Schneider berichtet in ihrem

Buch „Oh Baby“ von Müttern, die von ihrer ersten Entbindung bitter enttäuscht sind: „Das Kind kam so

schnell, dass ich gar nicht richtig hinfühlen konnte. Ich habe direkt nach der Geburt gesagt, das muss

ich noch mal haben. Ich war so überrascht, ich fühlte mich richtig um das Geburtserlebnis betrogen.“

Das „Erlebnis“ ist die aktuelle Ausgabe der Gottheit. Gilt auch für Väter. Wehe, sie bleiben der Geburt

fern! Sie setzen sich nicht mit ihrer neuen Rolle als Väter auseinander! Als wäre Erwachsensein eine

Frage der Auseinandersetzung mit den eigenen Erlebnisvibrationen. Genau das ist pubertär. Die

Jugendlichen müssen sich erleben, sich und ihre Sexualität kennen lernen. Heutzutage nimmt das

kein Ende mehr. 49-Jährige ersetzen vielleicht das Kiffen durch Rasenmähen, Sex durch

Weindegustieren, Pop durch Bergwandern, aber sie wollen dann nicht die Berge sehen, sondern sich

erleben, sich fühlen. Nicht wirken, nicht wirklich etwas gestalten. Arme verlassene Welt.

Natürlich gibt es dafür Gründe. Die überall bröckelnden Werte verunsichern Eltern auf allen Ebenen.

Klar. Aber genau das versperrt Kindern die Chance, an Ansprüchen von aussen zu wachsen.

Ansprüche von aussen: Gibt es die in Familien? Wollen Mütter noch Mütter sein? Freundinnen ihrer

Töchter wollen sie sein. Mit den Kindern noch einmal die Jugend durchleben. Na wunderbar. Für die

Kinder leider ein Alptraum. Die fürchten sich schon weniger vor schlechten Noten als vor der

Verzweiflung ihrer Mütter. Wie sollen sie ihre pubertierende Rolle finden, wenn sie von lauter

spätpubertierenden Eltern, Tanten, Onkeln umgeben sind? Geht nicht. Oder nur durch überknallt

provokatives Auftreten. Was die Eltern dann heftig vor den Kopf stösst. Sie waren doch immer so lieb

zum Kind. Nein, sie waren nur erlebnisnarzisstisch.

Das Problem, um das ich hier schweife, heisst: Wer eigentlich ist die Anwältin des Kindes – eher die

Eltern oder die Schule? Eltern tun gelegentlich, als gehörte das Kind ihnen. Ein Kind gehört gar

niemandem. Das Kind ist Selbstzweck. Es gehört sich. Und die Erziehung hat keinen andern Zweck

als dafür zu sorgen, dass das Kind ganz und gar sich gehört. Ein Selbst wird.

Ein Selbst aber ist ohne Krämpfe nicht zu haben. Und da manche Eltern sich diesen Krampf ersparen,

wird die Schule notgedrungen zur Generalagentur für Erziehung. Im Elternhaus ist für Erziehung

irgendwie zu viel Liebe – oder was man für Liebe hält. Die Liebe mag eine Himmelsmacht sein, die

Erziehung ist eine sehr irdische Angelegenheit. Das heutige Familienleben sei ganz auf Liebe

eingestellt, damit meine ich: Eltern wie Kinder wollen möglichst jederzeit erleben, wie sie von den

andern geliebt werden. Ist ja schön, allerdings noch keine Erziehung. Erziehung verlangt, dass

Ansprüche geltend gemacht werden, an denen das Kind lernt, wächst, frei wird – auch um den Preis

zeitweiliger Liebeseinbussen. Auch dabei spielt eine Art Liebe mit, aber die Liebe zur Möglichkeit im

Kind, nicht zu seiner aktuellen Form.

Dazu taugen Lehrerinnen einfach besser. Sie lieben die Kinder nicht so abgöttisch wie Mütter und

Väter, nehmen sie auch in ihren Schwächen und Nervigkeiten ernst. Und sind vor allem nicht tief

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beleidigt, wenn das Kind frei und selbständig wird. Wogegen Eltern ihren Goldschatz nur widerwillig

als etwas Eigenständiges sehen. Sie halten ihn für 200-karätig. Neun von zehn Eltern schätzen die

Begabung ihres Sprösslings als überdurchschnittlich ein. Den Verdacht überhöhter Erwartungen in ihr

Kind weisen sie weit von sich. Neun von zehn Kindern als superintelligente Naturbegabungen! Was

gibt es da noch zu schulen?

Behüten muss man angeblich die Goldschätze. Deshalb karren Eltern ihre Kinder im Auto überall hin.

Sieht es nur entfernt nach Regen aus – rein ins Auto, der Kleine könnte sich ja erkälten. So ersparen

Eltern ihren Kindern alle Unbill – und rauben ihnen gerade das, was sie zum Erwachsenwerden

bräuchten. Der Schulweg, welch ein Terrain für selbständiges Erkunden der Welt! Welch ein Gelände

für soziales Sondieren, Trainieren! Der einzige herrschaftsfreie Raum zwischen Elternhaus und

Schule. Und nun nimmt man ihnen diesen Freiheitsraum weg, schliesst Elternhaus und Schule kurz.

Selbstverständlich aus purer Liebe. Da sehen Sie: Elternliebe taugt nicht als Allein-Prinzip der

Erziehung. Diese Liebe ist nicht an der Freiheit des Kindes interessiert. Sie ist ängstlich – und macht

das Kind ängstlich. Im Kern aber ängstigt sie sich ganz egoistisch um den eigenen Gefühlshaushalt.

So. Und nun wollen Eltern mehr Mitsprache in der Schule, lese ich. Na toll. Nur: Erst müssten sie

lernen: 1. Das Kind gehört nicht ihnen, es ist ein Selbst. 2. Mit ihrer närrischen Liebe verhindern sie

die Selbstwerdung ihres Kindes. 3. Die Schule ist dem Kind verpflichtet, nicht den Eltern; deshalb

muss die Schule eine teilautonome Institution sein, niemals eine Filiale des Elternhauses.

Im letzten Anlauf: Wie soll die Schule auf die akute Erziehungsschwäche der Eltern reagieren?

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III. WAS TUN?

UNVERSCHÄMTE VORSCHLÄGE FÜR LEHRER UND ELTERN

Das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus ist konfus. Diese Konfusion lähmt die Schule, die

Entwicklung der Kinder, letztlich die Gesellschaft. Wie kommen wir aus dieser Lähmung heraus?

Ich bin kein Guru. Ich habe keine alleinseligmachenden Rezepte. Nur ein paar unfertige Ideen. Ich

denke, wir sollten heftig nachdenken: über ein neues Selbstverständnis der Schule ebenso wie über

die Rolle der Eltern. Und dabei stets das Motto gelten lassen: Wir werden als Menschen geboren, als

Personen aber müssen wir sozialisiert werden.

1. Das neue Selbstverständnis der Schule

a. Die Pädagogen – oder: Führen statt kommunizieren

Unlängst war ich als offizieller Beobachter an einem internationalen Bildungskongress. Drei Tage lang

scharf beobachten, dann aus dem Stegreif das Schlussreferat halten. Ich hörte den

Pädagogikprofessoren zu, beobachtete das Publikum, 500 Lehrerinnen und Lehrer, in Kaffeepausen,

beim Essen. Ich achtete auf die Haltung, den Gang, die Stimme... Und muss jetzt leider sagen:

Sinnlich überwältigt war ich nicht. Ich sah zu viel Gebeugtheit, zu viel Verhuschtheit. Ich hörte zu viel

Unsicherheit, zu viel Gedämpftheit, zu viel Resonanzarmut. Ich vermisste – immer grosso modo nur,

mit glänzenden Ausnahmen – den Schwung, die Präsenz, die Animiertheit. Mir war da zu viel

Bremsung, zu viel Erdanziehung, zu wenig Tanzlust, Flugbereitschaft, selbstbestimmter Rhythmus...

Könnte es sein, dass die archaischen Vorurteile nicht nur manche Eltern vernageln, sondern

Lehrerinnen noch bremsen? Oder ist gar noch schlimmer: Verschwimmt die Berufsidentität der

Lehrer? Sind sie gelähmt durch die diffusen Anforderungen in der Schule? Ich kann mir das leicht

vorstellen. Denn: Was genau ist heute die Lehrerin? Amme, Hobby-Psychologin, Therapeutin,

Benimm-Tante, Kindermädchen, Mediations-Trainerin? Und nebenher Fach- und Sach-Lehrerin? Da

kann ich nur sagen: Ein derart schwammiges Berufsbild richtet nichts als Unheil an. Subjektiv ruiniert

es das Selbstbewusstsein, objektiv das gesellschaftliche Renommee. Wer irgendwie alles meint

leisten zu müssen, macht alles bestenfalls halbbatzig. Kein Mensch kann nach allen Seiten offen sein

– und gleichzeitig dicht.

Falls das Ihr Problem ist, kann ich nur raten: Straffen Sie Ihr Berufsprofil. Sagen Sie sich: Ich bin

Pädagogin, Punkt, basta, weiter nichts. Und nehmen Sie die Bezeichnung wörtlich. „Pädagogik“

kommt vom griechischen paid-agogein, was soviel bedeutet wie „Kinder führen, hin führen, hinan

führen“. Führen, nicht betreuen. Hin führen, nicht kommunizieren. Hinan führen, nicht einfühlen. Die

Pädagogin muss dieses eine wollen und können: Schüler zur Mündigkeit führen.

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Wie macht sie das? Ein alter Freund erzählte mir, wie er vor Jahren eine Realklasse im Linthgebiet

übernahm, die zuvor zwei Lehrer geschlissen hatte. Eine Woche vor Schulbeginn bot er die Schüler

brieflich auf: Am Montag um acht Uhr erwarte ich alle vor dem Schulhaus, mit Velo, Badehose und

Turnschuhen, wir machen am ersten Schultag einen Triathlon. Zwei Minuten vor acht fuhr er mit dem

Rennvelo vor, begrüsste jeden einzeln, informierte ohne weitere Umschweife über das

Tagesprogramm – und ab ging`s, erst mit dem Velo, der Lehrer voraus. Die Schüler machten fraglos

mit. Sie empfanden den Lehrer als Häuptling, folgten ihm auch alle die folgenden Tage in der Schule.

Noch heute behaupten die Leute in dem Dorf im Linthtal, sie erkennten jeden, der bei diesem Lehrer

zur Schule gegangen war.

Woran liegt das? Ich behaupte mal: am Verzicht auf Psychologisierung. Überspitzt gesagt: Zielklarheit

statt Kommunikation. Der Psychologe erkundet die unmittelbaren Bedürfnisse, die Stimmungen, die

Motivation – und mischt sie kommunikativ auf. Der Pädagoge setzt das Ziel und hilft den Schülern

dorthin zu kommen; er kennt das Wohin und das Wie, alles weitere ist ihm zweitrangig, den akuten

Gefühlshaushalt von Schülern übersieht er. Es geht ihm nicht um gute Gefühle, sondern ums Lernen.

Weil nur das Lernen mündig macht – und erst noch die besten Gefühle bringt, als Nebenwirkung.

Konzentration aufs pädagogische „Kerngeschäft“. Das braucht Häuptlinge, selbstbewusste Personen.

Die Pädagogin muss auftreten können. Sie muss als personifiziertes Ziel Eindruck machen. George B.

Shaw sagte einmal: „Jeder wird so behandelt, wie er aussieht und wie er auftritt.“ Klingt brutal, ist aber

so. Die inneren Werte sind schon wichtig, aber sie müssen durch alle Poren dringen. Das Wissen ist

auch wichtig, es wirkt aber nur, wenn es einverleibt ist. Was die Lehrerin sagt, wirkt durch die

unnachahmliche Art, wie sie es sagt: vif, vergnügt, neugierig, kräftig, willentlich. Wenn sie

Standardsprache spricht, tönt es ganz anders als bei ihren Kollegen, nicht so hölzern, beflissen,

seelenlos. Kein Bühnendeutsch, aber die Sprache gehört ihr, sie sitzt in ihr, sie versinnlicht sie. Und

die Kinder sprechen sie noch auf der Strasse Hochdeutsch an. Die Frau ist hinreissend, sie lebt, sie

führt, sie ist nicht auf die Liebe der Kinder aus (Liebhaber hat sie genug), sondern auf deren

Freiheitsfortschritte. Die Schule ist kein Feeling-Exchange, sondern Stärkung der Person. Die Schüler

merken das, hängen an ihren Lippen, die Kollegen folgen ihr, die Behörden fürchten sie... Bevor ich

vollends übertreibe, zurück auf den Boden Realität:

b. Das Schulhaus – oder: Pädagogik als kollektives Regelspiel

Die einzelne Lehrerin kann eine exzellente Pädagogin sein – ohne das Kollektiv im Schulhaus wird ihr

Erfolg immer halbiert bleiben. Das Lehrer-Kollegium muss sich über zwei Dinge verständigen – und

sich dann daran halten: zunächst über die gemeinsame Auffassung von Pädagogik, sodann über die

Spielregeln für die Schüler.

Die gemeinsame Auffassung von Pädagogik. Sie haben sicher schon gemerkt: Ich halte wenig von der

Psychologisierung der Pädagogik. Nicht dass ich Psychologie überhaupt verwerfe; sie hat ihre

Verdienste gerade für die Schule, sie hat uns gelehrt, die einzelne Kinderseele wahrzunehmen, zu

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verstehen, ernst zu nehmen. Hinter diesen Fortschritt darf keine Pädagogik zurückfallen. Aber das

heisst noch lange nicht, dass wir in jeder Situation nach den unmittelbaren Bedürfnissen der

Kinderseele fragen („wie fühlst du dich?“ „Stimmt es für dich?“) und diesen Bedürfnissen gerecht

werden sollen. Bildung ist nicht Bedürfnisbewirtschaftung, sondern Entwicklung der Bedürfnisse, der

Interessen. Und die entwickeln sich nur durch den Anspruch der Sache.

