Dr
L. Hasler
Vom
Tempo der Welt
- Am Ende der Uhrzeit-
Vortrag
beim Kanti-Forum 2000 zum Thema:
Der Zeitgeist heißt Tempo – Vom Leben in beschleunigter Gesellschaft
von Dr. Ludwig Hasler, stv. Chefredaktor der "Weltwoche", Zürich
Montag, 7. Februar 2000
WER NICHT UNTER DIE RÄDER
DES MODERNISIERUNGS-TEMPOS GERATEN WILL,
BRAUCHT BILDUNG. ABER WELCHE?
Meine Damen und Herren
Der frühere Präsident von Sony, Akio Morita, redet mehr, als es Japaner in führenden Positionen gemeinhin tun. Auf Konferenzen rund um den Globus erzählt er gerne den folgenden Witz: Zwei Manager stehen in der Savanne plötzlich einem Löwen gegenüber. Märchenhafterweise gibt es da aber noch eine Fee; und deshalb haben die Manager einen Wunsch frei, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Also sagt einer der beiden wie aus der Pistole geschossen: "Ich wünsche mir ein paar Turnschuhe!" Die gute Fee kapiert nicht recht. "Auch mit Turnschuhen sind Sie nicht schneller als der Löwe", gibt sie zu bedenken. "Nein", antwortet der Geschäftsmann, "aber schneller als mein Kollege."
Kein Wunder, finden Akio Morita und und seine Konkurrenten diese Geschichte stets von neuem umwerfend erbaulich. Sie zeigt aufs Schönste, wo der Schlüssel zum Erfolg liegt: Man muss schneller sein als der andere. Das ist das Alpha und Omega des Wettbewerbs. Es geht nicht so sehr darum, gute Arbeit zu leisten, besser zu sein als andere. Es gilt vornehmlich, schneller zu sein als der Konkurrent.
Eine Plackerei war das Erdenleben schon immer. Darüber zu hadern lohnt sich nicht. Neu ist das Tempo der Veränderungsbeschleunigung - und damit verbunden die etwas groteske Situation, dass in diesem Rennen alle den Anschluss verpassen. Die einen können nicht mithalten, werden abgehängt, fliegen irgendwann aus dem Rennen. Die andern aber, die vermeintlichen Winners, die sich erfolgreich beeilen, schneller zu sein als andere, bleiben anderswo auf der Strecke; denn im Hinblick auf irgendjemand anderen kommt man immer zu spät. Keiner kann an allen Fronten zuvorderst mitrennen. Fährt er beruflich auf der Überholspur, parkiert er vielleicht privat auf dem Pannenstreifen. Stockt aber sein Privatleben, kann er mittelfristig wiederum beruflich ausgebremst werden. Beziehungszombies sind Überholkandidaten. Die Logik ist zu banal, um uns hier länger zu beschäftigen.
Was aber tun? Bill Clinton hat schon recht. Am Weltwirtschaftsforum in Davos plädierte er zwar für das allgemeine Gerenne von Freihandel und Informationstechnologie. Jedoch, fügte er bei, das könne nur gutgehen, sofern wir uns auf ein Ziel verständigten. Tönt plausibel: Rennen macht nur Sinn, wenn eine Vista vom Wohin mitspielt.
So. Und wie kommen wir zu dieser Vista? Durch Fantasie, durch Wissen, durch kreative Intelligenz - kurz: durch Bildung. Das ist mein Thema. Es klingt in diesen Wechselzeiten leicht angegraut. Denn was immer wir unter Bildung verstehen, gemeint ist allemal Formung, Reifung, etwas Abschlusserpichtes, als etwas tendenziell Vollendungsambitioniertes. Die reale Tempo-Gesellschaft aber will uns multifunktional, sie hat etwas gegen einmalige Formung, Vollendung ist passé, es gibt keine Möglichkeit mehr, zu einem Ende zu kommen. Bevor die Vollendung eintreten könnte, dreht die Konkurrenz das Hamsterrad längst mit neuem Schwung. Das Resultat: Alles wird künstlich gereift, Früchte und Gemüse ebenso wie Menschen. Alles darf gerade so viel Charakter haben, dass es auf der Stelle konsumierbar und einsetzbar ist, unabhängig von Jahres- und Lebenszeiten.
Genau hier setzt meine Skepsis ein: Ist es klug, die Leute auf kurzfristige Brauchbarkeit zu trimmen? Ist es tatsächlich clever, junge Leute nur auf flexible Verwendbarkeit hin zu trainieren? Sie merken die Absicht, meine Damen und Herren, und sind hoffentlich nicht schon verstimmt: Ich stelle nicht die grosse moralische Frage nach dem menschenmöglich Guten oder Bösen. Nein, ich frage ganz pragmatisch: Was nützt der Gesellschaft mehr - der hechelnde Mensch oder, zum Beispiel, der besonnene Mensch? Als Don Quichotte gegen die Windräder des Beschleunigungsregimes zu kämpfen habe ich weder die Kraft noch die Lust. Mich interessiert nicht die hohe Tugend, sondern die praktische Tauglichkeit. Also die Frage: Mit welchem Typus Mensch bleibt die Gesellschaft im Rennen?
Meine These dazu lautet: Wir müssen uns zwar dem Tempo der Modernisierung anpassen. Doch wer diesem Tempo immerzu hinterherrrennt, wird zum Anpasser. Eine Gesellschaft von Anpassern aber kommt erst recht unter die Räder der Sachzwänge der Tempo-Gesellschaft. Also brauchen wir, um einen Rest von Mündigkeit und Freiheit zu wahren, eine Gegenkraft, einen Eigenhalt, eine Resistenz. Die aber kann ich nur in Bildung finden.
Das ist meine Theses. Ich will sie sogleich ausführen. Zuvor noch ein Geständnis: Ich sprach schon letztes Jahr in dieser Stadt über Bildung, im exklusiven Zirkel der Kaufmännischen Berufsmaturitätsschule zwar, doch kann ich nicht ausschliessen, dass zwei, drei meiner damaligen Zuhörer sich heute hierher verirrten. Weshalb ich an einen vollkommen neuen Vortrag dachte - nur dass die Zeit mir davon lief und die Grippe mir den Rest gab. Sodass ich mit demselben Leitmotiv antrete - und aus der Not eine Tugend, denn wenn ich schon gegen das pausenlose Rennen nach Neuem rede, beginne ich mit der Rennpause am besten bei mir selber und halte mich ans Bewährte. Nämlich so:
"Es war einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun." Das stammt von Christian Morgenstern. Der Lattenzaun markiert eine Grenze. In unserem Fall: die Grenze zwischen dem Rennen und der Zielorientierung, zwischen dem sogenannten Leben und der Schule, zwischen Praxisbezug und Bildung. Der Lattenzaun, eine Grenze mit Luft zwischen den Latten, mit Durchblick also, mit Durchlass - aber eben doch eine Grenze.
Gäbe es nicht die Lücken zwischen den Latten, wir stünden vor einer Bretterwand. Mit Christian Morgenstern zu reden: "Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum. / Ein Anblick grässlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein."
Die Morgenstern-Verse fallen mir stets ein, wenn ich über das Verhältnis zwischen Bildung und Tempogesellschaft, zwischen Schule und Wirtschaft nachdenken soll. Drei Varianten stehen, idealtypisch, zur Wahl: Wir setzen (1.) den Lattenzaun zwischen Schule und realem Rennbetrieb; damit trennen wir die beiden Sphären, aber so, dass durch diese Trennung hindurch ein reger Austausch stattfinden kann. Oder wir errichten (2.) dazwischen einen Bretterzaun; mit ihm grenzen wir die Schule vollkommen ab von den Zumutungen des Wirtschaftslebens - als einen Schonraum, in dem allein die Gesetze der Bildung herrschen. Oder wir schleifen (3.) den Zaun, beseitigen also jede Grenze; dann ist Bildung nichts anderes als eine Art Rekrutenschule, die junge Leute auf wirtschaftliche Brauchbarkeit trimmt.
Drei Varianten, wie gesagt. Nur finde ich in der gegenwärtigen Diskussion meist nur zwei. Zunehmend erbittert geraten sich zwei Parteien in die Haare. "Ab in die Leistungsklasse!" rufen die einen - und brechen den Zaun ab. "Schluss mit dem Leistungswahn"! rufen die andern zurück - und bauen am Bretterzaun. Da habe ich es nicht leicht. Ich bin ganz ruhig für den Lattenzaun: Leistung, ja, doch ohne die gute alte Bildung bleibt sie blind und blöd. Da jedoch auch die beiden andern Modelle nicht purer Schwachsinn sind, nehme ich für mein Lattenzaun-Plädoyer dreimal Anlauf: 1. das Bretterzaun-Modell (Schule als Schonraum), 2. das Zaun-Abbruchs-Modell (Schule als Anschluss an den Modernisierungs-Wandel), 3. mein Lattenzaun-Modell (Schule als Anpassung für Unangepasste)
1. ANLAUF: DAS BRETTERZAUN-MODELL.
Schule als idealer Schonraum, abgeschirmt von allen Uebeln der realen Wettbewerbsgesellschaft
Die Schule ist ja eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Zuvor waren Kinder und Jugendliche nichts Besonderes, kleine Erwachsene eben; sie wurden nicht eigentlich erzogen, sondern unzimperlich nachgezogen für gesellschaftliche Rollen; früh mussten sie arbeiten, juristisch unterlagen sie demselben Strafrecht. Jugend war kein Sonderstatus, sondern einfach die erste Phase des allgemein menschlichen Rackerlebens.
Dann kam das Bürgertum - und erfand "die Jugend", nämlich als eine Art Moratorium, als eine Denkpause zwischen Kindheit und Erwachsenheit. Jugend als Trainingscamp: Hier sollte spielerisch geübt, geprobt, experimentiert werden, um für den Ernstfall des Erwachsenenlebens vorbereitet zu sein. Ganz ähnlich wie im Sport: Vor wichtigen Spielen zieht sich die Fussballnationalmannschaft ins Trainingslager zurück. Abgeschirmt von all den irritierenden Einflüssen der Alltagshektik soll sie sich aufs Wesentliche konzentrieren können
Das war die bürgerliche Idee von Jugend: Vor dem Ernstfall Erwachsenenleben sollten die Jugendlichen sich erst einmal in menschliche Form bringen. Also schuf man die Schule: als Schonraum für Trockenübungen. Unbedrängt von den Widerwärtigkeiten des realen Lebenskampfes sollten die Heranwachsenden sich auf die eigene Entwicklung konzentrieren können: auf die Beherrschung des Triebhaushaltes, auf die Stärkung des Ichs, auf die Entwicklung sozialer Beziehungen, auf eine differenzierte Wahrnehmung der Welt, auf Sachkenntnisse - kurz: auf das, was einst Bildung hiess. Schule als eine Art Separée, worin eine ganz andere Logik als die der Wirtschaft regieren sollte: die Logik der Bildung, der Herausbildung zum Menschen.
Ich weiss, das tönt heute sehr jenseits. Ziemlich blauäugig. Doch ich selber habe diese Schule durchgemacht. Ich bin, nur zum Beispiel, ausgiebig eingeweiht worden in alle erdenklichen Ueberlebensrafinessen unserer lieben Vorfahren, der Pfahlbauer; leider konnte ich dieses Spezialwissen seither nie anwenden. Täglich war eine Viertelstunde Kopfrechnen angesagt - heute verfüge sogar ich über einen Taschenrechner. Ueberdies streiften wir damals mit der Botanisierbüchse über Felder und Auen, bestimmten nach der Binz-Methode allerlei Blumen - ziemlich weltfremd aus heutiger Sicht, wo doch die moderne Landwirtschaft der Blumenvielfalt den Garaus gemacht hat. Wir lernten auch eine Menge dramatischer Seefahrer-Balladen auswendig, wovon mir im Wortlaut nur die herzzerreissende Zeile "S`ist Uwe, mein Sohn" geblieben ist (vermutlich Ludwig Uhland). Im Deutschunterricht unterwies man uns nicht ein Stunde in der Kunst des erfolgreichen Bewerbungsschreibens, wir trainierten bloss täglich den Wortschatz (mit dem unvergesslichen Lehrmittel "Klipp und klar, träf und wahr") - ein wahrlich beredter Luxus in heutigen Zeiten, wo viele schon verständnislos reagieren, wenn zwischen "super" und "Scheisse" und "ok" und "geil" mal ein fünftes Wort fällt... So dass ich mich, alles in allem, sehr verwundere, dass es mich überhaupt noch gibt, dass die Ellbogengesellschaft mich nicht nur nicht hat fallen lassen, sondern mich sogar noch ganz anständig bezahlt.
Man darf über all den alten Schultypus lächeln. Sicher, er war auch paradox: Er hätschelte die Idylle - unter Zwangsbedingungen: Disziplin, Triebverzicht, Körperstrafe! Und doch sollten wir nicht übersehen: Diese Schule wollte uns nicht in erster Linie funktionstüchtig ausrüsten, sie wollte uns zur Mündigkeit erziehen, nicht bloss zum brauchbaren Werkzeug. Wir wurden nicht optimal fürs spätere Praxisleben präpariert. Schon gar nicht subito. Doch wir erhielten reichlich Gelegenheit, uns selber eine Welt auszumalen, eine Welt, wie sie sein könnte, vielleicht sein sollte. Eine irgendwie idealistische Welt, gewiss, eine geheuchelte manchmal, jedoch eine erfahrungsdurchtränkte auch: die Blumen, die Geschichten, die Lieder, die Wortspiele - da war manches erlebt, gefühlt, vielleicht gar gedacht. Kopf, Herz und Hand sollten so in Form gebracht werden, dass sie dereinst befähigt wären, die Welt nach eigenen Ideen zu formen - und nicht bloss in einer bereits geformten Welt tüchtig mitzuspielen. Sicher, diese Schule hielt Distanz zur Wirtschaftswelt. Doch das machte uns nicht schon weltuntauglich. Es schärfte uns den kritischen Blick auf eine veränderungsbedürftige Welt.
Ich übertreibe absichtlich ein bisschen. Es geht mir um die Idee, weniger um die Realität: Der Bretterzaun, die gute alte, veraltete Idee einer Schule als Separée: ein Ort zur Pflege einer humanen Bildung, an der die junge Generation ihre Autonomie stärken kann - um danach mit lebhaften Ideen in eine Welt zu treten, die nur noch ans Realitätsprinzip glaubt.
Und nun zum zeitgemässen Gegenteil:
2. ANLAUF: DAS ENTZÄUNUNGS-MODELL.
Schule als Anschluss an den Wandel der Gesellschaft
Die Welt, in der wir leben, ist bekannt: Globalisierung, Oekonomisierung, Technisierung, Medialisierung. So lauten nun mal die Stichworte. Das Entscheidende dabei ist das Tempo des Wandels. Immer mehr verändert sich immer schneller. Stellen Sie sich vor: Ich wuchs in einem Haushalt auf, da stand nicht einmal ein simples Radio. Heute zappe ich durch 60 TV-Kanäle, muss ein Handy mit mir führen, kommuniziere via E-Mail, recherchiere im Internet - schlimmer noch: Ich schreibe über all das. Es ist unglaublich, was in zwei Generationen auf uns eingestürzt ist.