Banales Beispiel: Klein Judith lernt Klavier. Wenn daraus etwas werden soll, muss Judith sich

jahrelang dem Diktat der Klaviermusik unterwerfen, üben, üben, üben – damit dereinst aus dem

Geklimper Musik wird und aus dem ungeformten Mädchen eine souveräne Musikerin. Nimmt Judith

ihre Psyche, also ihre akuten Stimmungen und Launen zu wichtig, wird sie das nie schaffen. Vor allem

wird sie nie eine Person werden, die frei aufspielt, sondern im Netz ihrer emotionalen Stimmungen

umherstümpern.

Darauf sollte sich das Kollegium einigen. Also Schluss mit der Dominanz des Einfühlens und

Allesverstehenkönnens. Der Sache den Vorrang geben – nicht damit der Betrieb reibungsloser läuft,

sondern damit die Schüler die Chance bekommen, eine Person zu werden.

Dazu gehört das zweite: die Spielregeln für die Schüler. Ein verbindlicher Verhaltens-Kanon fürs

ganze Schulhaus. Regelklarheit: Man grüsst sich, Mädchen werden nicht „Schlampe“ genannt, kein

Kaugummi auf den Boden... All dies muss Gesetz werden, sozusagen sakrosankt, sonst hängt es

immer an der individuellen Lehrerin und belastet sie unverhältnismässig.

Ich weiss, manche reden verächtlich von „Konventionen“, diesen „Korsetts“ des Benehmens. Das ist

auch eine Folge der Psychologisierung des Alltags, alles muss angeblich „authentisch“ sein, „echt“,

dem freien Willen des Individuums entsprungen. In Wirklichkeit überfordern wir die Kleinen doch nur

mit diesem freien Willen. Es gibt nichts Menschendienlicheres als Konventionen. Sie erleichtern das

gemeinschaftliche Leben, man muss sich nicht dauernd über Sachfremdes unterhalten... Stellen Sie

sich vor, es gäbe beim Fussball keinen absolut geltenden Kanon von Regeln! Dann gäbe es alle drei

Minuten eine „Mediation“, eine „Kommunikation“ unter allen Beteiligten („Was ging in Dir vor, als Du

den Stürmer ins Schienbein tratst?“, „Stimmt es jetzt für alle?“) – und der Fussball wäre im Eimer.

Schule ist wie Fussball: Die gemeinsame Sache (Lernen, Bildung) muss unbedingten Vorrang haben

gegenüber den Befindlichkeiten der Einzelnen. In einer multikulturellen Gesellschaft ist das vollends

unverzichtbar. Wo bald jedes Elternhaus sein eigenes Weltbild hat, muss das Schulhaus

Regelnormen erzwingen. Wie anders bringt man Italiener (Mamma über alles), Türken (die Frau, ein

minderes Wesen), Schweizer (das Mädchen, das dominante Wesen) zum auskömmlichen Verhalten?

Empathie erzeugt nur das komplette Chaos. Das Schulhaus braucht ein Gesetz. – Und die Eltern

sollen sich gefälligst fügen.

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2. Die Rolle der Eltern – oder: die Entscheidung zwischen Verstummen und Mitsprache

Ich meine: Die Eltern sind vor eine einfache Wahl zu stellen. Entweder sie erziehen ihren Nachwuchs

– dann sollen sie auch in der Schule mitreden. Oder sie erziehen ihn nicht – dann sollen sie den Mund

halten.

Konflikte zwischen Jungen und Erwachsenen gab es immer. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist:

Wessen Sprache regelt die Konflikte? Wessen Sprache beherrscht das gesellschaftliche

Bewusstsein? Und wem hat es die Sprache verschlagen?

Für viele Eltern ist die Entscheidung gefallen: Jugendkultur hat sich zur alles beherrschenden Kultur

entwickelt. Die Beschleunigung aller geschichtlicher Prozesse macht die Jugend zur herrschenden

Klasse. Der Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen war zu allen Zeiten das Monopol von Alter

und Erfahrung. Jetzt wechselt er in die Hände der Jungen. Technik, Mode, Medien sind die neuen

Machtzentren unserer Gesellschaft. Und genau darin verfügen die Jungen über Wissen und

Kompetenzen. Nicht altes, sondern neues Wissen stiftet gesellschaftliche Macht, nicht Tradition,

sondern Innovation, nicht Autorität, sondern Kommunikation.

Ja, ja, die Generation der Erwachsenen hat es objektiv nicht leicht. Aber muss sie darum gleich

verstummen? Muss sie ihre Autorität entsorgen lassen? Müssen Erwachsene gleich zu beflissenen

Kopisten ihrer selbstbewussten Kinder werden? Ich kann die Fragen hier nicht beantworten. Will nur

sagen: Eltern, die ihren Kindern gegenüber verstummen, haben kein Recht, in die Schule hinein zu

reden. Und die Schule sollte ihnen das ungeniert klar machen.

Die Frage ist nur – wie? Ich sehe vor allem zwei Methoden.

Zunächst: Eltern müssen sich organisieren. Eltern-Foren sind kein Allheilmittel, aber unverzichtbar,

wenn sich etwas bessern soll. Organisierte Eltern sind immer besser als atomisierte Eltern. „Allein ist

der Mensch stets in schlechter Gesellschaft“, sagte Pascal. Das gilt auch von Eltern: Vereinzelt mit

ihrer Ansicht von Schule neigen sie zur Selbstbefangenheit, zur Überheblichkeit. Im Gespräch mit

andern Eltern relativiert sich das von selbst. Wichtig wäre, möglichst alle Eltern in solch ein Forum zu

bringen. Sonst reden nur die ohnehin Vernünftigen miteinander. Und die Pisa-Studie hat gezeigt: Ein

schwerwiegendes Problem der Schule ist die unterschiedliche Herkunft der Schüler. Diese Herkunft

verkörpern die Eltern. Also müssten möglichst alle am Gespräch über die Schule teilnehmen. Sonst

bewirkt das Elternforum nichts. Damit aber möglichst alle Eltern sich zum Gespräch finden, müssen

die Eltern selber es organisieren. Die Schule ist Partei in diesem Disput, sie hat zwar ein Interesse

daran, dass die Eltern sich für sie interessieren; doch es kann nicht ihre Aufgabe sein, die Interessen

der Eltern zu gruppieren. Eher ist es Sache der gemeindlichen Schulbehörden.

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Sodann: Es braucht dringend Methoden, den Eltern ihre Rolle vor Augen zu führen. Vorträge wie

dieser hier können durchaus etwas bewirken. Aber sie wirken nur rational. Es gibt Formen, die listiger

wirken. Zum Beispiel Theater.

Genauer: Forum-Theater. Das geht so: Zwei Schauspieler simulieren das Gespräch zwischen dem

Lehrer Sommerhalder und der Mutter Huber. Thema: der kleine Martin Huber stört den Unterricht...

Alle Eltern sitzen im Publikum, hören zu... Bis der Regisseur sie auffordert, dreinzureden, Spiel-

Varianten vorzuschlagen... Natürlich finden sie erst den Lehrer einen Kotzbrocken... Bis sie den Part

des Lehrers übernehmen müssen... Rollen-Theater. Eine sagenhaft listige Methode zu beobachten –

und sich zu beteiligen...

Ich bin leider kein Theatermann. Aber ich empfehle Ihnen solch ein Theater eindringlich. Es könnte

zehnmal mehr auslösen als mein Referat, das hier endlich zu Ende kommt.

sic! 1/2007, 063 Forum

Zur Diskussion / A discuter

Das Recht auf den Markt tragen?

Ungenierte Anmerkungen eines Laien zur Konjunktur der «Verkehrskreise»

LUDWIG HASLER*

Die folgende Festrede wurde zu Ehren des siebzigsten Geburtstags von Dr. Lucas David gehalten, der anlässlich des von Ingres organisierten Workshops zum Thema «Die Verkehrskreise im Marken-recht» vom 15./16. September 2006 gefeiert wurde. Die Bemerkungen des Nicht-Juristen Ludwig Hasler zum Thema Verkehrskreise werden von der Herausgeberschaft in der Überzeugung veröffent-licht, dass es ab und zu wohltuend ist, von dritter Seite einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.

Voici le discours qui a été tenu par M. Ludwig Hasler à l’occasion du 70e anniversaire de Lucas David, qui a été célébré au cours d’un atelier organisé par l’INGRES les 15 et 16 septembre 2006 sur les milieux concernés en droit des marques («Die Verkehrskreise im Markenrecht»). La direction de la publication publie les réflexions que Monsieur Hasler, un non juriste, a émises sur les milieux concer-nés, avec la conviction qu’il est parfois utile de voir son propre reflet dans un miroir tendu par autrui.

Es gibt manche Art, sich als Laie vor Fachleuten zu blamieren. Die billigste ist die Schmeicheltour. Nicht mein Fall, meine Spezialität ist eher die Betriebsstörung. Mein leicht frivoles Verhältnis zu Juris-ten reicht weit zurück. Vor Jahrzehnten hörte ich Hellmut Becker, dem grossen deutschen Rechtsge-lehrten zu. Er erläuterte seine Lieblingsthese: Jurisprudenz sei mehr ein Hilfsmittel als eine Wissen-schaft, mehr Anwendungskunst als Theorie. Und dann fiel der Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: «Ein guter Jurist kann nur werden, wer im richtigen Augenblick mit dem Denken aufhört.»

Das darf nicht wahr sein, dachte ich. Diese Juristenbranche spielt gesellschaftlich in der obersten Gewichtsklasse – und verdankt ihre Bonität dem rechtzeitigen Denkabbruch. Cognitio interrupta als Gütezeichen. Das war für mich – ich gehörte damals zur schwerelosen Zunft der Philosophen – eine bittere Realitätslektion. Meine Maxime hiess: Philosophie ist, wenn man trotzdem weiter denkt. Nun kapierte ich: Alles idealistischer Kram. Im wahren Leben regieren die Profis im Abbruch-Denken. Kurz denken, nachhaltig kassieren. So läuft die Welt.

Vom «Immaterialgüterrecht» kannte ich damals kaum den Begriff, vom «Kennzeichenrecht» hatte ich nie gehört. «Verkehrskreise» waren für mich stets klar – à la «Wirtschaftskreise» – definiert: TCS plus ACS versus VCS. Bis Magda Streuli mich auf diesen Workshop ansprach. Danach verstand ich bei «Verkehrskreisen» eine Zeitlang nicht einmal mehr Bahnhof.

Problemlos kapierte ich nur dies: Sie, meine Damen und Herren Spezialisten für Markenrecht, Sie wollen – im Sinne Beckers – entschieden gute Juristen sein, Sie hören mit dem Denken im allerrich-tigsten Moment auf, nämlich gleich zu Beginn. Sie outsourcen das Denken, delegieren es an die fa-mosen «Verkehrskreise», noch besser an die Demoskopen, die in den Verkehrskreisen herumsto-chern, bis sich herausstellt, was wir eh schon vermuteten.

So unabgefedert kann nur ein Laie reden. Obwohl er gleich selber relativieren muss: Manchmal den-ken die Gerichte auch selber. Zum Beispiel bei dem unsäglichen Streit um die Oberhoheit über die Marke «WM 2006». Die Fifa klagte gegen Würstchenbudenbetreiber, die ihre Ware mit der Kenn-zeichnung «WM-Weisswürste» noch schmackhafter machten. Sepp Blatter, unersättlich in seinem voralpinen Verarmungs-Tic, witterte «Schmarotzer-Marketing». Und natürlich Ärger mit den offiziellen Sponsoren, die ein Heidengeld bezahlt hatten, um vom globalen Fussballfieber zu profitieren. Der deutsche Bundesgerichtshof aber wies die Klage ab – ohne Rückgriff auf das tatsächliche Verständnis der «Verkehrskreise», also ohne empirische «Beweismittel». Er schickte keine Allensbach-Agenten


Quelle: www.sic-online.ch p 1 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum

unter die deutschen Michel, um abzuklären, was im Hirn des unbekannten Durchschnittsverbrauchers faktisch abläuft, wie unheilvoll es Würstchen mit Fifa und umgekehrt verwechsle, womit sich der Tat-bestand des unlauteren Wettbewerbs ja erst hätte beweisen lassen. Stattdessen stellte das Gericht autokratisch klar: Fussball gehört allen.

Auch das klägerische Argument, Grossanlässe à la Fussball-WM liessen sich nur finanzieren, wenn das Zeichen «WM» kommerziell geschützt werde, beschieden die Richter rein rational. Sie argumen-tierten: Je mehr Bäckereien mit «WM-Weggen», umso populärer die WM, umso verbreiteter der En-thusiasmus, umso happiger die Aufmerksamkeitsgewinne der Sponsoren. Das überlegten sich die Richter nur in ihrem Kopf, keine Feldforschung, keine empirischen Studien. Nichts als Logik.

Damit war dann gleich wieder Schluss beim WM-Song «Köbi cool». Die Schweizer Reggae-Band «The Ganglords» polte den 70er-Jahre-Hit «Daddy Cool» auf «Köbi cool» um, produzierte eine un-säglich doofe «Hymne» auf Köbi Kuhn. Die darf bis heute nicht vertrieben werden; der Autor des Ori-ginals, Frank Farian, klagte, «Verkehrskreise» erkannten auf Ähnlichkeit. Na hoffentlich. Nur, was sagt das schon?

Ich bin nicht pauschal allergisch auf «Verkehrskreise». Ich behaupte nicht, juristischer Scharfsinn löse von alleine alle die vertrackten Fälle von Verwechslungsgefahr, Abkupferung, Irreführung. Auch mir ist ein empirisch gefütterter Scharfsinn plausibler, einer, der in Betracht zieht, was in den Köpfen der Leute abläuft, die mit der fraglichen Ware verkehren. Nur muss er, was diese Köpfe an Meinung aus-spucken, kritisch einordnen – statt gleich als letzte Weisheit zu verehren. Einordnen heisst selber denken. Im Falle «Köbi cool» müsste ein Richter wissen, wie Musik, wie Kunst insgesamt heute funk-tioniert: als Dschungel von Zitaten, Anspielungen, Revivals, Persiflagen. Weshalb Ähnlichkeits-Diag-nosen durch Verkehrskreise so erwartbar wie nichtssagend sind. Wer jedes «Zitieren» als unlauteren Wettbewerb ahndet, muss den gesamten Musik- und Kunstbetrieb der Gegenwart verbieten, rückwir-kend gleich auch vier Fünftel sämtlicher Barockmusik.

Recht sprechen heisst urteilen. Urteilskraft kommt aus der Autonomie der Vernunft, nicht aus Umfra-gematerial. Die Voten beteiligter Verkehrskreise sind wetterabhängig – als Geschmacksäusserungen ohnehin. Als Jean Tinguelys «Heureka»-Ungetüm im Zürcher Seefeld aufgestellt wurde, verlangten die Anwohner ultimativ seine Beseitigung. Vier Jahre später, als die Plastik nach Basel zügeln sollte, rebellierten die selben Leute ebenso apodiktisch: Tinguelys Maschine sei ein unersetzliches Stück ihrer Quartierheimat!

Das Beispiel hinkt ein bisschen. «Verkehrskreise» sind kein Quartierverein, sondern einschlägige Marktteilnehmer. Indem sich das Recht auf sie stützt, geht es auf den Markt der Meinungen. Oder soll ich sagen, es macht einen Schritt hin zu seiner «Demokratisierung»? Es läge damit voll im Trend. Seit der Versuch, die irdischen Güter zu «demokratisieren», gescheitert ist, «demokratisiert» man alles andere. Das TV-Publikum darf den «Superstar» wählen; seither grassiert das Motto «null Talent, gross präsent». Der Konsument ist am Drücker; der «Kassensturz» wird zum Mass aller Dinge. Dem Blogger gehört die Zukunft; was die Nestlé-Marketingchefin taugt, sagen jetzt ihre Angestellten im Web. Studenten qualifizieren und disqualifizieren ihre Professoren; die Webseite www.mein prof.de etabliert sich als selbsternannter Volksgerichtshof, urteilt über Tops und Flops im Hörsaal.

Sie sehen, «Verkehrskreise» haben überall Konjunktur. Mal aus Quoten-Populismus (TV-Publikum), mal aus Unsicherheit über die Kriterien; da dient das Feedback der Beteiligten (Konsumenten, Stu-denten, Angestellte) als Korrektiv zur Sicht der Expertokraten. Beteiligte sehen die Dinge konkreter, nur halt auch entschieden befangen. Man kann nicht gleichzeitig im Wasser schwimmen und den Fluss vom Ufer aus betrachten.

Das Recht aber muss den Fluss der Dinge im Auge behalten. Was die Leute vom Schiff aus sehen, ist selbstverständlich relevant für die Rechtspflege (siehe Strafrecht), bloss nicht als Quelle der Wahrheit, eher als prinzipiell suspekte Befangenheit. Ändert sich das mit «Verkehrskreisen» als Referenz? Nicht zwingend. Doch faktisch? Wie soll ich zum Beispiel das «Smarties»-Urteil lesen? Falls ich richtig in-formiert bin, wurde da tatsächlich dieses ordinäre Röhrchen geschützt, nur weil es «Verkehrskreise» spontan an «Smarties» erinnert. Ein simpler Zylinder ohne Aufschrift, ohne Handschrift, eine geomet-rische Grundform wird privatisiert, dem weiteren Gebrauch der Menschheit entzogen. Da könnte Sepp Blatter glatt alles Runde für die Fifa monopolisieren. Christoph Blocher alles Quadratische für die SVP. Und was ist mit dem Halbmond? Und mit dem Kreuz? Gehört das dem Vatikan? Oder darf Ma-donna sich an ihm räkeln?


Quelle: www.sic-online.ch p 2 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum

Dass man – rechtens! – geometrische Grundmuster privatisieren, monopolisieren kann, jedenfalls für einen abgezirkelten Geschäftsradius, das schluckt mein common sense nicht. Ganz egal, welche «Verkehrskreise» sich dafür stark machten. Da erwarte ich, dass die Community der Markenrechtler selber denkt, einen Kriterienkatalog entwirft, worin wenigstens grosso modo unterschieden wird zwi-schen naturhaft vorgegeben Formen und kulturell gestalteten. Und dann sagt: Natur steht zur freien Verfügung, schützenswert ist einzig Kultur, Kreation, Erfindung.

Sie merken: Ich will Sie verführen, das Heft des Handelns wieder selber in die Hand zu nehmen. Si-cher ist es verlässlicher, wenn Allensbach «Verkehrskreise» befragt, als wenn Richter sagten, sie hätten zuhause mal die Frau gefragt, ob sie finde, Martina Hingis bügle definitiv nur noch für die Marke ZUG. Nur, ob Frau Richterin oder Kreti & Pleti: Meinen bleibt meinen.

Die gesamte abendländische Kultur – von Plato bis Harald Schmidt – lebt vom Grundsatz: Was die Leute so meinen, ist nicht schon die Wahrheit. Oder noch nicht. Oder grad gar nicht. Denn dieses Meinen bleibt, wie das Wort es andeutet, nur mein, also subjektiv, perspektivisch, eine rein persönli-che Ansicht – wobei es selbst mit dem Persönlichen so weit nicht her ist; im Meinen echot oft nur die Boulevard-Schlagzeile von vorgestern.

Was also bedeutet es, wenn irgendwelche Verkehrskreise meinen, eine geometrische Röhrchen-Form mit «Smarties» identifizieren zu müssen? Objektiv eigentlich gar nichts – ausser, dass «Smarties» im Fernsehen präsenter sind als, sagen wir mal, der Reagenzglas-Hersteller XY. Könnte es also sein, dass das Wundermittel «Verkehrskreise» stets die bekanntere Marke ins Recht setzt, also die mit dem dickeren Marketing-Budget? Und nie die unbekanntere, vielleicht aber findigere, erfinderischere, krea-tivere? Falls es so ist: Was wäre daran Recht? Es wäre die Sanktionierung des primitiven Rechts des Stärkeren.

Alexis de Tocqueville vermutete schon um 1830, die Demokratie entarte zur Diktatur der Mehrheiten. Genau das argwöhne ich mit Blick auf Ihr Tagungsthema. Wer definiert die massgebenden «Ver-kehrskreise»? Wer bestimmt, wann sie recht haben? Wie ist ihr Meinen legitimiert? Ist es falsch, wenn ich eine Parallele zum politischen Betrieb ziehe? Auch da macht das Meinen Karriere. Meinungsum-fragen etablieren sich als Herrschaftsinstanz. Politiker sagen gar nichts mehr, bevor sie die täglichen Stimmungsbarometer konsultiert haben. Sie delegieren – wie gute Juristen, die sie meist ja auch mal waren – das Denken an das Demoskopie-Business mit seinem Durchschnitts- und Stichprobenden-ken. Politik als Handlungsgehilfin wechselnder Mehrheiten im permanenten Umfragetheater?

Und Markenrecht als Vollstrecker der eingemitteten Verkehrskreismeinung? Nichts gegen das Inte-resse an den tatsächlichen Verwechslungen in den Köpfen der Marktteilnehmer. Tatfrage statt pure Rechtsfrage. Aber sind Meinungen Tatbestände? Quasi Tatsachen? Wenn, sind sie seltsam untat-sächliche Tatsachen. Aus mindestens drei Gründen. Erstens sind sie abgekoppelt von Kenntnissen; da ich zuhause arbeite, bin ich ein beliebter Umfrageadressat, und auch wenn ich von einer Sache rein gar nichts verstehe, z.B. von kalifornischen Weinen, die trinke ich prinzipiell nicht, doch das schützt mich nicht vor der Frage: «Können Sie mir trotzdem sagen, was Sie dazu meinen?» Zweitens verselbständigt sich das Meinen gegenüber sinnvollen Anwendungskontexten. Ich werde z.B. gefragt, mit welcher Bank ich geschäfte, ich sage, nur mit der UBS. Dann bittet man mich um eine Rangfolge meiner Sympathie zu Banken; ich antworte korrekt: 1. Raiffeisenbank, 2. Kantonalbank, 3. UBS. Wa-rum bin ich Esel dann bei der UBS? Weil das die einzige Bank in meiner Gemeinde ist. Allein, das interessiert in dieser Umfrage grad gar nicht. Drittens bleiben Meinungen meistens inkonsistent; mei-nen können wir beliebig, nur handelnd tragen wie die Folgen, also meinen wir munter drauflos, stets unter dem Eindruck des Augenblicks und so, dass wir uns ins vermeintlich gute Licht rücken.

Läuft das mit Ihren Verkehrskreisen ganz anders? Ich gehöre von Fall zu Fall selber dazu. Also weiss ich, wie fahrlässig gemeint wird. Darum behaupte ich: Der Glaube, über Meinungen zu Tatsachen zu gelangen, ist wackelig.

Damit lässt sich vergnügt leben, solange es nur darum geht, welcher Auto-Liebhaber wie viel Sex hat (BMW-Fahrer am meisten, Porsche-Raser am wenigsten, VW-Lenker mittelprächtig). Geht es um Recht, hört der Spass auf. Erst recht, solange umstritten bleibt, welcher Meinungstyp im Verkehrskreis den Ausschlag geben soll – der informierte, differenziert wahrnehmende, verständige Kunde (EU) oder das Dummerchen mit perfekten Englischkenntnissen (CH). Klarheit in der Definition des rele-vanten Verkehrkreislers wäre die Mindestanforderung für Rechtsklarheit. Ohne sie bleiben «Verkehrs-kreise» als Rechtsmassstab willkürlich, ein Phantom.


Quelle: www.sic-online.ch p 3 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum

Behaupte ich laienhaft. Vielleicht zapple ich auch nur in Ihrer Sprachfalle. Als Philosoph bin ich ge-wohnt, schwierige Texte zu lesen. Doch Heidegger lesen ist Kinderkram – verglichen mit Ihren Bran-chentexten, Fachaufsätzen und Bundesgerichtsurteilen, zum Beispiel im Streitfall «Yello» gegen «Yellow Access». Nicht zu fassen, welche verbalen Sumpfblüten so ein relativ einfacher Sachverhalt treiben kann – als hätte der Text den alleinigen Zweck, einem Laien verschlossen zu bleiben, also auch dem «verständigen» Verkehrskreisteilnehmer. Es herrscht da eine Verwahrlosung in der Dra-maturgie, im Aufbau, eine hochtrabende Verumständlichung noch der simpelsten Aussage, eine per-verse Vorliebe für Satzgirlanden und Wortmonster, insgesamt ein sprachliches Tohuwabohu – bis hinein in die Begrifflichkeit. Nicht einmal der Unterschied zwischen «Name» und «Begriff» ist klar, was sprachtheoretisch in die Lektion eins gehört: Namen (zum Beispiel Ovomaltine, Novartis) benennen das Einmalige, Konkrete; Begriffe (zum Beispiel die Farbe Yellow) bezeichnen die Gattung, die Spe-zies, also das Allgemeine. Eine kleine Nuance nur, doch vermutlich hilfreich, wenn entschieden wer-den will, welche Worte Privateigentum, welche Allgemeinbesitz sein sollen. Auch der aktuelle Streit um «googeln» liesse sich mit diesem Bisschen Sprachlogik im Handumdrehen entscheiden: «Google» ist ein Name, «suchen» ein Begriff.

An ihrer Sprache verrät sich der Geisteszustand jeder Branche. Bei der Fronarbeit, juristische Texte zu lesen, überlegte ich: Warum schreiben die Leute so schrecklich abweisend? Die Sache ist doch gar nicht so arg kompliziert? Ich fand heraus: Sie mühen sich ab an der Detailpräzision, Sie packen jede Nuance in den selben Satz, hängen Nebensatz an Nebensatz, wühlen sich in den verschachteltsten aller Schachtelsätze, häufen Substantiv auf Substantiv («Das Vorliegen der Tatbestandsmerk-male…»), selbstverständlich alles, um jedes Missverständnis auszuschliessen. Aber was tun Sie fürs Verständnis? Sie verlieren sich in Detaildifferenzierungen – und büssen jede Distanz zur Sache ein.

Haben Sie Lucas David zugehört? Der Doyen spricht in lauter Hauptsätzen. Subjekt, Verb, Objekt. Wer macht was? So spricht ein Mensch. Anders wiehert der Amtsschimmel. Oder der Nebelwerfer-Experte.

Mein Vorschlag: Zertrümmern Sie die Fachsprache! Vielleicht löste sich der ganze Streit um Ver-kehrskreise in Luft auf, wäre bloss die babylonische Sprachverwirrung beendet.

Falls Sie mir jetzt sagen wollen, ich hätte mit meiner laienhaften Rede offene Türen eingerannt oder an der Sache vorbeigeredet – ich kann nichts dafür. Ich kenne die Sache nur aus Ihren Branchentex-ten.

* Dr. Ludwig Hasler arbeitete früher in Chefredaktionen (St. Galler Tagblatt, Weltwoche). Heute ist er Publizist, Hochschuldo-zent für Philosophie und Medientheorie, Kolumnist in Fachzeitschriften, Regierungsberater, Vortragstourist. Sein jüngstes Buch (Die Erotik der Tapete. Verführung zum Denken, Huber Verlag) enthält einen Strauss seiner Reden vor Managern, An-wälten, Politikern, Lehrern, Rotariern usw. lhasler @duebinet.ch.