Das kann eine Lust sein - und ist auch eine Last. Denn: Wo immer mehr sich immer schneller verändert, da passiert auch das Gegenteil: Immer mehr veraltet immer schneller. Vor allem das, was wir lernen. Denn wir lernen es heute für eine Situation, die morgen vermutlich überholt ist. So rutschen wir stets aufs neue in die Lage von Weltfremdlingen zurück. Gegen das Tempo des Fortschritts hilft nur die Aufholjagd. Wer up to date bleiben will, muss sich lebenslang selber updaten.
Also muss die Schule Tempo machen. Wer die Jugendzeit verplempert - mit Balladen, Blumenkunde, Wortschatzübungen und anderem Kinderspiel - , hat den Anschluss schon verspielt. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was der Hans von morgen kapiert haben muss, ist: 1. Englisch, 2. Computer.
Stimmt das etwa nicht? Ohne Grundkenntnisse in Englisch kann sich in dieser globalisierten Welt künftig niemand erfolgreich bewegen. Und ohne Vertrautheit mit Computertechniken werden junge Leute zu funktionellen Analphabeten. Sagt Ernst Buschor. Aber ist es deshalb schon falsch? Er sagt es ja durchaus auch aus der Sorge um die Zukunftsfähigkeit unserer Jugendlichen. Ohne sofortige Neuorientierung der Schule am Wandel des modernen Lebens erzeugen wir die fatale Zwei-Drittels-Gesellschaft: eine Klassengesellschaft, hier die Info-Elite, da ein neues, abgehängtes Proletariat.
Trifft das zu, dann allerdings muss der Bretterzaun abgebrochen werden. Die Wand zwischen Schule und Wirtschaft bremst den Fortschritt und hemmt die Tüchtigkeit der Jungen. Irgendwie logisch. Das Tempo in der Welt kommt nicht von ungefähr. Es ist die Folge der Oekonomisierung aller Lebensbezüge. Seit dem Fall der Berliner Mauer leben wir in der einen Welt des Kapitalismus. Und das Kapital will nun halt mal aus allem Kapital schlagen: aus der Natur, aus der Kultur, aus dem Sport. Da hilft kein Jammern. Das ist einfach so. Und deshalb ist auch nur logisch, dass man die Schule als Kapital ersten Ranges entdeckt. Ist sie ja auch. Also soll sie gefälligst rentieren - für die Jugendlichen und die Gesellschaft insgesamt.
Separées und Schonräume verlieren in dieser windschlüpfrigen Welt ihre Berechtigung. Lerninhalte gewinnen ihren Sinn nurmehr durch kurzfristige Verwertungsinteressen. Und diese Kurzfristperspektive bestimmt auch das Verfalldatum des Gelernten. Was wir so hoffnungsfromm das "lebenslange Lernen" nennen, wird zum Zwang und zum Motor einer Non-Stop-Gesellschaft. Typisch für diese Gesellschaft ist: dass wir ruhelos hinter unserer Brauchbarkeit herrennen, die immer schneller verfällt. Und wenn das so ist, dann kann man in der Tat gar nicht früh genug zu rennen beginnen.
Soviel zur allerneuesten Idee von Schule. Und nun zu meiner favorisierten Variante:
3. ANLAUF: DAS LATTENZAUN-MODELL.
Schule als Training für flexible Anpassung - und als Bildung von Unangepassten
"Es war einmal ein Lattenzaun
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun."
Sie vermuten schon richtig: Jetzt kommt ein Vermittlungsmodell. Der Lattenzaun markiert eine Grenze zwischen Schule und Non-stop-Gesellschaft. Eine Grenze, also kein nahtloses Ineinanderfliessen, jedoch äusserst durchlässig. Die Latten trennen, der Zwischenraum verbindet.
Was mich an dem Vers so anzieht, ist die Wendung vom "Zwischenraum hindurchzuschaun". Ich weiss, banaler geht es nicht mehr. Und doch steckt darin eine kleine kluge entscheidende Einsicht. Ich möchte sie Ihnen gerne erläutern. Das geht aber nicht ohne eine Portion Philosophie. Ich bitte Sie dafür um freundliche Nachsicht.
Meist meinen wir ja, unsere Uebersicht sei dann am besten, wenn uns nichts im Wege steht. Stimmt aber nicht. Im Grenzenlosen verschwimmt unser Blick; ohne Grenze stecken wir ja mittendrin, abstandlos, perspektivelos. Ohne Abstand fehlt uns ein externer Standpunkt, von dem aus wir das andere überblicken und durchblicken könnten. Dagegen empfiehlt sich der Lattenzaun. Er setzt zwischen mich und die Welt eine Trennlinie, er räumt mir meinen Ort, meinen Standpunkt ein - und ermöglicht mir damit den Durchblick.
Anders gesagt: Wenn ich die Gesellschaft, in der ich lebe, kapieren soll, dann brauche ich den Abstand zu ihr. Triviales Beispiel: Ich durchschaue die Gesellschaft als Non-stop-Gesellschaft. Dazu gehören allerlei eigene Non-stop-Erfahrungen - aber dazu gehört eben auch meine Erfahrung vom Glück der Langsamkeit, von der seelen- und geist-erquickenden Wirkung der Ruhe usw. Ohne dieses Wissen ums andere Leben nähme ich das Non-stop-Leben gar nicht wahr. Wer immerzu nur rennt, weiss nicht, was Rennen bedeutet - und schon gar nicht, wohin es führt. Er muss mal innehalten, um zu merken, was für ein Idiot er ist, solange er pausenlos rennt.
So. Und jetzt auf die Schule bezogen. Ich mag es mir nicht ausreden lassen, dass die Schule den jungen Leuten einen Standpunkt vermitteln solle - und nicht bloss ein Instrumentarium zum tüchtigen Funktionieren. Einen Standpunkt - und nicht allein einen Setzkasten voller Flexibilitäten. Einen Standpunkt, das heisst eine Vorstellung gelingenden Lebens, ein paar Erfahrungen kultureller Entfaltung, eine Ahnung menschenmöglichen Glücks, ein Wissen um den Zusammenhalt alles Lebendigen, eine Kenntnis vom Mühen und Scheitern menschlicher Geschichte usw. usf. Dies alles ist nicht unmittelbar nützlich. Doch langfristig wird es von unschätzbarem Nutzen. Es stattet uns mit einem Fonds von selbständiger Interessen und Perspektiven aus. Und erst dieser Fonds stattet uns erst mit Selbstbewusstsein aus: Ich bin jemand. Ich löse mich nicht in meinen Funktionen und Flexibilitäten auf. Ich bin ich.
Schluss mit Philosophie. Jetzt kommt die Flexibilität. Sie ist ja unser neues Credo: Der Mensch muss flexibel sein, sonst ist er schon abgemeldet. Nichts dagegen. Nur: Wie eigentlich werde ich flexibel?
Als ich jung war, lernte ich leidenschaftlich Latein und Französisch und Griechisch - und vernachlässigte Englisch, das ich zwar problemlos lese, indes, als unverbesserlicher Perfektionist, noch immer ungern spreche. Heute überfliege ich Bewerbungen junger Leute, Rubrik Sprachkenntnisse: Englisch, Spanisch, Russisch, Portugiesisch... Nur eines können diese Leute nicht, nämlich Deutsch, das belegt der Begleitbrief. Daraus schliesse ich: Wahrscheinlich können sie auch nicht gründlich Englisch, nicht richtig Spanisch usw.
Ist das der Preis der Flexibilität? Es könnte sein. Denn: Wer disponibel bleiben will, lässt sich besser nur provisorisch auf eine Sache ein. Wer polyvalent erscheinen will, identifiziert sich besser nicht mit einem Valeur. Also schnuppert man an möglichst vielem - und vertieft sich in nichts.
Kürzlich bewarb sich bei mir eine junge Frau. Sie hatte soeben ihr Germanistik-Studium beendet und wollte eine Stelle als Literatur-Redaktorin. Ich fragte sie nach ihren bevorzugten Autoren. Ach, sagte sie, ich habe keine Favoriten, ich mag irgendwie alle. Da fragte ich, was sie denn gerade lese. Ja, seufzte sie, zum Lesen finde sie einfach keine Zeit, sie müsse ja jetzt einen Job finden. Ich fragte weiter: ob sie denn gelegentlich ins Theater gehe. Nein, antwortete sie ganz unbefangen, in den letzten Jahren habe sie keine Lust auf Theater verspürt. Jedoch - und jetzt kam`s - falls sie die Stelle kriege, wolle sie sich sofort auch dafür interessieren.
Die Frau ist kein Einzelfall. Ich kenne viele junge Leute dieser Art. Sie absolvieren ihre Ausbildung ohne Engagiertheit, ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne Talent. Genau genommen studieren sie gar nicht, sie quälen sich nur durch Examen. Ich finde das grauenhaft - und kann es doch verstehen. Wir reden doch den jungen Leuten dauernd ein: Das Wissen von heute sei morgen schon veraltet. Im Klartext: das Wissen von heute sei morgen Schrott. Wie sollten sich die Jungen auf diesen Schrott von morgen leidenschaftlich einlassen?
Das bleibt leider nicht folgenlos für die Arbeitswelt. Ich kann nur von der eigenen Branche reden. Zeitungen haben immer mehr Mühe, Journalisten zu finden, die ein klares oder auch nur korrektes Deutsch schreiben - von stilistischer Virtuosität zu schweigen. Das aber ist dann nicht eine literarische, sondern eine ökonomische Misere. Entscheidet sich doch heute die Konkurrenz zwischen Print- und elektronischen Medien. Und Zeitungen haben nur dann eine Chance, wenn sie mit ihren Mitteln brillieren, mit den Mitteln der Sprache, der Argumentation, der Rhetorik. Solche Brillanz aber kommt einzig von Journalisten, die mit Haut und Haar Journalisten sind, mit sachlicher Engagiertheit und formalem Ehrgeiz am Werk - nicht von Leuten, die es mit Journalismus "mal probieren" wollen, ohne mit ihm sich zu verheiraten.
Paradox gesprochen: Die Flexibilität der Wirtschaft lebt von der Unflexibilität der Mitarbeiter - der Mitarbeiter, die in ihrer Arbeit in ihrem Element sind. Kein Mensch kann überall im Element sein. Wer sich irgendwie für alles interessiert, interessiert sich vital für nichts. Wer mit Flexibilität anfängt, wird nie flexibel. Er wird bestenfalls ein nützlicher Idiot, ein Zappelfritz, eine Marionette.
Wie aber geraten wir in unser Element? Ich behaupte: Allein durch Bildung. Ja, ja, die Bildung, werden Sie sagen. Ich meine nicht die berühmte Allgemeinbildung, obwohl es auch die in sich hat. Aber zugegeben: Man kann ein wandelndes Lexikon sein - und doch eine weiche Birne haben. Nein, ich meine die Bildung, die in der Auseinandersetzung zwischen Person und Sache passiert. Die Person muss sich an der Sache abmühen. Beobachten wir, nur zum Beispiel, die junge Geigerin. Jahrelang muss sie das Violinspiel über ihre akuten Launen und Interessen stellen - damit aus dem Gekratze dereinst Musik werde. Und aus dem ungeformten Mädchen die selbstbewusste Musikantin. Das Leben beginnt eben nicht mit dem Selbst. Das muss sich erst mühsam herausformen - ich will es einmal schonungslos sagen: durch Unterwerfung unter das Diktat einer Sache, zum Beispiel der Musik. Erst durch jahrelanges Training kommen Freiheit und Können überein, durchdringt das Selbst das Werk. Alles andere bleibt Stümperei - im Spiel wie im Leben.
Das ist, denke ich, das simple Geheimnis aller Bildung: dass sie Arbeit ist. Und wer das in der Schule nicht lernt, lernt es nimmermehr: Indem wir arbeitend einen Stoff bilden, bilden wir uns selber. Indem wir uns selbstlos und zwecklos einer Sache hingeben, erwerben wir ein Können, eine Geschicklichkeit - und gewinnen erst darin unser Selbstbewusstsein.
Es muss nicht Musik, es kann Naturbeobachtung oder Literatur oder meinetwegen Sport sein. Doch soll der Mensch seine Selbständigkeit gewinnen, dann braucht er - diesseits aller funktionaler Ausbildung - sein Sonderfeld beharrlicher Bildung: damit er den Reichtum des Lebens erblickt - und sich selbst mit ihm anreichert. Ohne diese Bereicherung bleibt der flexible Mensch ein armer Tropf - und ein unberechenbares Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft.
Das ist meine These: Gesellschaftlich nützlich wird nur der Mensch, der sich früh auf etwas einlässt, das ganz und gar nicht nach Nutzen ausgesehen hat.
Reden wir noch kurz von Informatik. Dass die Schüler früh mit Computertechnik vertraut werden, ist für mich gar keine Frage. Auch junge Eisbären müssen rasch lernen, wie man Fische fängt. Und der Mensch fischt nun halt in Zukunft im Internet. Bloss: Die Wundermaschine Internet hilft nur denen, die bereits präzise Fragen entwickelt haben. Wir wollen was über das Klonen wissen? Einfach "Dolly" eintippen. Sie wissen: das geklonte, nun leider debile Schaf. Der Suchapparat meldet: 8735 Artikel. Na wunderbar. Nur: Ich kann unmöglich 8735 Artikel. Ich kann nicht einmal 8735 Titel lesen. Also auslesen. Doch wie? Nach welchen Kriterien? Nur Autoren mit Professorentitel? Auch darunter gibt es Nieten. Und wer sagt mir, dass die nicht von der Gentech-Industrie geschmiert sind? Nein, da hilft kein Suchprogramm. Also muss ich schon verdammt viel wissen, um das Internet mit Gewinn nutzen zu können. Wer nichts weiss, keine Gesichtspunkte, keine präzise Fragen herausgearbeitet, keine Zweifel ausgebildet hat, gerät in Datennetzen bestenfalls ins Schwimmen, schlimmstenfalls säuft er ab.
Deshalb Lattenzaun: auf der einen Seite technisch tüchtig mitmachen, auf der andern Seite umso entschiedener die alten Qualitäten trainieren: lesen, denken, phantasieren. Dabei stösst man dann vielleicht auf den uralten Spruch des griechischen Dichters Archilochos: "Der Fuchs kennt viele Dinge, der Igel aber weiss von einer grossen Sache." Die "grosse Sache" kommt nie aus dem Internet. Und wehe, wir züchten eine Generation heran, die von keiner grossen Sache mehr weiss!
Eher kommt die grosse Sache aus der musischen Beschäftigung, die leider im Fitnessprogramm 2000 nur noch unter der Rubrik Luxus vorkommt. Musikunterricht, Musikschulen, Kunstpädagogik - das kostet alles. Und weil das Internet, das einfach sein muss, schon so viel kostet, schrumpft das Budget für Kultur.