 

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DAS BEROMÜNSTER SYNDROM

Eine unzimperliche Einmischung – mit der These: Wer heute die Welt nicht ins Dorf holt, wird von ihr abgehängt

Dr. Ludwig Hasler, Zürich (stv. Chefredaktor der Weltwoche. Dozent für Philosophie und Medientheorie an den Universitäten Zürich und St. Gallen.)

Meine Damen und Herren

Die Welt wandelt sich rasend, die Schweiz verändert sich zögerlich, Beromünster am liebsten gar nicht. Schade nur, dass auch Beromünster zur Welt gehört. Ich weiss, wovon ich rede. Ich bin in Beromünster geboren, hier aufgewachsen, die damalige Lateinschule hat mich diszipliniert, der "Hirschen" trinkfest gemacht, der Stiftschor Palestrina-kundig. Noch heute erzähle ich allen, die es wissen wollen, wie sehr mich dieser Ort geprägt hat. Schon diese architektonische Anlage: unten der breite Flecken, das demonstrativ Bürgerliche (erste Adressen), parallel dazu, leicht versetzt, die Hintergassen (zweite Adressen), dahinter, schon leicht abgehängt, Satelliten wie "Rhyn" oder Chilegass im Unterdorf (dritte Adressen); über allem aber, oben, der Stiftsbezirk, das Terrain des Geistigen. Eine kompakte, statische Welt, eine Hierarchie, in der jeder seinen Platz hat - oder eben nicht.

Ich erzähle vom barocken Geist dieses Ortes: vom Weihrauchfassschwingen, von Karwocheliturgien, Prozessionen, Orchestermessen, von der theatralischen Dauerinszenierung, davon, dass wir an Auffahrt den Heiland in den Kirchenestrich raufzogen und an Pfingsten den Heiligen Geist runterspulten, was furchtbar schwierig war, weil die Taube auf ihren Flügeln brennende Kerzen wollte, im Estrich aber ständig Durchzug war. Ich erzähle, wie dieser sinnenfreudige Barock frei von jeder Frömmelei war, und eben dadurch eine Vertikale ins Alltagsleben zog, eine Höhengerichtetheit. Ich erzähle auch, wie ich mein erstes Geld als Ministrant verdiente (20 Rappen pro Messe), wie ich damit freitags - Fleischverbot! - zur Metzgerei ging, eine Servela kaufte, mit dem Velo an den Waldrand fuhr und die Wurst mit Maximallust ass: ein sündiges Vergnügen, das nur möglich war, weil die Grenzen zwischen Gut und Böse so scharf gezogen waren. Dies alles erzähle ich mit einer gewissen Melancholie; denn die Welt, in der ich heute lebe, ist vollkommen anders, ohne barocken Jahresrhythmus, stur horizontal, ohne Spur einer Vertikale, jenseits von Gut und Böse, also ohne die Chance zu sündigen.

Nun werden Sie, meine Damen und Herren, wahrscheinlich sagen: Was in aller Welt haben diese Sentimentalitäten mit dem Thema "Schweizer sein - Schweizer werden" zu tun? Genau das frage ich mich auch. Denn inzwischen ist ja etwas passiert. Der Name Beromünster steht nicht mehr für Landessender, Stiftskirche, Joseph Vital Kopp, er steht exemplarisch für schweizerische Fremdenabwehr. Am 13. Dezember 1999 verwarfen die Beromünsterer Bürger die Einbürgerung der hier aufgewachsenen kosovarischen Geschwister Litafet und Ganimet Ganijai zum dritten Mal, imgleichen weitere fünf Bürgerrechtsgesuche von Personen aus Ex-Jugoslawien.

Damit hat nun nicht nur Beromünster, damit habe auch ich ein Problem. Denn was ich seit Jahrzehnten im biografischen Rückblick glorifiziere (Barock, Vertikale, die Chance zu sündigen), genau das könnte der Humus sein für die Abwehr alles Fremden: diese malerische, rückwärtsverliebte geschlossene Gesellschaft. Die statische Gliederung in Flecken, Hintergassen, Hinterhinterquartiere, Barockpracht etc. - vielleicht bildet genau das die Welt, die die Einheimischen kontrolliert und Fremde ausschliesst.

Dagegen liesse sich einwenden: Nun übertreib mal nicht - schau auch mal nach Emmen. Emmen, das pure Gegenteil einer geschlossenen Gesellschaft à la Beromünster, ein Industrie-Vorort ohne Eigenart, ein multikulturelles Patchwork ohne historische Gefügtheit, ohne Vertikale ohnehin - und verweigert doch allen Ex-Jugoslawen die Einbürgerung. Darauf kann ich nur sagen: Ja, so ist es. Nur, in Emmen geht es ans Lebendige. Dort leben wohl einfach zu viele Modernisierungsgeschädigte, an den Rand Gedrängte; und wer zu kurz kommt, fühlt sich von den Ausländern bedroht. Das kann man zur Not noch verstehen. Hier aber, in Beromünster, wo soll da die Bedrohung herkommen? Von zwei Schwestern am Beginn ihres Erwachsenenlebens? Schwer vorstellbar. Da muss ganz anderes im Spiel und auf dem Spiel sein.

Meine Vermutung ist: Beromünster kapriziert sich auf seine Zeitlosigkeit. Hier war man schon immer stolz darauf, nicht mit der Zeit zu gehen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit: Damals kamen auch Schülerinnen aus dem aargauischen Menziken hierher, ich glaube, in die dritte Sekundarschule. Erotisch fanden wir sie zwar attraktiver, doch das zählte nicht wirklich, sie waren - ich sags so brutal, wie es damals gemeint war - Industriepack, modern, aber kulturlos, ohne richtige Feiertage etc. Beromünster dagegen widersetzte sich jeder Modernisierung. Irgendwie passt der Flecken in keine Zeit - und in jede. Das liegt auch an der räumlichen Enge. Zwei Quadratkilometer: für die Agrargesellschaft zu wenig, für die Industriegesellschaft sowieso: keine Felder, kein Platz für Industrieanlagen. Also lebte und lebt Beromünster von seinen zentralörtlichen Funktionen. Die andern rundherum mögen sich sputen - als Bauern, als Fabrikarbeiter, als Computerprogrammierer - Beromünster organisiert die zentralen Dienste: Mittelschule, Kirchen, Restaurants, Konzerte, Auffahrtsumritt, Zahnarzt, Volkshochschule, Apotheke, Eisenwarenhandlung...

Deshalb behaupte ich: In diesem 2000-Seelen-Flecken spielt unsere Tagungsfrage - Schweizer sein? Schweizer werden? - keine Rolle. Hier ging und geht es einzig darum, Beromünsterer zu sein - oder nicht. Beromünsterer wird man nicht, man ist es, oder ist es nicht. Für Fremde ist schlicht kein Platz in diesem festgefügten Gebilde. Man braucht sie deshalb keineswegs zu hassen, sie stören einfach die geschlossene Gesellschaft. Mit irgendeiner Schweizer Identität hat das nicht das Geringste zu tun. Jurassier sind Beromünsterern so fremd wie die Ukrainer, ein Protestant im benachbarten Neudorf ist ihnen so suspekt wie einer aus Hannover. Sogar ich komme manchen schon als Fremdling vor. Als ich letztes Jahr hier an der Mittelschule die Maturarede hielt, liess man mich wissen: Einigen sei mein vergleichsweise geschliffenes Hochdeutsch eher sauer aufgestossen. Man schätze es nicht sonderlich, von Auswärtigen rhetorisch überfahren zu werden.

Ich kann damit leben. Die Frage ist, wie Beromünster mit dieser Haltung überlebt. Dass die Verlockung gross ist, sich vom Schnellzug der Moderne abzukapseln und diesen schönen alten Flecken wie ein Museum zu führen, kann ich gut verstehen. Das Leben in der statischen Provinz hat manche Vorzüge gegenüber der Gesichtslosigkeit der globalisierten Welt. Fragt sich nur, wie lange das gut geht. Die ersten Verluste sind schon da: Das Hotel Rössli ist weg, der Bahnhof dicht, und jetzt noch der Hirschen. Ausgerechnet die drei Relaisstationen zwischen Flecken und Aussenwelt. Das kann schwierig werden. Denn ohne Aussenbeziehung verkümmert das Binnenleben.

So gesehen ist der Fall Beromünster doch irgendwie symptomatisch für den Sonderfall Schweiz. Eine Mentalität des Beharrens, um nicht zu sagen des Verstockens. Ein Reflex gegen die Moderne, die alle vertrauten Verhältnisse auflöst. Eine an sich verständliche Trotzreaktion, eine durchaus begründbare Verteidigung der Tradition. Prekär wird sie, sofern sie das Unbehagen an den Modernisierungstendenzen auf die Fremden abwälzt, die daran am allerwenigsten schuld sind. Damit verstrickt sich das Beharren in der alten Welt in eine Reihe von Widersprüchen. Auch Widersprüche können produktiv wirken. Allerdings nur dann, wenn wir uns bewusst in ihnen bewegen. Wer die Widersprüche verdrängt, macht sich zu ihrem Spielball und setzt seine Zukunft aufs Spiel.

Solche Widersprüche will ich jetzt diskutieren - in drei Anläufen. Der erste handelt vom kulturellen Missverständnis der aktuellen Identität, der zweite vom ökonomischen Missverständnis, der dritte vom politischen Missverständnis.

 
I. DAS KULTURELLE MISSVERSTÄNDNIS.

Ist es nicht merkwürdig? Je konservativer die Leute denken, desto willfähriger folgen sie den technischen Moden. Sie laufen nur noch mit dem Handy in der Gegend herum, sie surfen im Internet, sehen sich jeden Unsinn am Fernsehen an, können jederzeit über die jüngsten Ereignisse in der Container-Gemeinschaft "Big Brother" mitreden, sie interessieren sich für jede Pseudo-Story im "Blick" - kurz: Sie lieben es ultrakonservativ und provinziell - und machen jede Zuckung der globalen Unterhaltungsindustrie mit. Sie sind angeschlossen an den ganzen Klimbim der Welt - doch wenn es praktisch und real wird, ziehen sie sich auf eine weltlos dörfliche Identität zurück.

Ich blicke ja den Beromünsterern nicht in die Wohnstube, vermute jedoch: Auch sie sehen feierabends fleissig fern. Dann erzählte mir ein befreundeter Fernsehredaktor, er habe eine Sendung über Beromünster machen wollen. Doch der Gemeinderat habe beschlossen: keine Auskunft für Journalisten. Das fand ich kurios. Dieselben Leute, die abends vor dem Kasten sitzen, sind empört, wenn dieser Kasten ausnahmsweise mal was über sie bringen will. Eine unerhörte Einmischung einer fremden Macht (Zürich!) in eigene Angelegenheiten! Ist das nicht ein bisschen schizophren? Man will dabeisein - jedoch nicht dazugehören. Man führt seine Blicke in alle Welt spazieren - selber jedoch will man unbeobachtet bleiben.

Das geht irgendwie nicht auf. Natürlich kann man Beromünster als gehobenes Ballenberg-Museum organisieren. Aber dann müsste man konsequent sein - und sich mit dem einheimischen Trachtenverein, Sängerbund und Turnverein begnügen. Was man natürlich nicht tut. Die Jüngeren werden sich, wie überall, an Pop- und Rock- und Techno-Melodien vollsaugen und an Hollywood-Filmen sattsehen, die Älteren an Fernsehserien und Musikantenstadl. Lauter ausländisches Zeugs. Nichts dagegen. Bis auf die Unredlichkeit: Privat ergötzt man sich am internationalen Unterhaltungsbusiness - politisch weist man alles Ausländische ab: im Namen der Reinheit der herkömmlichen Identität.

Zugegeben: Alle Menschen neigen zu diesem Widerspruch. Jede Kultur kennt die Abwehr des Fremden. Und diese Abwehr verstärkt sich in einer Zeit, da der Kulturwandel mit rasendem Tempo fortschreitet. Wo er Lebensformen, politische Vorstellungen, Feindbilder und Vorbilder durcheinander wirbelt. So dass man nicht mehr weiss, ob, was heute gilt, morgen noch Gültigkeit hat. Wir alle müssen uns irgendwie im Leben zurechtfinden, und dazu brauchen wir Verlässlichkeiten, Selbstverständlichkeiten. Also wehren wir in turbulenten Zeiten alles ab, was unsere Selbstverständlichkeiten verwirrt. Also das Fremde, Befremdliche. Wir sitzen dann am Stammtisch (leider nicht mehr im "Hirschen"), wir sitzen am Familientisch und reden und reden - und bei all diesem Reden geht es gar nicht darum, der Welt, der Wirklichkeit gerecht zu werden; es geht einzig darum, uns unseres Standpunktes zu versichern. Wir brauchen einen Massstab, der uns garantiert, dass wir noch einigermassen die Herren unseres Lebens sind.

So ist das. Wir tun alles, damit uns die eigene Welt nicht abhanden kommt. Abhanden aber kommt sie, denken wir, durch die Fremden. - Gleichzeitig mogeln wir. Zur Angst vor den Fremden gesellt sich stets die Faszination durch sie. Deshalb kennt jede Kultur auch positive Formen des Umgangs mit dem Fremden. Auch Beromünsterer reisen - leibhaftig und im Fernsehen. Interessieren sich also fürs Fremde. Und wollen das Fremde doch nicht in die eigene Welt aufnehmen. Warum? Weil sie sich insgeheim ängstigen um den Bestand dieses Eigenen? Weil sie der Widerstandskraft der eigenen Kultur misstrauen?

Jedenfalls ist die Trennung suspekt: Das Fremde im Fernsehen ist reizvoll - in der Realität unerträglich. Das lässt auf kein besonders stabiles Selbstbewusstsein schliessen. Warum bloss? Ich hatte erwartet, dass der Barock, in dem ich aufwuchs, eine Grosszügigkeit begünstigen würde, die gerade auch den Zugewanderten zugute käme; dass eine Christlichkeit, die ich als überaus welthaft erlebte, eine Freude am Andersartigen förderte - und sei es nur aus musikalischen Motiven: Osteuropäerinnen singen einfach besser. Statt dessen igelt sich diese Tradition ab. Was immer das erste Zeichen von Schwäche ist. Denn die Stärke jeder Kultur erweist sich in der Kraft, Anderes, Fremdes zu integrieren.

So viel zum ersten, zum kulturellen Missverständnis. Und jetzt:

 
II. DAS ÖKONOMISCHE MISSVERSTÄNDNIS

Als Einstieg eine Erfolgsgeschichte. Juni, Belgien/Holland, die Fussball-EM. Ein symbolischer Wettstreit der Nationen. Der italienische Staatspräsident rief nach dem verlorenen Halbfinale in die Fernsehkameras: Unsere leidenschaftlichen Fussballkämpfer müssen Vorbild für die Nation sein! Die Deutschen fragten sich beklommen: Ist das Debakel unserer Kicker typisch für unsere Rückständigkeit in der Hightech-Welt? Brauchen wir jetzt Inder? Die Franzosen aber jubelten: Wir sind die Champions des Universums! Wer aber sind diese Champions? 14 der 18 Stammspieler waren Einwanderer: Zidane (Algerien), Deschamps (Baske), Henry (Antillen), Desailly (Ghana), Djorkaeff (Armenien), Anelka (Martinique) usw. usf. Die Kinder von Einwanderern haben der "Grande Nation" einen Teil ihres Selbstverständnisses zurückgegeben. Das Geheimnis des Erfolges: viele Wurzeln, viele Mentalitäten, viele Optionen - Vielfalt macht stark. Sogar Jean-Marie Le Pen, der Rechtsnationale, sah sich nach dem Finale genötigt, das Loblied auf den Multikulturalismus zu singen.

Nun kann man sagen: Sogar wir Schweizer haben den Vorteil der Einwanderer auf dem Fussballfeld begriffen: Sforza, Yakin, Türkilmaz - sonderlich helvetisch klingt keiner dieser Namen. Und kein Schweizer Demokrat protestierte, als gegen Russland gar ein Schwarzer (Lubamba!) im Schweizer Dress aufspielte. Warum bloss beschränken wir diese Durchlässigkeit aufs Fussballfeld? Es ist doch evident: Einwanderer sind hungriger, also vifer, lebensdurstiger, also ehrgeiziger, neugieriger, also innovativer. Wogegen wir, die Eingeborenen, vergleichsweise satt sind, selbstzufrieden, auf Besitzstandswahrung aus. Ich arbeite in der Redaktion der "Weltwoche" mit vielen extravaganten Leuten zusammen. Die fruchtbarsten aber sind die sozusagen "internationalen". Ihnen fehlt die helvetische Behäbigkeits- und Vollkasko-Mentalität. Sie leben im Bewusstsein, sich dauernd bewähren - und sonst halt weiterziehen zu müssen. Wogegen viele von uns zu Überstundenzählern verkommen. Tief in uns sitzt der Irrglaube, wir hätten es längst geschafft, müssten der Welt nichts mehr beweisen, hätten gar einen Anspruch, dass die Welt unserer Seriosität applaudiert. Nur, die denkt nicht daran. Im Modernisierungsprozess zählen keine alten Meriten. Wenn wir im Globalwettbewerb eine Rolle spielen wollen, müssen wir mitrennen, uns pausenlos was einfallen lassen. Man kann das blöd finden, doch so will es nun mal das Gesetz des globalisierten Kapitalismus. Und falls unsere eher bewahrende Mentalität Mühe hat, diesem Gesetz zu folgen, bleibt uns nur eine Chance: andere Mentalitäten, hungrigere, durstigere, beweglichere, in unsere Gemeinschaft zu integrieren.

Ich will Ihnen das mit einer kleinen Begebenheit illustrieren. Zürich, HB. Jeden morgen gehe ich da Zigaretten und Zeitungen kaufen. Zwei Kioske liegen an meiner Route. Im ersten stehen drei junge Schweizer Frauen. Man sieht ihnen die Gekränktheit von weitem an, diese Arbeit ist entschieden unter ihrer Würde, also verrichten sie sie auch lustlos, kein Gruss, dauernd die falschen Zigaretten, und stets nahe an der Verweigerung, wenn ich noch eine Zeitung will.

Im zweiten Kiosk bedienen zwei Asiatinnen, stets bester Laune, ausgesucht höflich, und siehe da, schon bei meinem vierten Besuch brauchte ich nur noch zu nicken. Denn jetzt holen sie von selbst, was ich brauche, fragen spielerisch: Camel mild? Le monde? FAZ? usw. Sie kennen mich, kennen meine Wünsche. Und schon fühlt man sich zu Hause, willkommen, verstanden, man kommt in Stimmung, geht heiter zur Arbeit, behandelt seine Mitarbeiter freundlich, ist aufgelegt zu Grosstaten.

Ist doch interessant: Heimat am Kiosk der Asiatinnen, Fremdheit am Kiosk der Einheimischen. Der griesgrämige Schweizer Kiosk trübt die Morgenlaune der Kunden. Ich stelle mir vor: Der Abteilungsleiter, mürrisch bedient, geht finster ins Unternehmen, faucht seine Untergebenen an, diese wiederum werden aggressiv, vertreiben die Kunden - und schon ist das Geschäft im Eimer. Man darf das nicht unterschätzen: Grosse Wirkungen haben meist tausend kleine Ursachen.

Meine erfahrungsgesättigte Behauptung ist: Zugewanderte sind unverwöhnter, also griesgramresistenter - und damit ein unschätzbarer Segen für den Humus, aus dem unsere Wirtschaft spriesst. Überdies machen sie sich keine Illusionen über die neue globalisierte Situation. Sie wissen, dass keine Herkunftsprivilegien mehr zählen, sondern nur Leistungsausweise - und sie nehmen es heiter und dankbar hin. Wogegen wir Einheimischen immer noch glauben, wir wären die Auserwählten der göttlichen Vorsehung und reagieren entsprechend beleidigt, wenn wir mit gleich langen Spiessen antreten müssen.

Ich fürchte, diese Beleidigtheit ist einer der Hauptgründe für die Abwehr der Fremden. Die sogenannt kleinen Leute hier fürchten, die Zeche für die Globalisierung bezahlen zu müssen. Stimmt auch irgendwie. Aber man kann sie nicht unter Heimatschutz stellen. Denn diese Heimat profitiert - siehe Kioskvergleich - von Zugewanderten. Und irgendwie müssen wir doch alle wollen, dass die Heimat profitiert.

Es ist immer dasselbe: Wenn der ökonomische Wandel so verläuft, dass Privilegien umverteilt werden und Armut entsteht, dann beginnt man, Fremde, Einwanderer, Asylsuchende als bedrohlich zu empfinden; dann kommt Rassismus ins Spiel. Er suggeriert den einheimischen Unterprivilegierten, jenen, die zu kurz kommen: Ihr seid immerhin Angehörige des einheimischen Stammes, der herrschenden Rasse. Gleichzeitig geschieht ein Zweites: Die Fremden werden benützt, um die Unterprivilegierung zu erklären. Ob Wohnungsnot oder Arbeitslosigkeit: die rassistische Ideologie führt die Missstände nicht darauf zurück, dass die Gesellschaft unfähig ist, die Probleme zu meistern, sondern auf die Fremden: Gäbe es sie nicht, wäre alles in Ordnung.

Ein fataler Trugschluss. Unseren Wohlstand retten wir nur, wenn wir global im Rennen bleiben. Da hilft keine Trotzreaktion, kein Rückzug ins Schneckenhaus. Wer sich nicht bewegt, ist blitzschnell weg vom Fenster. Selbstgenügsamkeit schädigt sich selber. Also gebietet die Klugheit: Lassen wir die andern rein - wenigstens am Kiosk, im Spital, im Bau, wo wir uns sowieso zu vornehm sind.

So viel zum zweiten, zum ökonomischen Missverständnis. Und jetzt zum letzten:

 
III. DAS POLITISCHE MISSVERSTÄNDNIS

Politisch brisant wurde das Thema "Schweizer sein - Schweizer werden" letztes Jahr zunächst in Emmen. Sie kennen die Geschichte - Motto "Einbürgerung vors Volk" - , ich will sie nur kurz aus meiner Sicht interpretieren: Spielt das Volk Schweizermacher, muss es die Kandidaten kennen. Ist das, wie in Emmen, nicht der Fall, entscheidet es nach Kriterien, die mal sympathiebesetzt sind, mal angstbesetzt: hier die gute "Italienerin mit Kind", da die schrecklichen "Jugos". Lauter Phantome, hinter denen das Individuum, die Person, der Mensch keine Chance hat. Und der Rechtsstaat auch nicht. Politik fällt zurück in die Mentalität von Stammeshorden.

Dann kam Beromünster. Keine anonyme Urnenabstimmung, eine offene Bürgerversammlung. Die Kandidatinnen waren bestens bekannt. Dennoch: Päng, abgelehnt. Das war ein härterer Schlag ins Nervenzentrum der Demokratie. Den Emmer konnte man noch zugute halten, sie hätten nicht gewusst, was sie taten. Die Beromünsterer wussten es sehr genau.

Nun kann man die Frage staatspolitisch stellen. Zum Beispiel so: Ist es klug, dass Beromünsterer entscheiden, wer Schweizerin werden darf und wer nicht? Eine gute Frage, denn natürlich interessiert die Beromünsterer das Beromünsterertum, nicht das Schweizertum. Ich klammere den Aspekt gleichwohl aus. Mich interessiert, nach welchen Kriterien Beromünsterer (und andere) entscheiden - und welche Kriterien sie ausser acht lassen. Ich sehe da ein paar Probleme. Die will ich behutsam erörtern.

1. Ein banaler Vergleich. Ich selber muss ja immer wieder im Unternehmen, in dem ich tätig bin, mitentscheiden, wer neu eingestellt wird, als Verlagsleiterin, als Wirtschaftschef usw. Dann frage ich natürlich auch: Wer passt zu uns? Aber ich frage nicht: Wer ist genau wie wir? Sondern: Wer passt zu den Zielen, die wir haben? Und dann: Wer hat eine Tüchtigkeit, die wir noch nicht haben? Das heisst: Ich suche Leute, die mit unseren Idealen übereinstimmen, aber anders sind als wir. Nur das hält eine Gemeinschaft, in meinem Fall einen Verlagskonzern, lebendig, vif, zukunftstauglich. - Und tatsächlich denke ich: Genau so verhält es sich mit politischen Gemeinden. Halten sie alles Neue, Fremde, Andersartige ängstlich von sich fern, können sie sich gleich als grosses Altersheim organisieren. Leben heisst Erneuern. Erneuerung aber kommt immer von aussen, aus der der Neugier aufs Andere, durchs Einverleiben des Unvertrauten.

2. Ein Zugeständnis. Ich weiss: Der Alltag lebt von Routinen, und das Fremde ist der Feind aller Routine. Also ein Ärgernis, eine Irritation. Ich gehöre auch nicht zu denen, die verkünden, Multikulturalität sei ein fulminantes Volksfest - Kebab plus Sushi plus Mc Donalds. Nein, ich weiss, Multikulturalität ist ganz praktisch, ganz konkret zunächst und vor allem ein Problem: in den Schulen, am Arbeitsplatz und gelegentlich am Schalter des Sozialamtes.

3. Ein zweites Zugeständnis. Selbstverständlich ist es legitim, eine politische Gemeinde nicht nur als wirtschaftliche Zweckgemeinschaft zu betrachten. Die Frage ist nur: als was dann? Doch wohl nicht als Blutsgemeinschaft? Nichts gegen die Korporationsgemeinde Beromünster, aber gäbe es die ohne Blutsauffrischung überhaupt noch? Noch einmal: als was dann? Als Mentalitätseinheit? Was aber heisst das? Jassen können, reinen Michelsämter Dialekt sprechen, im Kirchenchor singen? Nichts dagegen. Es ist der Wunsch nach dem störungsfreien Zusammengehörigkeitsgefühl, es ist die Hoffnung, unter seinesgleichen glücklicher leben zu können als unter Fremden, es ist die Sehnsucht, einer harmonisch schwingenden Gruppe anzugehören.

4. Ein Einwand. Was aber ist daran Politik? Regeln wir unser Zusammenleben über Stammesrituale und Hordenmentalitäten, dann brauchen wir überhaupt keine Politik. Das passiert von selbst. Politik ist erfunden worden als Gegeninstanz zu dieser naturhaften Stimmungsdiktatur. Weil man irgendwann realisiert hat: Die ungebremste Herrschaft der Gruppenmentalitäten ruiniert die Gesellschaft. Das geschah im 17. Jahrhundert, nachdem im 16. Jahrhundert - Glaubenskriege! - halb Europa sich im Namen der richtigen Gesinnung wechselweise niedergemetzelt hatte. Seither versucht der Staat, einigermassen gesinnungsneutral zu sein. Er richtet sein Handeln nach Rechtskriterien aus: Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit. Die Bürger des modernen Staates müssen sich nicht lieben, sie müssen emotional nicht gleichschwingen; sie müssen nur, das aber unbedingt, der Verfassung gehorchen.

Das ist das moderne Staatsverständnis seit zwei-, dreihundert Jahren. Nur hat es, fürchte ich, Beromünster noch nicht erreicht. Hier dominiert das mittelalterliche Kasten- und Stammesdenken weiterhin. In drei konzentrischen Kreisen: Korporationsgemeinde, Bürgergemeinde, Einwohnergemeinde. Und alles, wie anno dazumal, geeint über Familienbande und Verhaltenskodex. Das hat seinen musealen Charme. Gefällt sogar mir, gefühlsmässig. Doch wer eine Gemeinschaft auf gefühlsmässige Übereinstimmung baut, krallt sich an ein zukunftsloses Auslaufmodell. Eine Gemeinde, die sich über private Vertrautheitskriterien organisiert, ist keine politische Gemeinde, sondern ein Clan. Von Clans aber wissen wir: Sie überdauern ein paar Generationen, dann verfallen sie. Der Grund: Inzucht macht moribund.