Das ist sehr kurzfristig gedacht. Die moderne Gehirnforschung kann es sogar beweisen: Musikalische Impulse wirken sich phantastisch vorteilhaft aus auf das menschliche Gehirn und damit auf die Entwicklung einer Persönlichkeit: auf Sozialverhalten, Kontaktfähigkeit, psychische und emotionale Stabilität, auf Phantasieentfaltung, kreative Intelligenz. Aus Beobachtungen konnte man es schon immer folgern, jetzt weiss man es auch wissenschaftlich exakt: Die Beschäftigung mit Kunst und Musik stärkt die Person, erweitert das Selbst, beflügelt die Phantasie, läutert den Geist. Und das sind doch genau die vielbeschworenen Schlüsselqualifikationen für Zukunft. Doch statt sie schulisch ernst zu nehmen, kompensiert man sie später mit unsäglich törichten gruppendynamischen Kursen und Kommunikationsseminarien und Selbstversenkungs-Hokuspokus. Zu spät, zu blöd.
Das wollte ich Ihnen einleuchten machen. Der "Zwischenraum, hindurchzuschaun" ist ja wunderbar. Doch was wir da sehen, das hängt von der Bildung unserer Sinne ab. Ungebildete Sinne sehen nichts, hören nichts, sie sind, im Wortsinne, schwachsinnig. Ein Jammer, nicht nur ästhetisch, sondern vor allem ökonomisch. Gerade das Zweckfreie, die Kunst, könnte sich als das Allerzweckmässigste erweisen.
Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Verstehen Sie, meine Damen und Herren, weshalb ich den Vers in die Zukunft retten will? Dass wir die Schule dem Wandel der Gesellschaft anpassen müssen, ist trivial. Nur: Was nützt es der kommenden Generation, dass sie bloss Englisch radebrechen und im Internet surfen kann? In zehn Jahren stellen sich uns wieder ganz andere Probleme. Sie zu meistern, brauchen wir originelle Ideen, nicht bloss eingeschliffene Funktionstüchtigkeiten. Woher kommen Ideen? Jedenfalls nicht aus technischen Fertigkeiten. Eher aus dem Ungefähren der Bildung. Man hat sich einmal mit Woody-Allen-Filmen beschäftigt oder mit Appenzeller Streichmusik oder mit Goethe-Gedichten - und plötzlich kommt einem die zündende Idee, wie die ökologische Steuerreform zu begründen oder das Paarverhalten zu reformieren wäre. Man weiss nie - doch wer nie etwas vermeintlich Unnützes gewusst hat, wird sich nie wirklich nützlich machen können. Also bilden wir doch nicht lauter Nützlichkeitsidioten und Orientierungswaisen heran!
Ich komme zum Schluss. Und zurück zum Anfang. Die zwei Manager und der Löwe und die Turnschuhe. Ein Witz und der kategorische Imperativ der Modernisierungsbescheunigungsgesellschaft: Egal, was du tust, tu es stets schneller als der andere! Warum laufen immer mehr Manager und Politiker den New York Marathon? Sie wollen wenigstens symbolisch zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit sind.
Als alter Leichtathlet kenne ich das Risiko des Rennens: die Übersäuerung. Und mit der Übersäuerung die Kopflosigkeit, die Koordinationskrise, die Besinnungslosigkeit. Also hiess die Frage: Wie bringen wir eine Gesellschaft in Form, die dauernd im "roten Bereich" läuft? Und die Antwort: durch Bildung. Ich gebe gerne zu: eine woche nach dem Weltwirtschafts-Forum Davos klingt diese Antwort arg kommun. da führten sie alle das Wort "Bildung" im Munde, die Big Bosse und die Spitzenpolitiker. Ich hörte mir die Voten an, freute mich ihrer - und blieb doch skeptisch; denn irgendwie sah ich den grossen Tieren die Bildung nicht an. Unversehens fiel mir mein alter Deutschlehrer ein. Er war didaktisch und methodisch ein Alptraum, überdies stotterte er. Doch wenn er "Über allen Gipfeln ist Ruh`" stammelte, dann war sogar uns Banausen klar: Dieser Mann lebt mit dem Gedicht, er ist verliebt in die Verse, er könnte so, wie er lebt, nicht leben, hätte Goethe das Gedicht nicht verfasst. Er liess das Gedicht glänzen - und das Gedicht brachte ihn in Hochform.
Diese Sorte Gebildeter vermisse ich heute. Es muss, weiss Gott, nicht Lyrik sein, es kann Physik sein oder Jurisprudenz, Musik oder Management. Hauptsache, wir machen uns das alles so sehr zu eigen, bereichern uns und alles um uns so sehr damit, dass diese Bildung zum unverzichtbaren Lebensmittel wird: zur Lebenskunst, zum Lebensgenuss, zum Lebensernst, zur Lebenserotik. Mehr kann man nicht un, um ein Mensch zu sein. Alles weitere stellt sich von selbst ein. Denn: Wer sich seiner Sache hingibt, wird unwiderstehlich.
Mein Deutschlehrer wurde nie nach Davos eingeladen. Gewirkt hat er dennoch. Ich hoffe, ein bisschen merkte man das mir an.
1
Hochschul-Forum PHZ Zug „Fremdsprachen in der
Primarschule“
17. Januar 2006, 19.30 Uhr
Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist,
Zürich
MIT WIE VIELEN ZUNGEN MUSS EIN KIND REDEN?
Einzüngig oder doppelzüngig? Das ist die
Frage im akuten Glaubensstreit um
Fremdsprachen in der Primarschule. Die
Missionare beider Fronten schleppen
viel mythologischen Ballast mit. Die
Doppelzüngigkeits-Fraktion erwartet nichts
weniger als ein sprachliches Pfingstwunder.
Die Einzüngigkeits-Initianten
befürchten die babylonische Sprachverwirrung.
Babel gegen Pfingsten. Daran
sieht man: Geht es um Sprache, geht es nie
nur um Sprache.
Dennoch hat sich die offizielle Schulpolitik
ganz auf Doppelzüngigkeit
eingestellt. Den helvetischen Nachwuchs will
sie zu einer einzigen Generation
von Sprach-Switchern heranbilden. Was bisher
mehr Mythos bleibt – die
mehrsprachige Schweiz – , das soll, dank
Schulreform, endlich Realität werden:
Die Primarschule als Sprachinstitut, mit
Deutsch (auch so eine Fremdsprache),
Englisch, Französisch. Das Ideal kindlicher
Vielzüngigkeit dominiert die
Schuldebatte so sehr, dass andere – denkbare
– Bildungsziele kaum noch zum
Zuge kommen. Warum – nur zum Beispiel – sagt
kein Bildungsdirektor:
Scharfzüngig muss der junge Mensch
zuallererst werden. Was gleichzeitig
hiesse: Kinder sind primär auf Klarzüngigkeit
hin zu schulen. Schliesslich leben
wir in einer diffusen Welt, und darin rettet
sich nur, wer klar denkt, scharf
argumentiert.
2
Wenn ich so rede, bin ich natürlich befangen
in meinen Erfahrungen. Zwanzig
Jahre lang studierte ich Bewerbungsschreiben
für Redaktionen, ich überflog die
Beilagen (jede Menge Auslandaufenthalte,
Sprachdiplome am Laufmeter,
Donnerwetter), ich staunte über die Rubrik
„Sprachkenntnisse“ (Englisch
perfekt, Französisch perfekt, Spanisch gut,
Russisch brauchbar). Daraufhin las
ich noch einmal den Brief – und musste leider
sagen: Nur eines können diese
Wunderkinder nicht, nämlich deutsch,
schlimmer noch: Sie verstehen nicht, ihre
Gedanken zu ordnen, sie bringen, was sie
sagen wollen, nicht auf den Punkt. –
Woraus ich schliessen muss: Die Vielzüngigen
sind nicht automatisch auch die
Klarzüngigen.
Was allerdings nicht zum Gegenschluss
verleiten darf: Je weniger Sprachen,
umso klarer das Denken. Sonst wäre George
Bush ja Denkweltmeister. Nein, ich
konstruiere nicht die Alternative
„Sprachgewandte versus Denkgewaltige“. Ich
wende mich bloss gegen die modische Gleichung
„Bildung gleich Sprachen-
Portfolio“. Bei aller Unentbehrlichkeit der
Fremdsprachen (in einer
multikulturellen Schweiz, in einer
globalisierten Welt): Sie dürfen die andern
Bildungsgüter nicht verdrängen: Lesen,
Denken, Rechnen, Wissen, Fantasieren,
Musizieren... Ohne den klassischen Humus der
Bildung hängen die
Fremdsprachen seltsam in der Luft,
Hors-sol-Produkte ohne Erdung. Was nützt
es Teenagern, wenn sie nichts zu sagen haben,
dieses Nichts jedoch in drei
Sprachen ausdrücken können? Ich habe nichts
gegen zwei Fremdsprachen in der
Primarschule. Was mich nervt, ist die
bildungsbürokratische Fixierung auf sie,
diese Obsession, als wäre mit ihrer Einfügung
in die Stundentafel die ganze
Schule in Butter, der Nachwuchs
zukunftstauglich, die Nation gerettet. Diese
Heilserwartungen finde ich einfach
lächerlich.
3
So. Jetzt kann ich gelassen zur Sache kommen,
zur Diskussion um die
Fremdsprachen in der Primarschule. In diesem
Argumentationstheater spielte
ich nie eine Rolle, ich schaue immerhin
interessiert zu. Und was seh ich da?
Pauschal gesagt: ein
Aneinander-vorbei-Sprech-Stück. Die Akteure treten
abwechselnd an die Rampe, tragen ihren Part
vor. Zwischen ihnen passiert so
gut wie gar nichts, kein Streit, keine
Entwicklung, kein Drama.
Wer sind die Akteure? In den Hauptrollen: 1.
die Modernisierer (Buschors
Nachfolger, die EDK, „die“ Wirtschaft, Avenir
Suisse...), 2. die Pädagogen (der
Grossteil der Lehrerschaft, die Initianten
„Eine Fremdsprache ist genug“). In den
Nebenrollen: 1. die „Compatriotisten“ (Les
Romands, Politiker wie Bundesrat
Deiss, die durch die Favorisierung des
Englischen den nationalen Zusammenhalt
gefährdet sehen), 2. die Hirnforscher, die
wissen, wie Sprachbildung im Inneren
unseres Denkorgans funktioniert.
Wie treten diese Akteure auf?
Die Modernisierer spielen im Drama die Partie
der Helden. Führen das Volk ins
gelobte Land. In eine glänzende Zukunft. Sie
sehen, was Not tut, und packen es
an. Früher hätten sie den Krieg erklärt oder
Frieden gestiftet. Heute führen sie
Fremdsprachen in die Volksschule ein.
Zuallererst Englisch, die aktuelle Lingua
franca, die Sprache der wirtschaftlich
globalisierten Gesellschaft. Wer nicht
Englisch kann, ist schon abgehängt, ein
Provinz-Ei. Also Englisch ganz früh,
spätestens ab neun, das rettet die Nation,
bringt sie im globalen Wettrennen
wieder an die Spitze. Die Kinder sind
schliesslich unser Standortfaktor Nr. 1.
Wie alle richtigen Helden halten sich die
Modernisierer nicht bei Kleinigkeiten
auf. Wie die Schule, die Kinder mit den
beiden Fremdsprachen zurecht
kommen? Kinkerlitzchenfrage! Was Not tut,
muss sein. Basta.
4
Die Pädagogen geben im Stück die Rolle der
Intriganten. Heldenbremser,
Fortschrittsblocker, Zukunftsverdunkler. Ihre
Sorge gilt der Gegenwart der
Schule, nicht der Zukunft der Wirtschaft.
Überfordert seien Kinder schon ohne
Fremdsprachen; 57 aller Drittklässler im
Kanton Zürich beanspruchen
irgendwelche Lernhilfsangebote. Und Deutsch!
Ruft nicht just „die Wirtschaft“
nach besseren Deutschkenntnissen? Und
soliderer Mathematik? Ja wie denn,
wann denn? Und überhaupt: Wie stellt man sich
Pädagogik vor? Nach Art der
Schmetterlinge über alles hinweg tanzend? Oder
wie Maulwürfe in die Sache
hinein wühlend? Für Pädagogen ist klar: Eine
zweite Fremdsprache schädigt das
Lernmilieu an Primarschulen.
Zwei unverrückbare Positionen. Sie reden in
entgegengesetzte Blickrichtung.
Pädagogen blicken ins Schulzimmer, Modernisierer
zum Fenster hinaus.
Nun agieren auf der Bühne noch zwei
Sekundanten.
Die Compatriotisten spielen den Rat der
Weisen. Gralshüter helvetischer
Mehrsprachigkeit. Für sie ist die Schule mehr
Pflanzstätte freundeidgenössischer
Brüderlichkeit, weniger Trainingscamp für
internationale Rivalität. Daher das
Plädoyer: Vorrang für Französisch. Die
Begründung läuft staatspolitisch, nicht
pädagogisch. Das Zusatzargument, Schweizer
Kinder lernten leichter lateinische
Sprachen, riecht nach Alibi.
Die Neurobiologen sind so etwas wie der Chor
der antiken Tragödie. Sie wissen
immer mehr als die Akteure, sind sozusagen
intim mit dem Schicksal, in
unserem Fall mit dem Hirn, unserem
evolutionär gewachsenen Zentralorgan. Ihr
Fachwissen sagt ihnen mindestens dreierlei:
1. Je jünger das Hirn, umso leichter
lernt es. 2. Sprachen lernt das junge Hirn am
besten simultan, weil sonst die
zweite Sprache in Konkurrenz zur etablierten
tritt. 3. und überhaupt: Ein
5
Grossteil des Hirn liegt dauernd brach. Also
Schluss mit der Unterforderung
kindlicher Hirntätigkeit. Früh trainieren.
Simultan lernen.
Alles in allem: eine chaotische Spielanlage.
Dennoch übernehme ich jetzt mal
die Regie. Komisch ist nämlich: Jede einzelne
Position leuchtet mir, isoliert
betrachtet, komplett ein. Die Modernisierer
sind für Zukunft, die
Compatriotisten für Tradition, die Pädagogen
für Lernqualität, die
Neurobiologen für bessere Hirnauslastung.
Lauter löbliche Anliegen. Nur dass
alle durch ihren separaten Stursinn das Drama
blockieren. Im
Improvisationstheater gibt es folgende
Kernregel: Kein Akteur darf sich der
Initiative anderer Spieler verschliessen, er
soll sie bekämpfen, doch er muss sich
auf sie einlassen. Genau das arrangiere ich
zum Schluss.
Ich beginne wieder mit den Modernisierern.
Die ballern gerne mit Parolen um
sich. „Sprachen sind das Tor zur Welt.“
Bestreitet keiner. Gegner fragen nur,
wie weit dieses Tor sich öffne – mit zwei
Wochenstunden pro Fremdsprache.
Studien zeigen: Mit 17 sind in Englisch alle
gleich gut – die, die schon als
Kinder angefangen, und die, die später, doch
intensiver eingesetzt haben. Will
sagen: Bevor die Modernisierer losreiten,
sollten sie sich pädagogisch sattelfest
machen. Sie wollen doch nicht einfach
Fremdsprachen im Stundenplan, sondern
einen schlaueren, viferen, weltläufigeren
Nachwuchs. Dies hängt aber weniger
von der Stundentafel ab als vom Lernmilieu in
Schulen. Also müssen die
Reformer den Pädagogen zuhören, die kennen
sich da aus. Gegen das Ziel
(fremdsprachliche Gewandtheit für alle) hat
keiner etwas. Doch was ist das Ziel
wert, wenn der Weg holpert? Wo liegt denn
heute das Problem an Hochschulen?