5. Noch ein Einwand. Politik ist nicht zur Pflege des kollektiven Wohlgefühls da. Sie muss das Interesse des Ganzen wahren, das so genannte Gemeinwohl - und dazu gehören auch die künftigen Generationen, nicht nur die gerade aktiven und pensionierten. Wenn aber diese künftigen Generationen, also die Frischgeborenen und die Heranwachsenden, eine Chance haben wollen, dann müssen sie in einem durchmischten Klima heranwachsen: in einem Klima, das zwar die traditionelle Nestwärme bietet, aber auch den Luftzug der grossen weiten Welt in dieses Nest wehen lässt. Nur in dieser Spannung von daheim und draussen werden sie Beromünsterer bleiben und in der neuen Gesellschaft eine Rolle spielen können. Sonst wird Beromünster erleben, was jeder Provinz heute blüht: die Bedeutungslosigkeit. Die Logik ist gnadenlos: Wer die Welt ausschliesst, wird selber ausgeschlossen.

Ich kam kürzlich mit einem ziemlich bedeutenden Luzerner Unternehmer ins Gespräch. Was er mir sagte, gab mir zu denken: Er finde heute in Luzern keinen Gesprächspartner mehr. Alle, die mit der sog. neuen Ökonomie mitziehen, seien weggezogen, nach Zürich, London, Frankfurt. Auch wenn das nur die halbe Wahrheit wäre: Es geht verdammt schnell mit der Provinzialisierung. Die einzige Chance, die wir dagegen haben, heisst Durchmischung. Motto: Die Welt ins Dorf holen! Die einfachste Methode: Einbürgern. Nur so lässt sich arrangieren, was für alle das Beste wäre: die Kombination von dörflicher Beheimatung und globaler Konkurrenztüchtigkeit.

6. Eine allerletzte ungebetene Einmischung. Sie haben sicher gemerkt, meine Damen und Herren: Ich argumentiere nicht mit Edelwerten wie Menschenliebe, Mitmenschlichkeit etc. Ich betrachte alles unter dem Gesichtspunkt des wohlverstandenen Eigennutzens. Nur jetzt, ganz zum Schluss, muss ich einen Wert wenigstens ansprechen, der nicht im Nutzenkalkül aufgeht, sondern absolut zu gelten hat: das Prinzip Menschenwürde - dass jeder Mensch nicht nur einen Tauschwert hat, einen Selbstwert. Und ich behaupte: Die jungen Suters und Herzogs und Stockers in Beromünster gewinnen nur dann eine Perspektive, wenn sie sehen: Hier wird jeder Mensch als Individuum mit seinen Rechten und Pflichten betrachtet, nicht primär als Sippenmitglied, nicht allein seiner Herkunft nach eingeschätzt, sondern als Mensch, als Person geachtet, als Bürger dieser Menschenwelt respektiert. Nur so erfahren die jungen Suters und Stockers, dass sie in eine Gemeinschaft hineinwachsen, in der für alle dieselben Rechte gelten, in eine offene Gesellschaft, in der weniger die Herkunft zählt als der Beitrag für Zukunft. Nur so würde offenkundig, dass sogar dieses historisch einmalige Beromünster ein kleiner Teil der modernen Welt ist.

 

01/2007 _ Inforum PHZ _ 3

SCHWERpunkt

_ Ludwig Hasler

Der Lehrer, «Personalentwickler

» der Nation

Spätestens seit dem ersten Pisa-«Debakel»

(«Blick»-Schlagzeile: «Sind wir ein Volk

von Deppen?») dämmert es noch in

dumpfen Köpfen: Die Jugend ist unser

«Standortfaktor Nummer 1». Wer aber

bringt diese Jugend in Form? Die

Lehrerin, der Lehrer. Freilich anders als

einst.

In eher statischen Gesellschaften war

Schule eine Art Rekrutenschule für die

Erwachsenenwelt; sie brachte dem Nachwuchs

bei, was von Volljährigen erwartet

wurde: Sitzleder, elementare Bildung,

Disziplin. Das gehört weiterhin zum

Schulpensum: die Heranwachsenden

vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip

geleiten. Doch nicht länger als reines Anpassungstraining.

In dynamischen Gesellschaften

kann Schule die Kids nicht länger

auf die Standards der Gegenwart

eichen, sie muss sie in eine offene Zukunft

hinein formen. Schule wandelt sich

vom Assimilationsinstitut zum Innovationszentrum

der Gesellschaft.

So wird der Lehrer zum Personalentwickler

der Nation. Er richtet Heranwachsende

weniger auf dies und jenes ab, er

bringt sie als Zukunftstypen in Form,

macht sie expeditionstauglich – für alle

Wetter. Wie schafft er das?

Die Lehrerin, das

personifizierte Lernziel

Anders als eine Verkäuferin oder Ärztin

hantiert die Lehrerin nicht nur mit Waren

oder Wissen, sie ist – ob sie will oder

nicht – das Vorbild für Bildung. Das geht

so: Die Schüler, auf welcher Stufe auch

immer, erwarten am ersten Tag ihre neue

Klassenlehrerin. Wie sieht sie aus, was

hat sie drauf? Sie kommt, und schon die

Art, wie sie kommt, prägt das künftige

Verhältnis: Tanzt sie – oder schleppt sie?

Schüler schalten subkutan im Nu: Siehe

da, so also sieht eine aus, die all das

schon intus hat, was wir jetzt mühsam

lernen sollen. Und? Was hat sie davon?

Blüht sie oder welkt sie? Lebt sie vergnügt

oder darbt sie? Wie viel eine Lehrerin

im Innern weiss, beeindruckt keine

Schüler; die wollen leibhaftig sehen, was

das Wissen fürs Leben hergibt, wie reich

es die Person macht, wie gewitzt, wie

souverän.

Darum ist die Lehrerin mehr als Wissensvermittlerin:

eine Art Idol. Ein «Idol» verkörpert

das «Grössen-Ich», die Idealvorstellung

von sich selbst. Im Idol gewinnen

Heranwachsende ihr Wunschbild,

wie sie gerne sein möchten. An der

Lehrerin müssen die Jungen sehen,

warum sich der ganze Schulkram lohnt.

Über reine Vernunft funktioniert das nie.

Bei Menschen läuft alles über Sinnlichkeit,

bei jungen schon gar. Die brauchen

ein Bild aus Fleisch und Blut, die wollen

sehen: Gott, so eine vitale Lehrerin!

Und die findet all das lebenswichtig, was

wir jetzt lernen sollen. Die Lehrerin als

höchst persönliche Glaubwürdigkeit des

Lernens.

Der Lehrer, Pädagoge

im Hauptberuf

Je mehr Erziehungsaufgaben die Schule

übernehmen muss, desto schwammiger

wird das Berufsprofil des Lehrers: irgendwo

zwischen Elternersatz, Hobbypsychologe,

Kariesverhüter, Bulimiepräventionsberater,

Manieren-Trainer. Will ein Lehrer

an dieser Zerrissenheit nicht scheitern,

muss er sein Berufsprofil straffen – und

sagen: Ich bin Pädagoge, basta. «Pädagoge

» kommt vom griechischen «paidagogein

», was so viel bedeutet wie «Kinder

«Ich bin Pädagoge, basta!»

Eine Aussensicht in zehn Thesen

Früher waren die Lehrer Pauker und die Schulen Assimilationsinstitute.

Heute ist die Sache etwas komplexer. Und genau darin liegt auch eine Gefahr.

Eine kritische Annäherung an moderne Entwicklungen in der Pädagogik.

1.

2.

3.

4

führen», hinführen, hinanführen. Führen,

nicht betreuen. Hinführen, nicht unbedingt

verstehen. Der tüchtige Pädagoge

bewirtschaftet nicht seelische Tagesbedürfnisse

der Schüler. Natürlich muss er

die Jugendlichen mögen, sonst hat er seinen

Beruf verfehlt, aber nicht partout in

ihrer Tagesform, es reicht, dass er sich

ihrer Möglichkeitsform freut. Dahin muss

er sie führen: Damit sie werden, die sie

sein können. Auf dem Weg dahin muss

er ihnen helfen. Es geht ihm vorrangig

ums Lernen, nicht um «gute Gefühle».

Weil er weiss: Nur am Lernerfolg wächst

das Kind, wird frei – und gewinnt, sozusagen

nebenher, auch noch die tollsten

Gefühle. Also weg von der alles verstehenden

Psychologisierung der Pädagogik,

hin zur pädagogischen Führung.

Indem der Pädagoge die Jungen lernen

lehrt, stärkt er die Person in ihnen.

Die Lehrerin, Erotikerin

trotz Flexibilität

«Die Menschen stärken und die Dinge

klären» (Hartmut von Hentig). Unklar

bleibt oft der Zusammenhang: Dass stark

wird, wer sich einer Sache hingibt. Viele

denken: Die Jungen müssen flexibel werden,

also naschen sie wie Schmetterlinge

mal da, mal dort. Tatsächlich aber wird

flexibel, wer unflexibel beginnt. Die

junge Pianistin muss sich jahrelang an

ihrem Instrument abmühen, intim werden

mit ihm, es lieben lernen; nur so

wächst sie selber und wird dereinst frei

aufspielen können.

Bildung ist erotisch – oder nichts wert.

Schüler müssen Liebhaber des Wissens

werden. Anfänglich benimmt sich das

Wissen – wie jede kostbare Geliebte –

etwas zickig, doch nach und nach, hartnäckig

umworben, gibt es ein Geheimnis

nach dem andern preis, schliesslich können

die Schüler gar nicht genug von ihm

kriegen. Zur erotischen Ansteckung brauchen

sie eine Lehrerin, die es vorlebt:

Nur wer die Sache mag, mit der er sich

beschäftigt, wächst an ihr, wird stark,

reich, frech, vergnügt, ernst, wetterunabhängig.

Soll diese Erotik eine Chance haben, sind

vier Dinge nötig: äussere Ordnung

(These 5), körperliche Fitness (These 6),

Education sentimentale (These 7), der

Tanz der Dotcom-Generation (These 8).

Der Lehrer, der Commitments-

Durchsetzer

Der Lehrer ist, wie gesagt, hauptberuflich

Pädagoge. Er lehrt die Schüler lernen.

Das setzt ein Minimum an individueller

Zivilisiertheit (Anstand, Rücksicht,

Konzentration) voraus. Das läuft nur über

kollektive Regelwerke, die im Schulareal

verbindlich gelten: Man grüsst sich, Mädchen

werden nicht «Schlampe» genannt,

Kaugummis nicht auf den Boden gespuckt

...

Am besten setzen Lehrer diesen Kanon

durch «commitments» durch: über einen

«Vertrag» zwischen Schule und Schüler,

wie er in Sportvereinen längst erfolgreich

praktiziert wird: Du kannst bei uns jede

Menge lernen, kannst gross herauskommen,

im Gegenzug hältst Du dich an die

Spielregeln. Auf Regelbruch stehen Sanktionen.

Das verlangt ein neues Verständnis für

Konventionen: als Erleichterung des

gemeinschaftlichen Lernens. Wie beim

Fussball. Ohne absolut geltenden Regelkanon

gäbe es alle drei Minuten ein

Time-out, die Beteiligten diskutierten

über das Stürmer-Foul (Was ging in dir

vor, als du den Verteidiger umsäbeltest?).

Alle drei Minuten eine Mediation. Der

Fussball wäre im Eimer. Genau so die

Schule. Der Verhaltenskodex will rigoros

durchgesetzt sein – im Interesse des

gemeinsamen Lernens.

Die Lehrerin, die

Bewegungs-Animatrice

Nicht jede Lehrerin braucht ein Sportlehrdiplom.

Doch sie muss darauf drängen,

dass ihre Schule die Schüler nicht

als reine Geister behandelt, sondern als

Körperwesen, die täglich in Bewegung

zu bringen sind. Nicht nur, um Haltungsschäden

und Fettleibigkeit zu verhindern.

Auch um den Geist in Schwung zu bringen,

denn: Verhockt der Körper, harzt

auch das Hirn. In einer Zeit jugendlicher

Bewegungsarmut muss jede Lehrerin darauf

achten.

Es gibt Experimente mit einer täglichen

Turnstunde für alle – mit umwerfenden

Ergebnissen: 1. Die Kinder sind körperlich

fit. 2. Die Gewalt im Schulhof sinkt

gegen Null. 3. Die Leistungen in sämtlichen

Fächern steigen, obwohl weniger

Zeit für sie bleibt. Logisch: Kinder, die

sich ausgetobt haben, sind ruhiger, konzentrierter,

aufnahmefähiger.

Der Lehrer, Liebhaber

einer éducation sentimentale

Was Turnen für den Körper, ist Musik

(oder Poesie, Tanz, Theater) für die

Seele. Kinder wachsen nicht mehr am

rauschenden Bächlein auf, sie müssen

sich in einer technischen, durchrationalisierten

Welt zurecht finden. Wer erweckt

ihre höchstpersönliche Seele, wer stiftet

ihre individuelle Empfindungsbiografie?

Das sogenannt Musische, das scheinbar

Nutzlose. Musik z. B. bringt etwas ins

Schwingen, das mit Worten nicht zu

sagen ist: eine Ahnung von Lust und

Leid, einen Vorgeschmack vom Reichtum

der Emotionen, eine Freude an der Intensität

der Empfindungen. So wird ein

Mensch Mensch.

Ein Mensch mit seiner eigenen Vista vom

Leben. Darauf hat die Jugend ein Recht:

dass sie nicht reibungslos in die Erwachsenenwelt

schlüpft, sondern ihre eigene

Idee ausbildet, wie sie die Welt künftig

organisieren möchte.

5.

Schwerpunkt

6.

7.

4.

Die Lehrerin, Anwältin

des Kindes – auch gegen

die Eltern

Eltern glauben gerne, das Kind gehöre

ihnen. Ein Kind gehört aber gar niemandem.

Es gehört sich. Dass es immer mehr

sich selbst gehört, schliesslich ein mündiges

Subjekt wird, das ist der vornehmste

Zweck der Schule. Die Lehrerin muss

diese Zweckbestimmung verteidigen –

auch gegen Herrschaftsambitionen von

Eltern. Sie ist nicht das Kindermädchen

der Eltern, sie arbeitet im Auftrag der

Gesellschaft – im Interesse an der Freiheit

des Kindes.

Der Lehrer, Geburtshelfer

der Selbstständigkeit

Das Hauptproblem gegenwärtiger Bildung

steckt in mangelnder Motivation.

Schüler aller Stufen (noch im Gymnasium,

an Hochschulen) sind nicht zu

dumm oder zu faul. Viele engagieren sich

zu dürftig. Sie nehmen Bildung nicht persönlich,

bleiben Wissensempfänger, werden

nicht zu Subjekten, zu Autoren ihrer

Bildungsbiografie.

Darum muss der Lehrer seine Schüler

früh zum Selberlernen anstiften, nicht

den «Bildungsrucksack» füllen. In wandelschnellen

Zeiten entscheidet, was junge

Leute intus haben, nicht was sie am

Rücken tragen: vitale Neugier, Lernlust,

Selbstvertrauen im Umgang mit Neuerungen.

Dies alles kann ein Lehrer sie

nicht lehren, er muss es aus ihnen heraus

locken – mit Didaktiken selbstgesteuerten

Lernens.

Die Lehrerin, Fixstern

für Chaos-Kids

Die Dotcom-Generation findet ihre

Lebensspur mühsamer. Eingedeckt mit

Multimedia-Zauber, Game-Konsolen,

Handygeklingel, Popkultur kommt sie

privat nur schwer zu Besinnung. In der

Schule gerät sie in eine multikulturelle

Gesellschaft.

Die Lehrerin muss diese «schöne neue

Welt» kennen: eine Welt der Turbulenz,

in der man springen, switchen, surfen

muss, nicht nur bedächtig gehen. Sie

muss um die Bedingungen jugendlicher

Sozialisation wissen – und sich doch

nicht zu sehr davon beeindrucken lassen.

Vielmehr muss sie zeigen, dass es

sich lohnt, trotz Durcheinander der

Kulturen und Signale eine vergnügte

Einzelne zu sein, eine eigene Farbe zu

haben im Patchwork des bunten Nebeneinanders.

Sie wird das Vielerlei gelten

lassen – doch darauf bestehen, dass das

nur glückt, wenn ein gemeinsamer

Nenner gilt: Rücksicht, Humor, konzentriertes

Lernen.

01/2007 _ Inforum PHZ _ 5

10. 8. 9.

Dr. Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph,

war journalistisch in Chefredaktionen tätig

(St. Galler Tagblatt, Weltwoche).

Heute ist er Kolumnist, Hochschuldozent

für Philosophie und Medientheorie, Referent zu Fragen

der Zeitdiagnostik.

Sein jüngstes Buch: «Die Erotik der Tapete. Verführung

zum Denken» (Huber Verlag).

Bilder: Claudio Minutella

 



[...]
"Musik und Kunst wirken sich phantastisch vorteilhaft auf die Entwicklung einer Persönlichkeit aus: auf Sozialverhalten, Kontaktfähigkeit, psychische und emotionale Stabilität, kreative Intelligenz. Die sogenannt musische Beschäftigung stärkt die Person, erweitert das Selbst, beflügelt die Phantasie, läutert den Geist. Und das sind doch, alles in allem, die viel zitierten Schlüsselqualifikationen für die Zukunft. Na also." [...] 
Dr. Ludwig Hasler

 

 

Kommt Qualität von «Qual»?

In flexiblen Zeiten hapert es

mit Qualität

Dr. Ludwig Hasler

Qualität ist in aller Munde. Bis zur Alltagspraxis dringt sie

selten durch; da wimmelt es von Schlampigkeiten, Schludrigkeiten.

Qualitätsvergessenheit hat Methode: Sie kommt

aus dem Zustand unserer Gesellschaft. Die «flexible Gesellschaft

» macht uns zu Nomaden; Qualität aber braucht

ein Minimum an Sesshaftigkeit. Die «Erlebnisgesellschaft»

macht uns zu Hütern der subjektiven Lebensqualität; Qualität

aber verlangt die Leidenschaft zur Sache, Möglichkeitssinn

statt Selbstzufriedenheit. Mit diesem Zwiespalt

muss sich auseinander setzen, wer über Qualität redet:

mit den Spannungen zwischen wirtschaftlicher Qualitätsanforderung

und gesellschaftlichen Konditionen.

Qualität hat Konjunktur. Jedenfalls als Geschäftsfeld

für Standardisierung und Kontrolle. Im Alltag merke ich

wenig davon. Wo ich hinsehe – Pfusch und Ramsch,

halbbatzige Ware, schludrige Dienstleistung. Am neuen

Veston (790 Franken) lottern die Knöpfe; der PC, kürzlich

generalüberholt (360 Franken) stürzt schon wieder

ab; die Zeitung («das Blatt für kluge Köpfe») mutet mir

verwahrloste Texte zu; eine Freundin, zum Untersuch im

Spital, kriegt den Befund erst nach mehrmaliger Nachfrage,

sechs Wochen später.

Die Liste alltäglicher Schlampigkeiten liesse sich beliebig

fortsetzen. Verspätung am Bahnhof, Druckfehler in Büchern,

Bibelunkenntnis auf der Kanzel, Geschmacklosigkeit

in der Architektur, Mikrowellenfood im Restaurant,

Infektion im Spital, Verblödung am Fernsehen... Meine

Packung Läkerol muss ich jedes zweite Mal mit den

Zähnen aufbeissen, die Firma ist unfähig, den Reissfaden

so zu installieren, dass er die Zellophanverpackung löst.

Dies alles, obwohl das Q-Business boomt wie nie zuvor in

der Geschichte der Menschheit. Kein Management ohne

Qualitäts-Management. Keine Firma, keine Schule, kein

Fussballclub ohne Qualitäts-Zertifikat.

Was ist hier los? Die gelassene Antwort lautet: Errare

humanum est. Wir arbeiten unter irdischen Bedingungen;

Perfektheitserwartungen vertagen wir besser aufs Jenseits.

Kann man so sehen, nur: Der Mensch lebte immer

schon unter irdischen Bedingungen – und produzierte

doch nie so viel Schrott wie heute. Warum ausgerechnet

heute? Bei unserer hoch entwickelten Technik, mit unserer

flächendeckenden Bildung? Pauschalerklärungen

sind rasch zur Hand: die Schnelllebigkeit der Zeit, das

Tempo des Wandels, die Kurzatmigkeit der Moden, die

Just-in-time-Produktion, die komplexe Organisation, in

der sich keiner mehr verantwortlich fühlt.

Alles plausibel. Trotzdem bleibt es ein Skandal, dass

zum Beispiel das Mittelalter, diese angeblich so dunkle,

barbarische Welt ohne Technik, ohne Wissenschaft,

ungleich qualitätsbewusster zu Werk ging! Es baute

hundert Jahre an einer Kathedrale, mühsamst, alles

von Hand, und dabei so akkurat und solide, als wäre

sie für die Ewigkeit, überdies ästhetisch hinreissend,

im grossen Ganzen wie im geringfügigsten Detail. Verglichen

damit sind wir qualitätsvergessene Pfuscher,

Kurzfriststümper; unsere Hochhäuser (siehe Stadthaus

St. Gallen) müssen nach 50 Jahren totalerneuert, wenn

nicht abgerissen werden, unsere Autobahnen sind nach

zehn Jahren unbefahrbar.

Fällt Qualität dem Zeitgeist zum Opfer? Immerhin ist da

– um in der Region zu bleiben – ein Albert Kriemler mit

seiner Weltmarke Akris, die St. Galler Textilindustrie insgesamt,

(Tobias Forster von Forster-Willi wurde soeben

in Frankreich geadelt), auch weniger Bekannte wie der

Flawiler Fritz Lüdi, der mit ausgeklügelter Feinmechanik

im Weltmarkt mitmischt, Karl Stadler in Heerbrugg,

der mit ausgetüftelter Medizinaltechnik in den USA

 

erfolgreich ist.

Aber ist das die Avantgarde – oder sind es Überbleibsel

einer handwerklichen Qualitäts-Tradition? Sicher sind es

Maniacs, Angefressene. Berufsleute, Unternehmer, die

ihr Label nicht nach dem Wind hängen, sondern unbeirrt

an der Perfektionierung ihrer Produkte arbeiten.

Kommt Qualität vielleicht doch von Qual? Gibt es heute

so wenig davon, weil es aus der Mode geraten ist, sich

an der Sache abzuquälen? Bleiben wir erst mal nüchtern:

Qualität kommt vom lateinischen quale, und das bedeutet

wie. Dieses Wie grenzt sich ab vom Was (res) und vom

Wieviel (quantum). Dass Quantität nicht automatisch in

Qualität mündet, ist trivial; das weiss jeder Casanova,

der 723 Frauen vernascht, doch nie erfahren hat, was

Liebe mit einem anstellen kann. Ähnlich geht es Managern,

die nur quantitativ expandieren – und plötzlich vor

dem Dalai Lama knien.

Weniger populär ist das Verhältnis zwischen dem Wie

(Qualität) und dem Was (Produkt). Ausser am konkreten

Beispiel. Ich rede gerade – und hoffe, Sie sind empfänglich

für das, was ich sage; was aber davon abhängt,

wie ich es sage. Ich meine nicht jene Rhetorik, die mit

dem Publikumsfang kokettiert, ich denke an die Redeweise,

die den Inhalt interessant macht. Ein guter Redner

spricht wie eine Meisterköchin kocht. Züri Gschnetzlets

kann jeder Idiot zubereiten. Fragt sich nur wie. Die

Meisterköchin unterscheidet sich vom Dilettanten nicht

durch Tricks und Schaumschlägerei, ihre Raffinesse dient

dem einzigen Zweck, Kalbfleisch und Rösti optimal zur

Geltung zu bringen, deren Eigengeschmack entfalten

zu lassen. Das Wie muss das Was lieben. Dann wird

es Qualität: Höhenflug der Sache. Ein Hosenanzug ist

keine Hexerei. Die Akris-Leute aber erfinden ihn jedes

Jahr neu, tüfteln unermüdlich an neuen Formen, Stoffen,

Farben, ruhen nicht, bis sie die Qualität der letzten Saison

übertreffen. Das Was ist keine Kunst, das Wie bleibt

unerschöpflich – wie der Liebesbrief: sein Inhalt ist seit

König Salomo konstant, seine Form grenzenlos variabel.

Schluss mit Vorgeplänkel. Zweierlei wollte ich plausibel

machen. Zunächst faktisch: Es grassiert eine auffällige

Qualitätsverluderung. Sodann begriffsathletisch: Qualität

als permanente Raffinesse des Wie – zur Steigerung des

Was. Mein Pensum ist nun: diese beiden Feststellungen

– Qualitätsverlust und Qualitätsbegriff – in der Situation

der aktuellen Gesellschaft zu untersuchen. Ich nehme

dazu zwei Anläufe. Im ersten frage ich nach gesellschaftlichen

Konditionen der Qualität, im zweiten nach individuellen

Bedingungen.

I . Die Flexibilitätsfalle . Gesellschaftliche

Konditionen der Qualität

Alle reden heute von Kompetenzen. Was kann die Frau?

Was beherrscht der Mann? Als ich Leute einstellte, fragte

ich nach dem Wie. Ob Kompetenzen da sind, ist rasch

gecheckt. Entscheidend aber ist, ob hinter dem Kompetenzen-

Portfolio noch jemand lebt, der mit diesen Kompetenzen

etwas will, etwas Besonderes, Einmaliges, ob

ein Wille da ist, diese Kompetenzen auf die Spitze zu

treiben, eine Leidenschaft zur Sache, eine Lust aufs Bessere,

eine Begier auf Perfektionierung. So etwas kommt

aus der Person, nicht aus Kompetenzen. Dazu muss man

den Menschen kennen lernen, nicht seine Ausweise.

Der Mensch und sein Wille zur Qualität. Das ist keine

Naturkonstante, das hängt vom gesellschaftlichen Milieu

ab. Darf ich Sie noch einmal mit dem Mittelalter

belästigen? Es gibt da diese sinnenfällige Legende von

den drei Steinmetzen. Die werden einzeln befragt: «Was

machst du hier?» Der erste sagt: «Ich haue hier Steine.»

Der zweite antwortet: «Ich verdiene hier meinen Lebensunterhalt.

» Der dritte aber sagt: «Ich baue mit an der

wunderbaren neuen Kathedrale unserer Stadt.» Welcher

von den Dreien ist der Glücklichste? Welcher bringt die

beste Qualität? Sie wissen es.

«Ich baue an der wunderbaren neuen Kathedrale unserer

Stadt.» Der Satz drückt aus: Meine Arbeit hat einen

Sinn, nicht nur einen Zweck. Sie erfüllt mich, lässt mich

teilhaben an etwas Bedeutendem, Grossem, für die Allgemeinheit

Wichtigem. Für dieses Grosse, Wichtige setze

ich mich rückhaltlos ein, denn es bereichert mich selbst,

da achte ich auf Qualität, will meine Arbeit nicht nur

gut machen, sondern immer besser. Arbeit nicht nur als

Produkteproduktion. Arbeit mit Sinnüberschuss. Gibt es

das noch – in unserer flexiblen Zeit?