Bei mangelhafter Sprachkenntnis? Nein. Bei
mangelnder Motivation – und
Denkschwäche. Immer mehr Studierenden fällt
es immer schwerer, im Andrang
der Informationen einen Gesichtspunkt
herauszuschälen, eine Perspektive zu
6
finden, einen Gedanken zu fassen. Diese
Schwächen behebt kein frühes
Sprachen-Portfolio. Darauf müssten
Modernisierer reagieren.
Jetzt zu den Pädagogen. Die wissen, wie
Schule geht. Aber wissen sie auch, wie
die Welt „draussen“ aussieht? Mit ihrer
Devise „Qualität vor Quantität“ haben
sie zweifellos recht. Aber vielleicht geht
Qualität nicht mehr immer und
zwingend mit Solidität und Seriosität einher.
Die Kinder wachsen nicht mehr in
einer „linearen“ Welt heran, eher in einer
„fraktalen“, voller Brüche, Klippen,
Kanten. Da müssen sie springen können, nicht
bedächtig gehen. Es ist wie der
Unterschied zwischen Skifahren und
Snowboarden. Skifahren ist alteuropäische
Schule, linear, auf direktestem Weg von A
(Start) zu B (Ziel). Snowboarden ist
neue Schule, Zufallstraining, Klippen
waghalsig überspringen, statt elegant
umfahren. Die Computer-Kids surfen,
vielleicht unkonzentriert, doch geschickt.
Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu
bleiben. Problematisch, sicher. Aber
Tiefgang ist riskant in Zeiten der
Datenüberflutung... Will sagen: Schule muss
wohl immer eine Art Schonraum sein. Aber
nicht nur. Sie muss auch nach der
Welt schmecken, in der die Kids aufwachsen.
Das Gesetz dieser Welt aber heisst
„Turbulenz“: das unvorhersehbare Neben- und
Durcheinander von
Verschiedenartigem. Turbulenz verlangt neue
Wahrnehmungsleistungen:
schnelle visuelle Auffassung, rasches
Kombinieren, gewitztes Switchen. Also
Surfen auch in Sprachen? Nicht nur, doch
auch. Soweit könnten Pädagogen sich
auf Modernisierer einlassen – und an einer
Pädagogik arbeiten, die eine Balance
hält zwischen Konzentration und Surftraining.
Nur zwei Worte zu den Compatriotisten. Von
den Pädagogen könnten sie
lernen: Gegen den Willen der Kinder läuft gar
nichts. Und die Kinder sind heute
umgeben von einer englischen Klang- und
Wortkulisse. Abgesehen davon: Wie
viel Französisch können wir?
7
Und ein Wort zu den Hirnforschern. Schüler
schicken nicht ihr Hirn zur Schule.
Sie sitzen da mit ihrer fernsehbedingten
Müdigkeit im Leib, mit der Trauer um
ihre familiäre Misere im Herzen. Und zum Hirn
gehören neuerdings auch die
Spiegelneuronen: Kinder imitieren ihre
Lehrerin. Womit die Sache wieder auf
die pädagogische Frage hinausläuft.
Ich gebe die Regie wieder ab. Blickten alle
Akteure mal über ihren Tellerrand
hinaus, statt – wie in der „Arena“ – stur
ihre Position durchzuboxen, es käme
vielleicht ein lebhaft belebendes Stück
zustande. Ein Bildungsdrama, worin
nicht die Stundentafel mit Fremdsprachen die
Hauptrolle spielt, sondern die
vielfältige Fitness der jungen Generation.
1
Hochschul-Forum PHZ Zug „Fremdsprachen in der
Primarschule“
17. Januar 2006, 19.30 Uhr
Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist,
Zürich
MIT WIE VIELEN ZUNGEN MUSS EIN KIND REDEN?
Einzüngig oder doppelzüngig? Das ist die
Frage im akuten Glaubensstreit um
Fremdsprachen in der Primarschule. Die
Missionare beider Fronten schleppen
viel mythologischen Ballast mit. Die
Doppelzüngigkeits-Fraktion erwartet nichts
weniger als ein sprachliches Pfingstwunder.
Die Einzüngigkeits-Initianten
befürchten die babylonische Sprachverwirrung.
Babel gegen Pfingsten. Daran
sieht man: Geht es um Sprache, geht es nie
nur um Sprache.
Dennoch hat sich die offizielle Schulpolitik
ganz auf Doppelzüngigkeit
eingestellt. Den helvetischen Nachwuchs will
sie zu einer einzigen Generation
von Sprach-Switchern heranbilden. Was bisher
mehr Mythos bleibt – die
mehrsprachige Schweiz – , das soll, dank
Schulreform, endlich Realität werden:
Die Primarschule als Sprachinstitut, mit
Deutsch (auch so eine Fremdsprache),
Englisch, Französisch. Das Ideal kindlicher
Vielzüngigkeit dominiert die
Schuldebatte so sehr, dass andere – denkbare
– Bildungsziele kaum noch zum
Zuge kommen. Warum – nur zum Beispiel – sagt
kein Bildungsdirektor:
Scharfzüngig muss der junge Mensch
zuallererst werden. Was gleichzeitig
hiesse: Kinder sind primär auf Klarzüngigkeit
hin zu schulen. Schliesslich leben
wir in einer diffusen Welt, und darin rettet
sich nur, wer klar denkt, scharf
argumentiert.
2
Wenn ich so rede, bin ich natürlich befangen
in meinen Erfahrungen. Zwanzig
Jahre lang studierte ich Bewerbungsschreiben
für Redaktionen, ich überflog die
Beilagen (jede Menge Auslandaufenthalte,
Sprachdiplome am Laufmeter,
Donnerwetter), ich staunte über die Rubrik
„Sprachkenntnisse“ (Englisch
perfekt, Französisch perfekt, Spanisch gut,
Russisch brauchbar). Daraufhin las
ich noch einmal den Brief – und musste leider
sagen: Nur eines können diese
Wunderkinder nicht, nämlich deutsch,
schlimmer noch: Sie verstehen nicht, ihre
Gedanken zu ordnen, sie bringen, was sie
sagen wollen, nicht auf den Punkt. –
Woraus ich schliessen muss: Die Vielzüngigen
sind nicht automatisch auch die
Klarzüngigen.
Was allerdings nicht zum Gegenschluss
verleiten darf: Je weniger Sprachen,
umso klarer das Denken. Sonst wäre George
Bush ja Denkweltmeister. Nein, ich
konstruiere nicht die Alternative
„Sprachgewandte versus Denkgewaltige“. Ich
wende mich bloss gegen die modische Gleichung
„Bildung gleich Sprachen-
Portfolio“. Bei aller Unentbehrlichkeit der
Fremdsprachen (in einer
multikulturellen Schweiz, in einer
globalisierten Welt): Sie dürfen die andern
Bildungsgüter nicht verdrängen: Lesen,
Denken, Rechnen, Wissen, Fantasieren,
Musizieren... Ohne den klassischen Humus der
Bildung hängen die
Fremdsprachen seltsam in der Luft,
Hors-sol-Produkte ohne Erdung. Was nützt
es Teenagern, wenn sie nichts zu sagen haben,
dieses Nichts jedoch in drei
Sprachen
ausdrücken können? Ich habe nichts gegen zwei Fremdsprachen in der
Primarschule. Was mich nervt, ist die
bildungsbürokratische Fixierung auf sie,
diese Obsession, als wäre mit ihrer Einfügung
in die Stundentafel die ganze
Schule in Butter, der Nachwuchs
zukunftstauglich, die Nation gerettet. Diese
Heilserwartungen finde ich einfach
lächerlich.
3
So. Jetzt kann ich gelassen zur Sache kommen,
zur Diskussion um die
Fremdsprachen in der Primarschule. In diesem
Argumentationstheater spielte
ich nie eine Rolle, ich schaue immerhin
interessiert zu. Und was seh ich da?
Pauschal gesagt: ein Aneinander-vorbei-Sprech-Stück.
Die Akteure treten
abwechselnd an die Rampe, tragen ihren Part
vor. Zwischen ihnen passiert so
gut wie gar nichts, kein Streit, keine
Entwicklung, kein Drama.
Wer sind die Akteure? In den Hauptrollen: 1.
die Modernisierer (Buschors
Nachfolger, die EDK, „die“ Wirtschaft, Avenir
Suisse...), 2. die Pädagogen (der
Grossteil der Lehrerschaft, die Initianten
„Eine Fremdsprache ist genug“). In den
Nebenrollen: 1. die „Compatriotisten“ (Les
Romands, Politiker wie Bundesrat
Deiss, die durch die Favorisierung des
Englischen den nationalen Zusammenhalt
gefährdet sehen), 2. die Hirnforscher, die
wissen, wie Sprachbildung im Inneren
unseres Denkorgans funktioniert.
Wie treten diese Akteure auf?
Die Modernisierer spielen im Drama die Partie
der Helden. Führen das Volk ins
gelobte Land. In eine glänzende Zukunft. Sie
sehen, was Not tut, und packen es
an. Früher hätten sie den Krieg erklärt oder
Frieden gestiftet. Heute führen sie
Fremdsprachen in die Volksschule ein.
Zuallererst Englisch, die aktuelle Lingua
franca, die Sprache der wirtschaftlich
globalisierten Gesellschaft. Wer nicht
Englisch kann, ist schon abgehängt, ein
Provinz-Ei. Also Englisch ganz früh,
spätestens ab neun, das rettet die Nation,
bringt sie im globalen Wettrennen
wieder an die Spitze. Die Kinder sind
schliesslich unser Standortfaktor Nr. 1.
Wie alle richtigen Helden halten sich die
Modernisierer nicht bei Kleinigkeiten
auf. Wie die Schule, die Kinder mit den
beiden Fremdsprachen zurecht
kommen? Kinkerlitzchenfrage! Was Not tut,
muss sein. Basta.
4
Die Pädagogen geben im Stück die Rolle der
Intriganten. Heldenbremser,
Fortschrittsblocker, Zukunftsverdunkler. Ihre
Sorge gilt der Gegenwart der
Schule, nicht der Zukunft der Wirtschaft.
Überfordert seien Kinder schon ohne
Fremdsprachen; 57 aller Drittklässler im
Kanton Zürich beanspruchen
irgendwelche Lernhilfsangebote. Und Deutsch!
Ruft nicht just „die Wirtschaft“
nach besseren Deutschkenntnissen? Und
soliderer Mathematik? Ja wie denn,
wann denn? Und überhaupt: Wie stellt man sich
Pädagogik vor? Nach Art der
Schmetterlinge über alles hinweg tanzend?
Oder wie Maulwürfe in die Sache
hinein wühlend? Für Pädagogen ist klar: Eine
zweite Fremdsprache schädigt das
Lernmilieu an Primarschulen.
Zwei unverrückbare Positionen. Sie reden in
entgegengesetzte Blickrichtung.
Pädagogen blicken ins Schulzimmer,
Modernisierer zum Fenster hinaus.
Nun agieren auf der Bühne noch zwei
Sekundanten.
Die Compatriotisten spielen den Rat der
Weisen. Gralshüter helvetischer
Mehrsprachigkeit. Für sie ist die Schule mehr
Pflanzstätte freundeidgenössischer
Brüderlichkeit, weniger Trainingscamp für
internationale Rivalität. Daher das
Plädoyer: Vorrang für Französisch. Die
Begründung läuft staatspolitisch, nicht
pädagogisch. Das Zusatzargument, Schweizer
Kinder lernten leichter lateinische
Sprachen, riecht nach Alibi.
Die Neurobiologen sind so etwas wie der Chor
der antiken Tragödie. Sie wissen
immer mehr als die Akteure, sind sozusagen
intim mit dem Schicksal, in
unserem Fall mit dem Hirn, unserem
evolutionär gewachsenen Zentralorgan. Ihr
Fachwissen sagt ihnen mindestens dreierlei:
1. Je jünger das Hirn, umso leichter
lernt es. 2. Sprachen lernt das junge Hirn am
besten simultan, weil sonst die
zweite Sprache in Konkurrenz zur etablierten
tritt. 3. und überhaupt: Ein
5
Grossteil des Hirn liegt dauernd brach. Also
Schluss mit der Unterforderung
kindlicher Hirntätigkeit. Früh trainieren.
Simultan lernen.
Alles in allem: eine chaotische Spielanlage.
Dennoch übernehme ich jetzt mal
die Regie. Komisch ist nämlich: Jede einzelne
Position leuchtet mir, isoliert
betrachtet, komplett ein. Die Modernisierer
sind für Zukunft, die
Compatriotisten für Tradition, die Pädagogen
für Lernqualität, die
Neurobiologen für bessere Hirnauslastung.
Lauter löbliche Anliegen. Nur dass
alle durch ihren separaten Stursinn das Drama
blockieren. Im
Improvisationstheater gibt es folgende
Kernregel: Kein Akteur darf sich der
Initiative anderer Spieler verschliessen, er
soll sie bekämpfen, doch er muss sich
auf sie einlassen. Genau das arrangiere ich
zum Schluss.
Ich beginne wieder mit den Modernisierern.
Die ballern gerne mit Parolen um
sich. „Sprachen sind das Tor zur Welt.“
Bestreitet keiner. Gegner fragen nur,
wie weit dieses Tor sich öffne – mit zwei
Wochenstunden pro Fremdsprache.
Studien zeigen: Mit 17 sind in Englisch alle
gleich gut – die, die schon als
Kinder angefangen, und die, die später, doch
intensiver eingesetzt haben. Will
sagen: Bevor die Modernisierer losreiten,
sollten sie sich pädagogisch sattelfest
machen. Sie wollen doch nicht einfach Fremdsprachen
im Stundenplan, sondern
einen schlaueren, viferen, weltläufigeren
Nachwuchs. Dies hängt aber weniger
von der Stundentafel ab als vom Lernmilieu in
Schulen. Also müssen die
Reformer den Pädagogen zuhören, die kennen
sich da aus. Gegen das Ziel
(fremdsprachliche Gewandtheit für alle) hat
keiner etwas. Doch was ist das Ziel
wert, wenn der Weg holpert? Wo liegt denn
heute das Problem an Hochschulen?
Bei mangelhafter Sprachkenntnis? Nein. Bei
mangelnder Motivation – und
Denkschwäche. Immer mehr Studierenden fällt
es immer schwerer, im Andrang
der Informationen einen Gesichtspunkt
herauszuschälen, eine Perspektive zu
6
finden, einen Gedanken zu fassen. Diese
Schwächen behebt kein frühes
Sprachen-Portfolio. Darauf müssten
Modernisierer reagieren.
Jetzt zu den Pädagogen. Die wissen, wie
Schule geht. Aber wissen sie auch, wie
die Welt „draussen“ aussieht? Mit ihrer
Devise „Qualität vor Quantität“ haben
sie zweifellos recht. Aber vielleicht geht
Qualität nicht mehr immer und
zwingend mit Solidität und Seriosität einher.
Die Kinder wachsen nicht mehr in
einer „linearen“ Welt heran, eher in einer
„fraktalen“, voller Brüche, Klippen,
Kanten. Da müssen sie springen können, nicht
bedächtig gehen. Es ist wie der
Unterschied zwischen Skifahren und
Snowboarden. Skifahren ist alteuropäische
Schule, linear, auf direktestem Weg von A
(Start) zu B (Ziel). Snowboarden ist
neue Schule, Zufallstraining, Klippen
waghalsig überspringen, statt elegant
umfahren. Die Computer-Kids surfen,
vielleicht unkonzentriert, doch geschickt.
Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu
bleiben. Problematisch, sicher. Aber
Tiefgang ist riskant in Zeiten der
Datenüberflutung... Will sagen: Schule muss
wohl immer eine Art Schonraum sein. Aber
nicht nur. Sie muss auch nach der
Welt schmecken, in der die Kids aufwachsen.
Das Gesetz dieser Welt aber heisst
„Turbulenz“: das unvorhersehbare Neben- und
Durcheinander von
Verschiedenartigem. Turbulenz verlangt neue
Wahrnehmungsleistungen:
schnelle visuelle Auffassung, rasches
Kombinieren, gewitztes Switchen. Also
Surfen auch in Sprachen? Nicht nur, doch
auch. Soweit könnten Pädagogen sich
auf Modernisierer einlassen – und an einer
Pädagogik arbeiten, die eine Balance
hält zwischen Konzentration und Surftraining.
Nur zwei Worte zu den Compatriotisten. Von
den Pädagogen könnten sie
lernen: Gegen den Willen der Kinder läuft gar
nichts. Und die Kinder sind heute
umgeben von einer englischen Klang- und
Wortkulisse. Abgesehen davon: Wie
viel Französisch können wir?
7
Und ein Wort zu den Hirnforschern. Schüler
schicken nicht ihr Hirn zur Schule.
Sie sitzen da mit ihrer fernsehbedingten
Müdigkeit im Leib, mit der Trauer um
ihre familiäre Misere im Herzen. Und zum Hirn
gehören neuerdings auch die
Spiegelneuronen: Kinder imitieren ihre
Lehrerin. Womit die Sache wieder auf
die pädagogische Frage hinausläuft.
Ich gebe die Regie wieder ab. Blickten alle
Akteure mal über ihren Tellerrand
hinaus, statt – wie in der „Arena“ – stur
ihre Position durchzuboxen, es käme
vielleicht ein lebhaft belebendes Stück
zustande. Ein Bildungsdrama, worin
nicht die Stundentafel mit Fremdsprachen die
Hauptrolle spielt, sondern die
vielfältige Fitness der jungen Generation.
1
Pädagogische Hochschule
Zentralschweiz • Zug
Zugerbergstrasse 3 • 6300 Zug
Tel. 041 727 12 40 • Fax 041 727 12 01
rektorat@zug.phz.ch • www.zug.phz.ch
Hochschul-Forum 19. Mai 2005
Referat Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und
Publizist
SIND
ELTERN UND LEHRER
ZWEIERLEI
MENSCHEN?
„Die Lehrer sind die Doofen“. So lautete
letzte Woche die Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins
„Facts“: „Freche Eltern, bockige Schüler,
hohle Reformer. Ein Berufsstand wird überfordert“. Wenn
Journalisten die Schule zur Titelgeschichte
machen, muss die Misere richtig arg sein.
Das konfuse Verhältnis zwischen Lehrern und
Eltern, zwischen Lehrerinnen und Gesellschaft begann
nicht erst im Februar, als Appenzell
Innerrhoden den Schulweg zum Hoheitsgebiet der Schulordnung
erklärte. Die Frage war: Wer entscheidet, ob
Schüler auf dem Weg zur Schule kiffen, saufen,
zuschlagen dürfen? Die Eltern – oder die
Lehrer? Die Lehrer, entschied das Innerrhoder Parlament.
Man mag das problematisch finden, rechtlich
wie erzieherisch. Praktisch ist es folgerichtig. Ich sass im
Sommer auf der Restaurant-Terrasse eines
Appenzeller Dorfes. Auf dem Platz machten drei
Halbwüchsige Radau, aggressiv, laut,
flegelhaft. Am Nebentisch ein paar Einheimische, fragten
genervt: „Bei welchem Lehrer gehen die zur
Schule?“
Die Konfusion begann auch nicht erst im
Sommer, als jeder Stammtisch über den sog. „Nutten-Look“
von Schülerinnen her zog. String-Tanga sind
nicht wirklich mein Sorgenthema. Es gibt wichtigere
Dinge, und vor allem sollten wir „Sexy Mode“
nicht umstandslos mit „Sex“ identifizieren, der
demonstrativ zur Schau gestellte Körper ist
heute mehr Accessoire als authentisches Ich, die meisten
wollen einfach aussehen wie ihr Idol (Britney
Spears), einige testen ihre sexuelle Attraktion aus. Alles
wie früher, nur in neuen Formen.
Problematisch ist eher, dass die Gesellschaft die Teenager in ein
Wechselbad der Lebensideale wirft. Einerseits
verlangt sie (als Wirtschaftsgesellschaft) Leistung,
Disziplin, Fleiss. Anderseits gaukelt sie (in
Werbung, TV, Popkultur) ein Leben voller Fun, Sex,
Shopping vor. Die Teenies im Clinch: Wer
steht fürs wahre Leben – MTV oder der Lehrer? In der
Boulevardzeitung lese ich: “Braucht, wer so
aussieht, Matur?” Wie reagiert die Schule auf dieses
Dilemma? Solange irgendwelche Chicks Karriere
machen, bloss weil sie proper aussehen (Michelle
Hunziker etc.), ist es schwierig, 15-Jährigen
plausibel zu machen, sie kämen nur mit schwitzendem
Hirn erfolgreich durchs Leben.
Die Gesellschaft macht es sich verdammt
einfach. Sie schiebt der Schule immer ungenierter die
Probleme zu, die sie selber nicht meistert:
Manieren-Training, Gesundheits-Erziehung, Drogen2
Prävention, Sexual-Erziehung,
Liebeskummer-Therapie... Lauter höchst private Angelegenheiten, im
Prinzip. In der Realität aber wird die
Lehrerin zur Ersatz-Mutter – und hat doch kein Recht, ihre
Erziehungsvorstellung durchzusetzen.
Dieselbe Lehrerin muss die Kinder mental
zukunftstauglich präparieren. Also erstens Kinderstube,
zweitens Intelligenz-Camp. Ziemlich happig,
das Pensum. Zumal die Nation seit der Pisa-Studie
weiss: Kinder sind unser Standortfaktor
Nummer eins. Also müssen sie lesetüchtig, rechenwendig,
realiengesättigt werden. Und zwar Weltspitze,
bitte sehr, nicht noch einmal hinter den Österreichern!
Und alles auf der Höhe der Zeit: keine öde
Stoffhuberei – Lernkompetenz! Sozialkompetenz!
Selbstkompetenz! Ist denn das so schwer zu
begreifen? Flexibilität! Sprachenswitching!... Sonst
rutscht die Schweiz ab. Ressource Bildung,
Zukunft, Globalisierung! Erfüllt euren Job, Lehrer!
So delegiert die Gesellschaft ihre
diffizilsten und vitalsten Aufgaben an die Schule: Erziehung plus
Bildung. Die kleinen Monster zivilisatorisch
bändigen und intellektuell in Hochform bringen. Also
Maximalerwartungen – um nicht zu sagen:
Heilserwartungen. Konsequent wäre dann: Eine
Gesellschaft, die ihr Überleben an die Schule
knüpft, schätzt diese Schule über alles – und behandelt
die Lehrer als gesellschaftliche Elite ersten
Ranges.
Ist noch nicht ganz soweit. Die Gesellschaft
verhält sich zwiespältig – irgendwo zwischen
Höchsterwartung und Geringschätzung. In der
Hierarchie der gesellschaftlichen Prestiges reicht die
Lehrerin der TV-Moderatorin knapp bis zur
Brust (auch wenn die über jeden zweiten Satz stolpert), der
Lehrer verschwindet glatt neben dem Manager
(auch wenn der eine Niete im Nadelstreif ist). Hat
diese Gesellschaft einen Knacks? Jedenfalls
schleppt sie jede Menge uralter Vorurteile über Lehrer
mit. Die vermischen sich mit jüngeren
Vorstellungen – und schon haben wir den Kuddelmuddel: Die
Höchsterwartung an die Schule entspricht dem
aktuellen ökonomischen Bedürfnis, die relative
Geringschätzung des Lehrpersonals schleicht
subkutan als archaisches Vorurteil mit.
Hier sehe ich den Kern der Konfusion zwischen
Schule und Gesellschaft. Konfusionen kann man nicht
abstellen. Man muss sie klären. Das will ich
tun. In drei Anläufen: 1. Was ist mit den Lehrern los?
Archäologie des Lehrberufes. 2. Was ist mit
den Eltern los? Soziologie eines überforderten Standes.
3. Was tun? Unverschämte Vorschläge für
Lehrer und Eltern.
3
I. WAS IST MIT DEN LEHRERN LOS?
ARCHÄOLOGIE DES LEHRBERUFES
Kurze Archäologie der Abneigung gegen den
Lehrberuf. Was ist passiert, dass ausgerechnet dieser
Beruf gesellschaftlich nie so richtig
vollgenommen wurde? Bis hin zu den Lehrern selbst, nota bene.
Auf der Geburtstags-Party stellt sich eine
Frau beinahe entschuldigend als Lehrerin vor. In
Heiratsannoncen von Lehrern steht regelmässig
die beruhigende Versicherung, sie seien absolut
keine Lehrertypen. Lehrer gehören zur Schicht
der Gebildeten, sie verdienen ganz ordentlich – und
sind doch nicht richtig gesellschaftsfähig.
Warum? Es kommt von weit her, aus dem Feudalismus, der
den Typus des Hofmeisters hervorbrachte. Der
Hauslehrer, ein Bediensteter, besseres Gesinde. Auch
Friedrich Hölderlin schlug sich so durch, in
Frankfurt, bei der Patrizierfamilie von Gontard. Da
entwickelte sich seine delikate Beziehung zu
Diotima. Und als die im Familienkreis zur Sprache kam,
sagte die noble Grossmutter auf gut
frankfurterisch: „Ja, ja, mer hat immer so`n Unmus mit dene
Hauslehrer.“
Der Lehrer als Lakaie. Der Schreiberling als
subalterner Hausangestellter. Aus Sicht des Hausherrn,
ob General oder Bankier, ein Schwächling,
nicht satisfaktionsfähig. Ein Federfuchser halt, für
Tatmenschen immer suspekt. Ganz ähnlich wie
Journalisten.
In neuerer Zeit wählen die „Tatmenschen“
sogenannt „freie Berufe“: Juristen, Ärzte, Manager
verdienen mehr, ihr Einkommen ist aber nicht
gesichert, sie müssen sich gegen Konkurrenz
durchsetzen, weshalb sie ein gewisses Flair
von Kühnheit garniert. Wogegen Lehrer in ihrer
vermeintlich geschützten Werkstatt
„Federfuchser“ bleiben: pensionsberechtigte Festangestellte,
Beamte mit fixen Arbeitszeiten, in
krisensicherer Branche. Kommt hinzu, dass Richter und Manager
reale Macht haben, während man den Lehrern
ihr bisschen Macht verübelt; denn es ist eine Macht
über Kinder, also über nicht
gleichberechtigte Rechtssubjekte. Redensarten wie die vom
„Schultyrannen“ sind despektierlich gemeint:
Der Schultyrann parodiert wirkliche Macht; er kann ja nur
kleine Kinder einen Nachmittag lang
einsperren.
Das ist das erste Merkmal in der
Vorurteils-Geschichte: Der Lehrer als Schwächling, als Federfuchser,
als Macht-Parodist.
Hinzu kommt die Schmach des Pädagogisierens.
Der Lehrer schneidet die Sache, die er betreibt, auf
den Schüler zu. Er arbeitet, anders als der
Forscher, nicht um der Sache willen. Er bläut ein, was
längst bekannt ist. Er produziert nichts, er
käut wieder. Der Lehrer als Händler der immer selben
Kenntnisse wird bestenfalls bemitleidet, weil
er seine Kenntnisse nicht besser verwerten kann für
seine eigenen materiellen Interessen.
Der Lehrer und seine Schüler: das Verhältnis
ist irgendwie nicht fair, ist kein guter Sport. Da spielt
einer den Überlegenen, dabei ist seine
Überlegenheit gratis. Er lebt halt schon länger, das ist das
ganze bisschen Unterschied. Und den lässt er
die Halbwüchsigen spüren, er stellt die Fragen, zu
4
denen er die Antworten sowieso weiss, er
bestimmt die Themen, er macht die Noten, er entscheidet
über Vorankommen oder Sitzenbleiben. Es ist
irgendwie schofel. Schiere Ausnutzung eines
natürlichen Ungleichgewichts.
Hier haben Sie das zweite Merkmal der
archaischen Ressentiment-Geschichte: Der Lehrer als
Pauker, als Wissenswiederkäuer, als unfair
Überlegener. Die Gesellschaft setzt ihn dazu ein – und
verachtet ihn dafür, dass er dies tut.
Noch ein Drittes spielt mit. Das erotische
Zwielicht. Einerseits zählt der Lehrer (Schwächling!) erotisch
nicht recht. Anderseits spielt er, bei
schwärmenden Teenagern, libidinös eine beträchtliche Rolle.
Doch wehe, er zeigt auch nur die leiseste
Regung! Er muss immun bleiben, ein Neutrum, und ist
darum ausgeschlossen aus der erotischen
Sphäre. Als untadeliges Vorbild für Unreife ist er auch zu
erotischer Askese verpflichtet.
Streifen Sie nur mal durch die
Literaturgeschichte. Alle andern, die Offiziere sowieso, auch die Richter,
sogar die Vertreter, haben pausenlos ihre
Liebschaften, ihre Affären. Der Lehrer aber erscheint, bei
Wedekind etwa, als verkrüppeltes
Geschlechtswesen. Als erotisch Neutralisierter, als libidinös
Unterentwickelter. Siehe Heinrich Mann,
„Professor Unrat“. Der Oberstudienrat verhält sich zur Dirne
genauso wie seine Gymnasiasten. Er gleicht
seinen Schülern in seinem ganzen seelischen und
libidinösen Horizont. Er ist eigentlich
selber ein Kind, in eine Kinderwelt eingespannt, der er entweder
nie entronnen ist oder der er sich anpasst.
Jedenfalls kein Erwachsener.
Soviel zum dritten Merkmal der
archäologischen Schürfung: Der Lehrer, dauernd mit Kindern
beschäftigt, bleibt erotisch in der
pubertären Phase stecken.
So ungefähr sehe ich die alten Geschichten.
Ziemlich bitter, diese archaischen Hypotheken. Umso
dringender müssen wir sie hervor holen.
Treiben sie hinter unserem Rücken ihr Unwesen, vergiften
sie das Verhältnis zwischen Schule und
Gesellschaft. Das Irrationale werden wir nie ganz los, das ist
klar. Aber wir können es wenigstens durchlüften.
Es geht darum, dreierlei klarzumachen: 1. Wir
leben nicht mehr in der Feudalzeit, sondern in der
sogenannten Wissensgesellschaft. 2. Darin
erhält die Schule eine ganz andere Rolle, weg vom
Abrichten der Kinder auf fixe Normen, weg vom
Eintrichtern des gesellschaftlich gerade relevanten
Wissens, hin zum Innovationszentrum der
Gesellschaft. 3. Dieses Zentrum kann nur von Lehrern
geleitet werden, die weder Federfuchser noch
Pauker noch erotische Nullen sind. Lehrer müssen
futuristische Leuchtfiguren werden. – Doch
bevor ich Ihnen das zumute, erst ein Blick auf die
Gegenseite...
5
II. WAS IST MIT DEN ELTERN LOS?
SOZIOLOGIE EINES ÜBERFORDERTEN STANDES
Was ist mit den Eltern los? Manche führen
sich auf wie jene blaustrümpfige Frankfurterin: Mit dene
Hauslehrer hat man so`n Unmus. Aber haben sie
noch ein Recht dazu? Die früheren Patrizier und
Dorfbonzen behandelten die Lehrer nicht ganz
grundlos als bessere Kindermädchen. Sie erwarteten
gar nicht mehr von ihnen. Disziplin plus
Lesen/Rechnen. Kleines Adoleszenz-Training, Stillsitzen plus
Alphabet plus Einmaleins. Mehr war nicht
gefragt, mehr war nicht nötig. Den Rest besorgte das Leben
von selbst.
Dieses Leben aber ist radikal umgepflügt. Die
alten Selbstverständlichkeiten sind weg. Alles im Fluss,
Modernisierungsschübe, Tempobeschleunigung,
Flexibilisierungszumutungen. Statt Routinen: lauter
Turbulenzen. Darin strampeln jetzt alle –
Kinder wie Eltern. Nur dass Kinder schon immer besser
strampeln konnten. Computer-Kids kennen
Turbulenzen von klein auf, sie switchen, sie surfen, sie
boarden. Sie kommen gar nicht auf die Idee,
ihre Welt müsste bruchlos, glatt, eindeutig sein.
Den Eltern fällt das schwerer. Strampeln ist
nicht die Gangart Erwachsener. Von ihnen erwarten wir
festen Stand, aufrechten Gang. Gelegentlich
demonstrieren Eltern das auch: Kiffer weg von der
Schule! Gewalttäter gehören drastisch
bestraft! Null-Toleranz! Das verlangen sie von der Schule,
wohlgemerkt. Es ist Pose, ein Akt der
Selbstdarstellung. Hinter der Fassade von Entschlossenheit und
Härte finden wir hilflos rotierende Eltern,
verunsichert, überfordert, gestresst. Theoretisch wissen sie:
Grenzen müssten sie ihren Kindern setzen,
sagt ja auch Allan Guggenbühl ohne Unterlass, als
Autorität müssten Eltern ihren Kindern
gegenüber treten, nicht bloss als einfühlende, mitfühlende
Wesen, die gesellschaftlichen Standards
müssten sie vor den Kindern verkörpern. Darin ist man sich
unter halbwegs intelligenten Zeitgenossen
einig. Bloss, wie sollten die Eltern das tun? Sie, die sich
selbst eher als Opfer der Gesellschaft
empfinden? So verhalten sich manche Eltern selber wie Kinder,
unerwachsen, unentschieden, haltlos.
Kann man verstehen. Nur: Für die Kinder ist
es ein Debakel. Ihre rebellischen Impulse laufen ins
Leere. Es fehlt das stabile Gegenüber, es
fehlt der Widerstand. Nur dank Widerstand entwickelt sich
ein Mensch. Mir fällt da Immanuel Kant ein.
Der sagte: „Die Taube in ihrem Fluge kommt leicht auf
den Gedanken, ohne Luftwiderstand flöge sie
noch viel leichter.“ Tatsächlich stürzte sie sofort ab. Also
Widerstand. Jahrhundertelang waren Eltern
Bollwerke der geltenden Spielregeln – oft bis zur
Lächerlichkeit. Heute stehlen sie sich aus
der Verantwortung für die Welt, in denen ihre Kinder
aufwachsen. Äusserstenfalls hängen sie eine
„Peace“-Fahne aus dem Schlafzimmer, damit halten sie
ihre weltbürgerlichen Pflichten für erfüllt.
Zu wenig, damit die Kinder in dieser Welt heimisch werden.
Diese Eltern haben wenig Grund, sich
gegenüber der Schule protzig in Stellung zu bringen. Sie sind –
mit Nuancen – selber geworden, was sie früher
den Lehrern vorhielten: ein bisschen infantil, ein
bisschen weltflüchtig, ein bisschen pubertär.
Sie weigern sich zunehmend, erwachsen zu werden.
Erwachsen sein, das hiess einmal: sich
weniger um sich selbst als um die Welt zu kümmern, um die
6
andern, namentlich um die Kinder. Doch schon
wenn Kinder kommen, geht es oft nicht ums Kind,
sondern um den emotionalen Kick für die
Eltern. Die Psychologin Regine Schneider berichtet in ihrem
Buch „Oh Baby“ von Müttern, die von ihrer ersten
Entbindung bitter enttäuscht sind: „Das Kind kam so
schnell, dass ich gar nicht richtig hinfühlen
konnte. Ich habe direkt nach der Geburt gesagt, das muss
ich noch mal haben. Ich war so überrascht,
ich fühlte mich richtig um das Geburtserlebnis betrogen.“
Das „Erlebnis“ ist die aktuelle Ausgabe der
Gottheit. Gilt auch für Väter. Wehe, sie bleiben der Geburt
fern! Sie setzen sich nicht mit ihrer neuen
Rolle als Väter auseinander! Als wäre Erwachsensein eine
Frage der Auseinandersetzung mit den eigenen
Erlebnisvibrationen. Genau das ist pubertär. Die
Jugendlichen müssen sich erleben, sich und
ihre Sexualität kennen lernen. Heutzutage nimmt das
kein Ende mehr. 49-Jährige ersetzen
vielleicht das Kiffen durch Rasenmähen, Sex durch
Weindegustieren, Pop durch Bergwandern, aber
sie wollen dann nicht die Berge sehen, sondern sich
erleben, sich fühlen. Nicht wirken, nicht
wirklich etwas gestalten. Arme verlassene Welt.
Natürlich gibt es dafür Gründe. Die überall
bröckelnden Werte verunsichern Eltern auf allen Ebenen.
Klar. Aber genau das versperrt Kindern die
Chance, an Ansprüchen von aussen zu wachsen.
Ansprüche von aussen: Gibt es die in
Familien? Wollen Mütter noch Mütter sein? Freundinnen ihrer
Töchter wollen sie sein. Mit den Kindern noch
einmal die Jugend durchleben. Na wunderbar. Für die
Kinder leider ein Alptraum. Die fürchten sich
schon weniger vor schlechten Noten als vor der
Verzweiflung ihrer Mütter. Wie sollen sie
ihre pubertierende Rolle finden, wenn sie von lauter
spätpubertierenden Eltern, Tanten, Onkeln
umgeben sind? Geht nicht. Oder nur durch überknallt
provokatives Auftreten. Was die Eltern dann
heftig vor den Kopf stösst. Sie waren doch immer so lieb
zum Kind. Nein, sie waren nur
erlebnisnarzisstisch.
Das Problem, um das ich hier schweife,
heisst: Wer eigentlich ist die Anwältin des Kindes – eher die
Eltern oder die Schule? Eltern tun
gelegentlich, als gehörte das Kind ihnen. Ein Kind gehört gar
niemandem. Das Kind ist Selbstzweck. Es
gehört sich. Und die Erziehung hat keinen andern Zweck
als dafür zu sorgen, dass das Kind ganz und
gar sich gehört. Ein Selbst wird.
Ein Selbst aber ist ohne Krämpfe nicht zu
haben. Und da manche Eltern sich diesen Krampf ersparen,
wird die Schule notgedrungen zur
Generalagentur für Erziehung. Im Elternhaus ist für Erziehung
irgendwie zu viel Liebe – oder was man für
Liebe hält. Die Liebe mag eine Himmelsmacht sein, die
Erziehung ist eine sehr irdische
Angelegenheit. Das heutige Familienleben sei ganz auf Liebe
eingestellt, damit meine ich: Eltern wie
Kinder wollen möglichst jederzeit erleben, wie sie von den
andern geliebt werden. Ist ja schön,
allerdings noch keine Erziehung. Erziehung verlangt, dass
Ansprüche geltend gemacht werden, an denen
das Kind lernt, wächst, frei wird – auch um den Preis
zeitweiliger Liebeseinbussen. Auch dabei
spielt eine Art Liebe mit, aber die Liebe zur Möglichkeit im
Kind, nicht zu seiner aktuellen Form.
Dazu taugen Lehrerinnen einfach besser. Sie
lieben die Kinder nicht so abgöttisch wie Mütter und
Väter, nehmen sie auch in ihren Schwächen und
Nervigkeiten ernst. Und sind vor allem nicht tief
7
beleidigt, wenn das Kind frei und selbständig
wird. Wogegen Eltern ihren Goldschatz nur widerwillig
als etwas Eigenständiges sehen. Sie halten
ihn für 200-karätig. Neun von zehn Eltern schätzen die
Begabung ihres Sprösslings als
überdurchschnittlich ein. Den Verdacht überhöhter Erwartungen in ihr
Kind weisen sie weit von sich. Neun von zehn
Kindern als superintelligente Naturbegabungen! Was
gibt es da noch zu schulen?
Behüten muss man angeblich die Goldschätze.
Deshalb karren Eltern ihre Kinder im Auto überall hin.
Sieht es nur entfernt nach Regen aus – rein
ins Auto, der Kleine könnte sich ja erkälten. So ersparen
Eltern ihren Kindern alle Unbill – und rauben
ihnen gerade das, was sie zum Erwachsenwerden
bräuchten. Der Schulweg, welch ein Terrain
für selbständiges Erkunden der Welt! Welch ein Gelände
für soziales Sondieren, Trainieren! Der
einzige herrschaftsfreie Raum zwischen Elternhaus und
Schule. Und nun nimmt man ihnen diesen
Freiheitsraum weg, schliesst Elternhaus und Schule kurz.
Selbstverständlich aus purer Liebe. Da sehen
Sie: Elternliebe taugt nicht als Allein-Prinzip der
Erziehung. Diese Liebe ist nicht an der
Freiheit des Kindes interessiert. Sie ist ängstlich – und macht
das Kind ängstlich. Im Kern aber ängstigt sie
sich ganz egoistisch um den eigenen Gefühlshaushalt.
So. Und nun wollen Eltern mehr Mitsprache in
der Schule, lese ich. Na toll. Nur: Erst müssten sie
lernen: 1. Das Kind gehört nicht ihnen, es
ist ein Selbst. 2. Mit ihrer närrischen Liebe verhindern sie
die Selbstwerdung ihres Kindes. 3. Die Schule
ist dem Kind verpflichtet, nicht den Eltern; deshalb
muss die Schule eine teilautonome Institution
sein, niemals eine Filiale des Elternhauses.
Im letzten Anlauf: Wie soll die Schule auf
die akute Erziehungsschwäche der Eltern reagieren?
8
III. WAS TUN?
UNVERSCHÄMTE VORSCHLÄGE FÜR LEHRER UND ELTERN
Das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus
ist konfus. Diese Konfusion lähmt die Schule, die
Entwicklung der Kinder, letztlich die Gesellschaft.
Wie kommen wir aus dieser Lähmung heraus?
Ich bin kein Guru. Ich habe keine
alleinseligmachenden Rezepte. Nur ein paar unfertige Ideen. Ich
denke, wir sollten heftig nachdenken: über
ein neues Selbstverständnis der Schule ebenso wie über
die Rolle der Eltern. Und dabei stets das
Motto gelten lassen: Wir werden als Menschen geboren, als
Personen aber müssen wir sozialisiert werden.
1. Das neue Selbstverständnis der Schule
a. Die Pädagogen – oder: Führen statt
kommunizieren
Unlängst war ich als offizieller Beobachter
an einem internationalen Bildungskongress. Drei Tage lang
scharf beobachten, dann aus dem Stegreif das
Schlussreferat halten. Ich hörte den
Pädagogikprofessoren zu, beobachtete das
Publikum, 500 Lehrerinnen und Lehrer, in Kaffeepausen,
beim Essen. Ich achtete auf die Haltung, den
Gang, die Stimme... Und muss jetzt leider sagen:
Sinnlich überwältigt war ich nicht. Ich sah
zu viel Gebeugtheit, zu viel Verhuschtheit. Ich hörte zu viel
Unsicherheit, zu viel Gedämpftheit, zu viel
Resonanzarmut. Ich vermisste – immer grosso modo nur,
mit glänzenden Ausnahmen – den Schwung, die
Präsenz, die Animiertheit. Mir war da zu viel
Bremsung, zu viel Erdanziehung, zu wenig
Tanzlust, Flugbereitschaft, selbstbestimmter Rhythmus...
Könnte es sein, dass die archaischen
Vorurteile nicht nur manche Eltern vernageln, sondern
Lehrerinnen noch bremsen? Oder ist gar noch
schlimmer: Verschwimmt die Berufsidentität der
Lehrer? Sind sie gelähmt durch die diffusen
Anforderungen in der Schule? Ich kann mir das leicht
vorstellen. Denn: Was genau ist heute die
Lehrerin? Amme, Hobby-Psychologin, Therapeutin,
Benimm-Tante, Kindermädchen,
Mediations-Trainerin? Und nebenher Fach- und Sach-Lehrerin? Da
kann ich nur sagen: Ein derart schwammiges
Berufsbild richtet nichts als Unheil an. Subjektiv ruiniert
es das Selbstbewusstsein, objektiv das
gesellschaftliche Renommee. Wer irgendwie alles meint
leisten zu müssen, macht alles bestenfalls
halbbatzig. Kein Mensch kann nach allen Seiten offen sein
– und gleichzeitig dicht.
Falls das Ihr Problem ist, kann ich nur
raten: Straffen Sie Ihr Berufsprofil. Sagen Sie sich: Ich bin
Pädagogin, Punkt, basta, weiter nichts. Und
nehmen Sie die Bezeichnung wörtlich. „Pädagogik“
kommt vom griechischen paid-agogein, was
soviel bedeutet wie „Kinder führen, hin führen, hinan
führen“. Führen, nicht betreuen. Hin führen,
nicht kommunizieren. Hinan führen, nicht einfühlen. Die
Pädagogin muss dieses eine wollen und können:
Schüler zur Mündigkeit führen.
9
Wie macht sie das? Ein alter Freund erzählte
mir, wie er vor Jahren eine Realklasse im Linthgebiet
übernahm, die zuvor zwei Lehrer geschlissen
hatte. Eine Woche vor Schulbeginn bot er die Schüler
brieflich auf: Am Montag um acht Uhr erwarte
ich alle vor dem Schulhaus, mit Velo, Badehose und
Turnschuhen, wir machen am ersten Schultag
einen Triathlon. Zwei Minuten vor acht fuhr er mit dem
Rennvelo vor, begrüsste jeden einzeln,
informierte ohne weitere Umschweife über das
Tagesprogramm – und ab ging`s, erst mit dem
Velo, der Lehrer voraus. Die Schüler machten fraglos
mit. Sie empfanden den Lehrer als Häuptling,
folgten ihm auch alle die folgenden Tage in der Schule.
Noch heute behaupten die Leute in dem Dorf im
Linthtal, sie erkennten jeden, der bei diesem Lehrer
zur Schule gegangen war.