In seinem Buch «Der flexible Mensch» illustriert Richard

Sennett den Wandel der Arbeit an zwei Lebensläufen.

Zunächst die Biografie aus der Zeit, als der Mensch

noch nicht flexibel sein musste. Enrico war Hauswart in

einem Verwaltungsgebäude in Boston. Sein gesamtes

Arbeitsleben lang. Tag für Tag dieselben Verrichtungen,

 

lauter Routine. Das Gute daran: ein feststehender Kontext,

garantiertes Einkommen, gesicherte Pension; sozial

wohl definiert, klare Stellung in der Gesellschaft, konstante

Beziehungen zu Nachbarn, Anerkennung durch

konformes Verhalten; berechenbare Lebensperspektive,

Sparen für ein Haus, für die Ausbildung der Kinder. Alles

in allem eine geschlossene Vita, nichts Besonderes, aber

doch eine eindeutige Identität, eben darum das Gefühl,

Subjekt seiner Geschichte zu sein, Autor seines Lebens,

dazu eine gehörige Portion Selbstachtung und Selbstverantwortung.

Und jetzt die zweite Geschichte. Eine Geschichte aus

der neuen flexiblen Zeit. Rico, der Sohn Enricos, macht

Karriere. Zwei Studienabschlüsse, eine Frau, die ähnlich

erfolgreich ist, häufiger Ortswechsel. Äusserlich glänzend,

sozial ohne Halt, null nachbarschaftliche Beziehung,

keine dauerhaften Freunde, das lästige Gefühl,

das Leben nicht selber zu gestalten, den wechselnden

Anforderungen des Marktes nachzurennen, die Angst,

nicht mehr zu genügen, abgehängt zu werden. Unter

der Hektik des Alltags die Melancholie der Leere; keine

Dauer, keine Tiefe, kein Charakter.

Soweit die beiden Lebensläufe. Was bedeuten sie für

unsere Frage nach Qualität? Enrico, der Vater mit seinem

eingeschränkten, doch konstanten Wirkungskreis, lebt im

Bewusstsein, «es kommt auf mich an»; die Arbeit nährt

seinen Stolz, darum bringt er sie nicht hinter sich, er

sucht sie, er sitzt in ihr, er will sie nicht gut, er will sie

immer besser machen, er arbeitet an der zeitgemässen

Kathedrale, dem Verwaltungsgebäude, an ihm liegt es,

dass darin alles glatt läuft. Ist Qualität am Ende eine

Frage der Sesshaftigkeit? Rico, der nicht mehr sesshafte

Sohn, der Managertyp, hat ein gravierendes Problem mit

Qualität: Er ist so sehr mit seinem eigenen Überleben

beschäftigt, dass er weder Zeit noch Energie findet, das

Unternehmen sorgfältig zu qualifizieren. Mit der Kontinuierlichkeit

schwindet die Qualität.

So weit Richard Sennetts Blick auf Qualität in flexiblen

Zeiten. Ich kann ihn bestätigen. Als ich noch Chefredaktor

war, bewarb sich eine Germanistin als Kulturchefin. Ich

fragte sie nach ihrer Lieblingsautorin. Ich mag irgendwie

alle, sagte sie. Was sie denn grad aktuell lese? Sie suche

jetzt einen Job, da komme sie nicht zum Lesen. Was sie

vom gegenwärtigen Schauspiel halte? Im Theater war

sie seit Jahren nicht, doch wenn sie den Job kriege, interessiere

sie sich sogleich auch fürs Schauspiel. Damit

war die Kulturchefin für mich erledigt.

Obwohl ich sie verstehen konnte. Kein vitales Interesse,

schlimm, doch warum sollte sie sich in Unkosten stürzen

mit Interessen, nach denen dann doch keiner fragt?

Flexibel bleiben hiess für sie: Surfen statt Eintauchen,

Switchen statt Spezialisieren. Eine rationale Reaktion.

In flexiblen Zeiten werden wir Nomaden. Hat auch

seinen Reiz. Für Qualität zu unstet. Warum soll ich, auf

Abruf nur, mich beharrlich um Verbesserung bemühen?

Wer erwartet es von mir? Wer dankt es mir? Übermorgen

mache ich schon anderswo Halt. Was soll da Qualität?

Wo es einzig darum geht, sich über die Runden

zu bringen. Qualität in der Arbeit aber lebt von der

Leidenschaft zur Sache. Ich muss mich mit der Sache

anfreunden. Dazu brauche ich Zeit, eine verlässliche

Perspektive, eine mittlere Sicherheit, dass die Sache

mir nicht gleich wieder abhanden kommt. Überdies den

Glauben, dass es sich lohnt, meine Fantasie an diese

Sache zu verschwenden.

Spült die Flexibilisierung diese Bedingungen weg? Kathedralen

können wir nicht wieder bauen. Aber vielleicht

Unternehmen, in denen die Angestellten sich nicht als

nomadisierendes «Humankapital» vorkommen. Shareholder

Value ist ein gutes Firmenergebnis, als Ziel taugt

es nicht. «Human Value» dagegen schon: Leute einstellen,

die sich mit der Sache befreunden können – und

ihnen ein Biotop schaffen, das diese Freundschaft begünstigt.

Vom so genannt «neuen Angestellten» wird

das komplette Engagement erwartet, der Einsatz seiner

Person, nicht nur seiner Kompetenzen. Also muss

man ihm durch langfristige Entscheidungen Sicherheit

geben, ihm einen Ort quasi-familiärer Verlässlichkeit

einräumen, antizyklisch zur Wetterwendigkeit der Zeit.

So entgingen Unternehmen der Flexibilitätsfalle – und

würden, weil nur so Angestellte sich entfalten, zu Gewächshäusern

für Qualität.

II . Die Erlebnisfalle . Individuelle Konditionen

der Qualität

Wir leben in der Erlebnisgesellschaft. In der Trivialversion

heisst das: Kaum sind wir die materielle Not los,

kümmern wir uns nur noch um das mickrige individuelle

Glück (Nietzsche). In der Filigranversion bedeutet es:

Vom äusseren Existenzkampf befreit, konzentrieren wir

uns auf die innere Befriedigung; der berufliche Erfolg

misst sich weniger an seinen Wirkungen nach aussen als

an der subjektiv empfundenen Lebensqualität. So wandelt

sich der Gehalt von Qualität: weg vom Verbessern

der Lebensumstände, hin zum Optimieren der Lebensgefühle.

Qualität verschiebt sich von der Leistungsqualität

zur Erlebnisqualität.

Gerhard Schulze, der Soziologe der «Erlebnisgesellschaft»,

argumentiert so: «Überflussgesellschaften» entlasten uns

weitgehend vom Lebensnotwendigen – belasten uns jedoch

sogleich neu: mit Orientierungsleistungen. Anders

als früher sind wir nicht durch Herkunft festgelegt, weder

beruflich noch sozial noch im Lebensstil. Wir müssen

uns selber wählen, und je mehr Optionen da sind, umso

aufwändiger wird die Wahl, umso drastischer die Folgen.

Wir sind selber unseres Glückes Schmied. Der Zwang,

die Regie unseres Lebens selber zu übernehmen, verweist

uns auf unser «Innenleben». Ich muss unablässig

herausfinden, was zu mir passt, was meiner subjektiven

Vorliebe entspricht. Zwangsläufig wird die eigene Person

zum Nabel der Welt, die Erlebnisorientierung zum Mass

aller Dinge.

Damit bekommt die herkömmliche Leistungsqualität ein

Problem. Die Dominanz des Erlebens bremst die Bereitschaft

aus, Arbeitsabläufe und -produkte zu perfektionieren.

Wozu soll die Marketingassistentin den Werbeversand

digitalisieren, wenn das Briefmarkenkleben sie

happy macht? Die aktuell angesagte Maxime «Hauptsache,

du fühlst dich gut» treibt wunderliche Blüten,

die von der Spass- und Fernsehindustrie noch gepuscht

werden – nach dem Motto: schlecht singen, gross Geld

verdienen und sich dabei toll fühlen.

Schlaraffenland-Vorstellungen von Qualität, nicht von

dieser Welt. Wachstum, Erfolg, Glück fallen uns nicht

senkrecht vor die Füsse. In dynamischen Zeiten reüssiert

nur, wer – diesseits emotionaler Kicks – seine Tätigkeit

qualifiziert. Qualität aber kommt eher aus Mangelerfahrungen

als aus Hochgefühlen. Nicht dass Qualität

nur von Unglücklichen zu erwarten ist, die miesepetern

dann doch nur herum. Sicher aber entspringt Qualität

einem zwiespältigen Bewusstsein. Irgendwo zwischen

vergnügt – und doch nie restlos zufrieden. Die Zufriedenen

haben ja alles, wozu sollten sie nachbessern? Die

Missvergnügten wiederum glauben nie an Besserung.

Die Mischung macht es. Jene heitere Unruhe, die mir

sagt, es müsste trotz allem Guten etwas Besseres geben.

Ein besseres Leben, bessere Arbeit, bessere Produkte.

Das wäre die individuelle Kondition für Qualität. Ein eher

unzeitgemässer Menschenschlag, der nicht nur für sich

schaut, sondern alles um sich in Hochform bringen will.

Kompetenzen reichen da nicht hin. Qualität entspringt dem

Sinn für Möglichkeiten: im Menschen, in Dingen, in Organisationen.

Der Möglichkeitssinn vereint zwei unterschiedliche

Talente: den illusionslosen Blick auf das, was ist, und

die träumerische Vorstellung von dem, was sein könnte.

Spielt beides zusammen, hat Qualität ihre Chance.

Ich will es Ihnen an der Geschichte des Steve Jobs illustrieren.

Der Apple-Mann, einer der erfolgreichsten

Männer der Gegenwart, hat nicht einmal einen College-

Abschluss. Der 17-jährige Steve hatte weder Geld noch

eine Idee, was er mit seinem Leben anfangen sollte, wohl

aber einen Traum vom guten, schönen Leben. Eines Tages

fiel ihm der Aushang eines Kalligrafie-Kurses am Reed-

College auf. Schon lange hatte er auf dem Campus die

handgeschriebenen Plakate und Aufschriften bewundert.

So schön wollte er es nun selber können. Er lernte Schriftarten,

die subtilen Abstände zwischen den Buchstaben,

was gute Kalligrafie halt ausmacht. Kalligrafie! Was für

ein altmodisch nutzloser Zopf! Aber so schön! Jobs liebte

sie, und wer liebt, fragt nicht, ob es sich rechne.

Zehn Jahre später sass Jobs in einer alten Garage und

bastelte mit Freunden am Macintosh-Computer. Er erinnerte

sich seiner kalligrafischen Künste – und der Mac

wurde zum ersten Computer mit einer gediegenen, variantenreichen

Typografie. Hätte Jobs damals den Kurs

nicht zwecklos besucht, wäre der Mac wohl nie zum

Welterfolg avanciert. Zumal Jobs’ Traum vom Schönen,

Besseren sich aufs Design überhaupt erstreckte. Mac ist

bis heute – anders als Windows – der PC, den wir lieben.

Wir sehen es ihm an: Er ist das Produkt nicht eines Geschäftemachers,

sondern eines ästhetischen Erotikers.

Das ist der Menschenschlag, der Qualität bringt. Am

Anfang bewundert er zwecklos das Vollkommene, in

Jobs’ Fall die Kalligrafie. Dann fällt ihm an den fertigen

Dingen die Unvollkommenheit auf – und ruht nicht, sie

zu perfektionieren, zu raffinieren, auf Vollkommenheit

hin zu bewegen. Voraussetzung ist also ein bestimmter

Blick auf die Dinge: der Blick, die Dinge im Lichte

ihrer Möglichkeiten erblickt, ihre Entfaltungschancen

sieht. Jobs ist darin ein Naturtalent. Wohl auch, weil

sein Blick unverbildet war, unverstellt durch den Raster

zertifizierter Kompetenzen-Portfolios. Und weil er

sich nicht auf einer fachlichen Qualifikation ausruhen

konnte, wurde er auch kein «Ich fühl mich toll»-Typ; er

musste sich hervortun, als Erotiker der Möglichkeiten,

nicht als Bewirtschafter des eigenen Erlebnishaushalts.

Jobs schuf Qualität aus Leidenschaft zum Computer,

aus Liebe zur Kalligrafie.

Daraus leite ich zwei Forderungen ab: 1. Berufliche Ausbildung

– gerade an Fachhochschulen – muss vermehrt

auf Steve Jobs-Typen hin arbeiten: auf Erfindertypen.

Die jungen Leute in Kreativlaune bringen, nicht nur

mit Kompetenzen eindecken, ihren Möglichkeitssinn

wecken, nähren, fordern, belohnen.

2. Arbeitgeber müssen Steve Jobs-Typen favorisieren.

Nicht brave Kompetenzenverwalter, nicht ichbezogene

Psycho-Typen. «Der Durchschnittliche gibt der Welt

ihren Bestand», sagt Oscar Wilde, «der Aussergewöhnliche

ihren Wert.» Pflücken Sie die Aussergewöhnlichen,

die Verrückten, die Inspirierten.

Nur so retten wir Qualität über die Erlebnisfalle hinweg:

indem wir sie – als Kreativ-Qualität – selber zum Erlebnis

machen. Ganz ohne Qual läuft das nicht. Die Wenigsten

beginnen – wie Steve Jobs – als Qualitäts-Naturbegabungen.

Wir andern müssen uns – gegen das Trägheitsgesetz

– durchkämpfen. Nach Kennedys Motto: «Wer

einmal im Leben mit dem Zweitbesten vorlieb nimmt,

erreicht immer wieder nur das Zweitbeste.» Mobilisieren

wir den Widerstand gegen das Zweitbeste. Kultivieren

wir das Vergnügen am Allerbesten.

Literatur:

Sennett, Richard: Der flexible Mensch.

Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin (Berlin Verlag) 1998.

Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft.

Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt (Campus Ve