Woran liegt das? Ich behaupte mal: am
Verzicht auf Psychologisierung. Überspitzt gesagt: Zielklarheit
statt Kommunikation. Der Psychologe erkundet
die unmittelbaren Bedürfnisse, die Stimmungen, die
Motivation – und mischt sie kommunikativ auf.
Der Pädagoge setzt das Ziel und hilft den Schülern
dorthin zu kommen; er kennt das Wohin und das
Wie, alles weitere ist ihm zweitrangig, den akuten
Gefühlshaushalt von Schülern übersieht er. Es
geht ihm nicht um gute Gefühle, sondern ums Lernen.
Weil nur das Lernen mündig macht – und erst
noch die besten Gefühle bringt, als Nebenwirkung.
Konzentration aufs pädagogische
„Kerngeschäft“. Das braucht Häuptlinge, selbstbewusste Personen.
Die Pädagogin muss auftreten können. Sie muss
als personifiziertes Ziel Eindruck machen. George B.
Shaw sagte einmal: „Jeder wird so behandelt,
wie er aussieht und wie er auftritt.“ Klingt brutal, ist aber
so. Die inneren Werte sind schon wichtig,
aber sie müssen durch alle Poren dringen. Das Wissen ist
auch wichtig, es wirkt aber nur, wenn es
einverleibt ist. Was die Lehrerin sagt, wirkt durch die
unnachahmliche Art, wie sie es sagt: vif,
vergnügt, neugierig, kräftig, willentlich. Wenn sie
Standardsprache spricht, tönt es ganz anders
als bei ihren Kollegen, nicht so hölzern, beflissen,
seelenlos. Kein Bühnendeutsch, aber die
Sprache gehört ihr, sie sitzt in ihr, sie versinnlicht sie. Und
die Kinder sprechen sie noch auf der Strasse
Hochdeutsch an. Die Frau ist hinreissend, sie lebt, sie
führt, sie ist nicht auf die Liebe der Kinder
aus (Liebhaber hat sie genug), sondern auf deren
Freiheitsfortschritte. Die Schule ist kein
Feeling-Exchange, sondern Stärkung der Person. Die Schüler
merken das, hängen an ihren Lippen, die
Kollegen folgen ihr, die Behörden fürchten sie... Bevor ich
vollends übertreibe, zurück auf den Boden Realität:
b. Das Schulhaus – oder: Pädagogik als
kollektives Regelspiel
Die einzelne Lehrerin kann eine exzellente
Pädagogin sein – ohne das Kollektiv im Schulhaus wird ihr
Erfolg immer halbiert bleiben. Das
Lehrer-Kollegium muss sich über zwei Dinge verständigen – und
sich dann daran halten: zunächst über die
gemeinsame Auffassung von Pädagogik, sodann über die
Spielregeln für die Schüler.
Die gemeinsame Auffassung von Pädagogik. Sie
haben sicher schon gemerkt: Ich halte wenig von der
Psychologisierung der Pädagogik. Nicht dass
ich Psychologie überhaupt verwerfe; sie hat ihre
Verdienste gerade für die Schule, sie hat uns
gelehrt, die einzelne Kinderseele wahrzunehmen, zu
10
verstehen, ernst zu nehmen. Hinter diesen
Fortschritt darf keine Pädagogik zurückfallen. Aber das
heisst noch lange nicht, dass wir in jeder
Situation nach den unmittelbaren Bedürfnissen der
Kinderseele fragen („wie fühlst du dich?“
„Stimmt es für dich?“) und diesen Bedürfnissen gerecht
werden sollen. Bildung ist nicht
Bedürfnisbewirtschaftung, sondern Entwicklung der Bedürfnisse, der
Interessen. Und die entwickeln sich nur durch
den Anspruch der Sache.
Banales Beispiel: Klein Judith lernt Klavier.
Wenn daraus etwas werden soll, muss Judith sich
jahrelang dem Diktat der Klaviermusik unterwerfen,
üben, üben, üben – damit dereinst aus dem
Geklimper Musik wird und aus dem ungeformten
Mädchen eine souveräne Musikerin. Nimmt Judith
ihre Psyche, also ihre akuten Stimmungen und
Launen zu wichtig, wird sie das nie schaffen. Vor allem
wird sie nie eine Person werden, die frei
aufspielt, sondern im Netz ihrer emotionalen Stimmungen
umherstümpern.
Darauf sollte sich das Kollegium einigen.
Also Schluss mit der Dominanz des Einfühlens und
Allesverstehenkönnens. Der Sache den Vorrang
geben – nicht damit der Betrieb reibungsloser läuft,
sondern damit die Schüler die Chance
bekommen, eine Person zu werden.
Dazu gehört das zweite: die Spielregeln für
die Schüler. Ein verbindlicher Verhaltens-Kanon fürs
ganze Schulhaus. Regelklarheit: Man grüsst
sich, Mädchen werden nicht „Schlampe“ genannt, kein
Kaugummi auf den Boden... All dies muss
Gesetz werden, sozusagen sakrosankt, sonst hängt es
immer an der individuellen Lehrerin und
belastet sie unverhältnismässig.
Ich weiss, manche reden verächtlich von
„Konventionen“, diesen „Korsetts“ des Benehmens. Das ist
auch eine Folge der Psychologisierung des
Alltags, alles muss angeblich „authentisch“ sein, „echt“,
dem freien Willen des Individuums
entsprungen. In Wirklichkeit überfordern wir die Kleinen doch nur
mit diesem freien Willen. Es gibt nichts
Menschendienlicheres als Konventionen. Sie erleichtern das
gemeinschaftliche Leben, man muss sich nicht
dauernd über Sachfremdes unterhalten... Stellen Sie
sich vor, es gäbe beim Fussball keinen
absolut geltenden Kanon von Regeln! Dann gäbe es alle drei
Minuten eine „Mediation“, eine
„Kommunikation“ unter allen Beteiligten („Was ging in Dir vor, als Du
den Stürmer ins Schienbein tratst?“, „Stimmt
es jetzt für alle?“) – und der Fussball wäre im Eimer.
Schule ist wie Fussball: Die gemeinsame Sache
(Lernen, Bildung) muss unbedingten Vorrang haben
gegenüber den Befindlichkeiten der Einzelnen.
In einer multikulturellen Gesellschaft ist das vollends
unverzichtbar. Wo bald jedes Elternhaus sein
eigenes Weltbild hat, muss das Schulhaus
Regelnormen erzwingen. Wie anders bringt man
Italiener (Mamma über alles), Türken (die Frau, ein
minderes Wesen), Schweizer (das Mädchen, das
dominante Wesen) zum auskömmlichen Verhalten?
Empathie erzeugt nur das komplette Chaos. Das
Schulhaus braucht ein Gesetz. – Und die Eltern
sollen sich gefälligst fügen.
11
2. Die Rolle der Eltern – oder: die
Entscheidung zwischen Verstummen und Mitsprache
Ich meine: Die Eltern sind vor eine einfache
Wahl zu stellen. Entweder sie erziehen ihren Nachwuchs
– dann sollen sie auch in der Schule
mitreden. Oder sie erziehen ihn nicht – dann sollen sie den Mund
halten.
Konflikte zwischen Jungen und Erwachsenen gab
es immer. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist:
Wessen Sprache regelt die Konflikte? Wessen
Sprache beherrscht das gesellschaftliche
Bewusstsein? Und wem hat es die Sprache
verschlagen?
Für viele Eltern ist die Entscheidung
gefallen: Jugendkultur hat sich zur alles beherrschenden Kultur
entwickelt. Die Beschleunigung aller
geschichtlicher Prozesse macht die Jugend zur herrschenden
Klasse. Der Zugang zu den gesellschaftlichen
Ressourcen war zu allen Zeiten das Monopol von Alter
und Erfahrung. Jetzt wechselt er in die Hände
der Jungen. Technik, Mode, Medien sind die neuen
Machtzentren unserer Gesellschaft. Und genau
darin verfügen die Jungen über Wissen und
Kompetenzen. Nicht altes, sondern neues
Wissen stiftet gesellschaftliche Macht, nicht Tradition,
sondern Innovation, nicht Autorität, sondern
Kommunikation.
Ja, ja, die Generation der Erwachsenen hat es
objektiv nicht leicht. Aber muss sie darum gleich
verstummen? Muss sie ihre Autorität entsorgen
lassen? Müssen Erwachsene gleich zu beflissenen
Kopisten ihrer selbstbewussten Kinder werden?
Ich kann die Fragen hier nicht beantworten. Will nur
sagen: Eltern, die ihren Kindern gegenüber
verstummen, haben kein Recht, in die Schule hinein zu
reden. Und die Schule sollte ihnen das
ungeniert klar machen.
Die Frage ist nur – wie? Ich sehe vor allem
zwei Methoden.
Zunächst: Eltern müssen sich organisieren.
Eltern-Foren sind kein Allheilmittel, aber unverzichtbar,
wenn sich etwas bessern soll. Organisierte
Eltern sind immer besser als atomisierte Eltern. „Allein ist
der Mensch stets in schlechter Gesellschaft“,
sagte Pascal. Das gilt auch von Eltern: Vereinzelt mit
ihrer Ansicht von Schule neigen sie zur
Selbstbefangenheit, zur Überheblichkeit. Im Gespräch mit
andern Eltern relativiert sich das von
selbst. Wichtig wäre, möglichst alle Eltern in solch ein Forum zu
bringen. Sonst reden nur die ohnehin
Vernünftigen miteinander. Und die Pisa-Studie hat gezeigt: Ein
schwerwiegendes Problem der Schule ist die
unterschiedliche Herkunft der Schüler. Diese Herkunft
verkörpern die Eltern. Also müssten möglichst
alle am Gespräch über die Schule teilnehmen. Sonst
bewirkt das Elternforum nichts. Damit aber
möglichst alle Eltern sich zum Gespräch finden, müssen
die Eltern selber es organisieren. Die Schule
ist Partei in diesem Disput, sie hat zwar ein Interesse
daran, dass die Eltern sich für sie
interessieren; doch es kann nicht ihre Aufgabe sein, die Interessen
der Eltern zu gruppieren. Eher ist es Sache
der gemeindlichen Schulbehörden.
12
Sodann: Es braucht dringend Methoden, den
Eltern ihre Rolle vor Augen zu führen. Vorträge wie
dieser hier können durchaus etwas bewirken.
Aber sie wirken nur rational. Es gibt Formen, die listiger
wirken. Zum Beispiel Theater.
Genauer: Forum-Theater. Das geht so: Zwei
Schauspieler simulieren das Gespräch zwischen dem
Lehrer Sommerhalder und der Mutter Huber.
Thema: der kleine Martin Huber stört den Unterricht...
Alle Eltern sitzen im Publikum, hören zu...
Bis der Regisseur sie auffordert, dreinzureden, Spiel-
Varianten vorzuschlagen... Natürlich finden
sie erst den Lehrer einen Kotzbrocken... Bis sie den Part
des Lehrers übernehmen müssen...
Rollen-Theater. Eine sagenhaft listige Methode zu beobachten –
und sich zu beteiligen...
Ich bin leider kein Theatermann. Aber ich
empfehle Ihnen solch ein Theater eindringlich. Es könnte
zehnmal mehr auslösen als mein Referat, das
hier endlich zu Ende kommt.
sic!
1/2007,
063 Forum
Zur
Diskussion / A discuter
Das Recht auf
den Markt tragen?
Ungenierte
Anmerkungen eines Laien zur Konjunktur der «Verkehrskreise»
LUDWIG HASLER*
Die
folgende Festrede wurde zu Ehren des siebzigsten Geburtstags von Dr. Lucas
David gehalten, der anlässlich des von Ingres organisierten Workshops zum Thema
«Die Verkehrskreise im Marken-recht» vom 15./16. September 2006 gefeiert wurde.
Die Bemerkungen des Nicht-Juristen Ludwig Hasler zum Thema Verkehrskreise
werden von der Herausgeberschaft in der Überzeugung veröffent-licht, dass es ab
und zu wohltuend ist, von dritter Seite einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.
Voici le discours qui a été tenu par M.
Ludwig Hasler à l’occasion du 70e anniversaire de Lucas David, qui a été
célébré au cours d’un atelier organisé par l’INGRES les 15 et 16 septembre 2006
sur les milieux concernés en droit des marques («Die Verkehrskreise im
Markenrecht»). La direction de la publication publie les réflexions que
Monsieur Hasler, un non juriste, a émises sur les milieux concer-nés, avec la
conviction qu’il est parfois utile de voir son propre reflet dans un miroir
tendu par autrui.
Es
gibt manche Art, sich als Laie vor Fachleuten zu blamieren. Die billigste ist
die Schmeicheltour. Nicht mein Fall, meine Spezialität ist eher die
Betriebsstörung. Mein leicht frivoles Verhältnis zu Juris-ten reicht weit
zurück. Vor Jahrzehnten hörte ich Hellmut Becker, dem grossen deutschen
Rechtsge-lehrten zu. Er erläuterte seine Lieblingsthese: Jurisprudenz sei mehr
ein Hilfsmittel als eine Wissen-schaft, mehr Anwendungskunst als Theorie. Und
dann fiel der Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: «Ein guter Jurist
kann nur werden, wer im richtigen Augenblick mit dem Denken aufhört.»
Das
darf nicht wahr sein, dachte ich. Diese Juristenbranche spielt gesellschaftlich
in der obersten Gewichtsklasse – und verdankt ihre Bonität dem rechtzeitigen
Denkabbruch. Cognitio interrupta als Gütezeichen. Das war für mich – ich
gehörte damals zur schwerelosen Zunft der Philosophen – eine bittere Realitätslektion.
Meine Maxime hiess: Philosophie ist, wenn man trotzdem weiter denkt. Nun
kapierte ich: Alles idealistischer Kram. Im wahren Leben regieren die Profis im
Abbruch-Denken. Kurz denken, nachhaltig kassieren. So läuft die Welt.
Vom
«Immaterialgüterrecht» kannte ich damals kaum den Begriff, vom
«Kennzeichenrecht» hatte ich nie gehört. «Verkehrskreise» waren für mich stets
klar – à la «Wirtschaftskreise» – definiert: TCS plus ACS versus VCS. Bis Magda
Streuli mich auf diesen Workshop ansprach. Danach verstand ich bei
«Verkehrskreisen» eine Zeitlang nicht einmal mehr Bahnhof.
Problemlos
kapierte ich nur dies: Sie, meine Damen und Herren Spezialisten für
Markenrecht, Sie wollen – im Sinne Beckers – entschieden gute Juristen sein,
Sie hören mit dem Denken im allerrich-tigsten Moment auf, nämlich gleich zu
Beginn. Sie outsourcen das Denken, delegieren es an die fa-mosen
«Verkehrskreise», noch besser an die Demoskopen, die in den Verkehrskreisen
herumsto-chern, bis sich herausstellt, was wir eh schon vermuteten.
So
unabgefedert kann nur ein Laie reden. Obwohl er gleich selber relativieren
muss: Manchmal den-ken die Gerichte auch selber. Zum Beispiel bei dem
unsäglichen Streit um die Oberhoheit über die Marke «WM 2006». Die Fifa klagte
gegen Würstchenbudenbetreiber, die ihre Ware mit der Kenn-zeichnung
«WM-Weisswürste» noch schmackhafter machten. Sepp Blatter, unersättlich in
seinem voralpinen Verarmungs-Tic, witterte «Schmarotzer-Marketing». Und
natürlich Ärger mit den offiziellen Sponsoren, die ein Heidengeld bezahlt
hatten, um vom globalen Fussballfieber zu profitieren. Der deutsche
Bundesgerichtshof aber wies die Klage ab – ohne Rückgriff auf das tatsächliche
Verständnis der «Verkehrskreise», also ohne empirische «Beweismittel». Er
schickte keine Allensbach-Agenten
Quelle:
www.sic-online.ch p 1 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum
unter
die deutschen Michel, um abzuklären, was im Hirn des unbekannten
Durchschnittsverbrauchers faktisch abläuft, wie unheilvoll es Würstchen mit
Fifa und umgekehrt verwechsle, womit sich der Tat-bestand des unlauteren
Wettbewerbs ja erst hätte beweisen lassen. Stattdessen stellte das Gericht
autokratisch klar: Fussball gehört allen.
Auch
das klägerische Argument, Grossanlässe à la Fussball-WM liessen sich nur
finanzieren, wenn das Zeichen «WM» kommerziell geschützt werde, beschieden die
Richter rein rational. Sie argumen-tierten: Je mehr Bäckereien mit «WM-Weggen»,
umso populärer die WM, umso verbreiteter der En-thusiasmus, umso happiger die
Aufmerksamkeitsgewinne der Sponsoren. Das überlegten sich die Richter nur in
ihrem Kopf, keine Feldforschung, keine empirischen Studien. Nichts als Logik.
Damit
war dann gleich wieder Schluss beim WM-Song «Köbi cool». Die Schweizer
Reggae-Band «The Ganglords» polte den 70er-Jahre-Hit «Daddy Cool» auf «Köbi
cool» um, produzierte eine un-säglich doofe «Hymne» auf Köbi Kuhn. Die darf bis
heute nicht vertrieben werden; der Autor des Ori-ginals, Frank Farian, klagte,
«Verkehrskreise» erkannten auf Ähnlichkeit. Na hoffentlich. Nur, was sagt das
schon?
Ich
bin nicht pauschal allergisch auf «Verkehrskreise». Ich behaupte nicht,
juristischer Scharfsinn löse von alleine alle die vertrackten Fälle von
Verwechslungsgefahr, Abkupferung, Irreführung. Auch mir ist ein empirisch
gefütterter Scharfsinn plausibler, einer, der in Betracht zieht, was in den
Köpfen der Leute abläuft, die mit der fraglichen Ware verkehren. Nur muss er,
was diese Köpfe an Meinung aus-spucken, kritisch einordnen – statt gleich als
letzte Weisheit zu verehren. Einordnen heisst selber denken. Im Falle «Köbi
cool» müsste ein Richter wissen, wie Musik, wie Kunst insgesamt heute
funk-tioniert: als Dschungel von Zitaten, Anspielungen, Revivals, Persiflagen.
Weshalb Ähnlichkeits-Diag-nosen durch Verkehrskreise so erwartbar wie
nichtssagend sind. Wer jedes «Zitieren» als unlauteren Wettbewerb ahndet, muss
den gesamten Musik- und Kunstbetrieb der Gegenwart verbieten, rückwir-kend
gleich auch vier Fünftel sämtlicher Barockmusik.
Recht
sprechen heisst urteilen. Urteilskraft kommt aus der Autonomie der Vernunft,
nicht aus Umfra-gematerial. Die Voten beteiligter Verkehrskreise sind
wetterabhängig – als Geschmacksäusserungen ohnehin. Als Jean Tinguelys
«Heureka»-Ungetüm im Zürcher Seefeld aufgestellt wurde, verlangten die Anwohner
ultimativ seine Beseitigung. Vier Jahre später, als die Plastik nach Basel
zügeln sollte, rebellierten die selben Leute ebenso apodiktisch: Tinguelys
Maschine sei ein unersetzliches Stück ihrer Quartierheimat!
Das
Beispiel hinkt ein bisschen. «Verkehrskreise» sind kein Quartierverein, sondern
einschlägige Marktteilnehmer. Indem sich das Recht auf sie stützt, geht es auf
den Markt der Meinungen. Oder soll ich sagen, es macht einen Schritt hin zu
seiner «Demokratisierung»? Es läge damit voll im Trend. Seit der Versuch, die
irdischen Güter zu «demokratisieren», gescheitert ist, «demokratisiert» man
alles andere. Das TV-Publikum darf den «Superstar» wählen; seither grassiert
das Motto «null Talent, gross präsent». Der Konsument ist am Drücker; der
«Kassensturz» wird zum Mass aller Dinge. Dem Blogger gehört die Zukunft; was
die Nestlé-Marketingchefin taugt, sagen jetzt ihre Angestellten im Web.
Studenten qualifizieren und disqualifizieren ihre Professoren; die Webseite
www.mein prof.de etabliert sich als selbsternannter Volksgerichtshof, urteilt
über Tops und Flops im Hörsaal.
Sie
sehen, «Verkehrskreise» haben überall Konjunktur. Mal aus Quoten-Populismus
(TV-Publikum), mal aus Unsicherheit über die Kriterien; da dient das Feedback
der Beteiligten (Konsumenten, Stu-denten, Angestellte) als Korrektiv zur Sicht
der Expertokraten. Beteiligte sehen die Dinge konkreter, nur halt auch
entschieden befangen. Man kann nicht gleichzeitig im Wasser schwimmen und den
Fluss vom Ufer aus betrachten.
Das
Recht aber muss den Fluss der Dinge im Auge behalten. Was die Leute vom Schiff
aus sehen, ist selbstverständlich relevant für die Rechtspflege (siehe
Strafrecht), bloss nicht als Quelle der Wahrheit, eher als prinzipiell suspekte
Befangenheit. Ändert sich das mit «Verkehrskreisen» als Referenz? Nicht zwingend.
Doch faktisch? Wie soll ich zum Beispiel das «Smarties»-Urteil lesen? Falls ich
richtig in-formiert bin, wurde da tatsächlich dieses ordinäre Röhrchen
geschützt, nur weil es «Verkehrskreise» spontan an «Smarties» erinnert. Ein
simpler Zylinder ohne Aufschrift, ohne Handschrift, eine geomet-rische
Grundform wird privatisiert, dem weiteren Gebrauch der Menschheit entzogen. Da
könnte Sepp Blatter glatt alles Runde für die Fifa monopolisieren. Christoph
Blocher alles Quadratische für die SVP. Und was ist mit dem Halbmond? Und mit
dem Kreuz? Gehört das dem Vatikan? Oder darf Ma-donna sich an ihm räkeln?
Quelle:
www.sic-online.ch p 2 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum
Dass
man – rechtens! – geometrische Grundmuster privatisieren, monopolisieren kann,
jedenfalls für einen abgezirkelten Geschäftsradius, das schluckt mein common
sense nicht. Ganz egal, welche «Verkehrskreise» sich dafür stark machten. Da
erwarte ich, dass die Community der Markenrechtler selber denkt, einen
Kriterienkatalog entwirft, worin wenigstens grosso modo unterschieden wird
zwi-schen naturhaft vorgegeben Formen und kulturell gestalteten. Und dann sagt:
Natur steht zur freien Verfügung, schützenswert ist einzig Kultur, Kreation,
Erfindung.
Sie
merken: Ich will Sie verführen, das Heft des Handelns wieder selber in die Hand
zu nehmen. Si-cher ist es verlässlicher, wenn Allensbach «Verkehrskreise»
befragt, als wenn Richter sagten, sie hätten zuhause mal die Frau gefragt, ob
sie finde, Martina Hingis bügle definitiv nur noch für die Marke ZUG. Nur, ob
Frau Richterin oder Kreti & Pleti: Meinen bleibt meinen.
Die
gesamte abendländische Kultur – von Plato bis Harald Schmidt – lebt vom
Grundsatz: Was die Leute so meinen, ist nicht schon die Wahrheit. Oder noch
nicht. Oder grad gar nicht. Denn dieses Meinen bleibt, wie das Wort es
andeutet, nur mein, also subjektiv, perspektivisch, eine rein persönli-che
Ansicht – wobei es selbst mit dem Persönlichen so weit nicht her ist; im Meinen
echot oft nur die Boulevard-Schlagzeile von vorgestern.
Was
also bedeutet es, wenn irgendwelche Verkehrskreise meinen, eine geometrische
Röhrchen-Form mit «Smarties» identifizieren zu müssen? Objektiv eigentlich gar
nichts – ausser, dass «Smarties» im Fernsehen präsenter sind als, sagen wir
mal, der Reagenzglas-Hersteller XY. Könnte es also sein, dass das Wundermittel
«Verkehrskreise» stets die bekanntere Marke ins Recht setzt, also die mit dem
dickeren Marketing-Budget? Und nie die unbekanntere, vielleicht aber findigere,
erfinderischere, krea-tivere? Falls es so ist: Was wäre daran Recht? Es wäre
die Sanktionierung des primitiven Rechts des Stärkeren.
Alexis
de Tocqueville vermutete schon um 1830, die Demokratie entarte zur Diktatur der
Mehrheiten. Genau das argwöhne ich mit Blick auf Ihr Tagungsthema. Wer
definiert die massgebenden «Ver-kehrskreise»? Wer bestimmt, wann sie recht
haben? Wie ist ihr Meinen legitimiert? Ist es falsch, wenn ich eine Parallele
zum politischen Betrieb ziehe? Auch da macht das Meinen Karriere.
Meinungsum-fragen etablieren sich als Herrschaftsinstanz. Politiker sagen gar
nichts mehr, bevor sie die täglichen Stimmungsbarometer konsultiert haben. Sie
delegieren – wie gute Juristen, die sie meist ja auch mal waren – das Denken an
das Demoskopie-Business mit seinem Durchschnitts- und Stichprobenden-ken. Politik
als Handlungsgehilfin wechselnder Mehrheiten im permanenten Umfragetheater?
Und
Markenrecht als Vollstrecker der eingemitteten Verkehrskreismeinung? Nichts
gegen das Inte-resse an den tatsächlichen Verwechslungen in den Köpfen der
Marktteilnehmer. Tatfrage statt pure Rechtsfrage. Aber sind Meinungen
Tatbestände? Quasi Tatsachen? Wenn, sind sie seltsam untat-sächliche Tatsachen.
Aus mindestens drei Gründen. Erstens sind sie abgekoppelt von Kenntnissen; da
ich zuhause arbeite, bin ich ein beliebter Umfrageadressat, und auch wenn ich
von einer Sache rein gar nichts verstehe, z.B. von kalifornischen Weinen, die
trinke ich prinzipiell nicht, doch das schützt mich nicht vor der Frage:
«Können Sie mir trotzdem sagen, was Sie dazu meinen?» Zweitens verselbständigt
sich das Meinen gegenüber sinnvollen Anwendungskontexten. Ich werde z.B.
gefragt, mit welcher Bank ich geschäfte, ich sage, nur mit der UBS. Dann bittet
man mich um eine Rangfolge meiner Sympathie zu Banken; ich antworte korrekt: 1.
Raiffeisenbank, 2. Kantonalbank, 3. UBS. Wa-rum bin ich Esel dann bei der UBS?
Weil das die einzige Bank in meiner Gemeinde ist. Allein, das interessiert in
dieser Umfrage grad gar nicht. Drittens bleiben Meinungen meistens
inkonsistent; mei-nen können wir beliebig, nur handelnd tragen wie die Folgen,
also meinen wir munter drauflos, stets unter dem Eindruck des Augenblicks und
so, dass wir uns ins vermeintlich gute Licht rücken.
Läuft
das mit Ihren Verkehrskreisen ganz anders? Ich gehöre von Fall zu Fall selber
dazu. Also weiss ich, wie fahrlässig gemeint wird. Darum behaupte ich: Der
Glaube, über Meinungen zu Tatsachen zu gelangen, ist wackelig.
Damit
lässt sich vergnügt leben, solange es nur darum geht, welcher Auto-Liebhaber
wie viel Sex hat (BMW-Fahrer am meisten, Porsche-Raser am wenigsten, VW-Lenker
mittelprächtig). Geht es um Recht, hört der Spass auf. Erst recht, solange
umstritten bleibt, welcher Meinungstyp im Verkehrskreis den Ausschlag geben
soll – der informierte, differenziert wahrnehmende, verständige Kunde (EU) oder
das Dummerchen mit perfekten Englischkenntnissen (CH). Klarheit in der
Definition des rele-vanten Verkehrkreislers wäre die Mindestanforderung für
Rechtsklarheit. Ohne sie bleiben «Verkehrs-kreise» als Rechtsmassstab
willkürlich, ein Phantom.
Quelle:
www.sic-online.ch p 3 - 4 sic! 1/2007, 063 Forum
Behaupte
ich laienhaft. Vielleicht zapple ich auch nur in Ihrer Sprachfalle. Als
Philosoph bin ich ge-wohnt, schwierige Texte zu lesen. Doch Heidegger lesen ist
Kinderkram – verglichen mit Ihren Bran-chentexten, Fachaufsätzen und
Bundesgerichtsurteilen, zum Beispiel im Streitfall «Yello» gegen «Yellow
Access». Nicht zu fassen, welche verbalen Sumpfblüten so ein relativ einfacher
Sachverhalt treiben kann – als hätte der Text den alleinigen Zweck, einem Laien
verschlossen zu bleiben, also auch dem «verständigen» Verkehrskreisteilnehmer.
Es herrscht da eine Verwahrlosung in der Dra-maturgie, im Aufbau, eine
hochtrabende Verumständlichung noch der simpelsten Aussage, eine per-verse
Vorliebe für Satzgirlanden und Wortmonster, insgesamt ein sprachliches
Tohuwabohu – bis hinein in die Begrifflichkeit. Nicht einmal der Unterschied
zwischen «Name» und «Begriff» ist klar, was sprachtheoretisch in die Lektion
eins gehört: Namen (zum Beispiel Ovomaltine, Novartis) benennen das Einmalige,
Konkrete; Begriffe (zum Beispiel die Farbe Yellow) bezeichnen die Gattung, die
Spe-zies, also das Allgemeine. Eine kleine Nuance nur, doch vermutlich
hilfreich, wenn entschieden wer-den will, welche Worte Privateigentum, welche Allgemeinbesitz
sein sollen. Auch der aktuelle Streit um «googeln» liesse sich mit diesem
Bisschen Sprachlogik im Handumdrehen entscheiden: «Google» ist ein Name,
«suchen» ein Begriff.
An
ihrer Sprache verrät sich der Geisteszustand jeder Branche. Bei der Fronarbeit,
juristische Texte zu lesen, überlegte ich: Warum schreiben die Leute so
schrecklich abweisend? Die Sache ist doch gar nicht so arg kompliziert? Ich
fand heraus: Sie mühen sich ab an der Detailpräzision, Sie packen jede Nuance
in den selben Satz, hängen Nebensatz an Nebensatz, wühlen sich in den
verschachteltsten aller Schachtelsätze, häufen Substantiv auf Substantiv («Das
Vorliegen der Tatbestandsmerk-male…»), selbstverständlich alles, um jedes
Missverständnis auszuschliessen. Aber was tun Sie fürs Verständnis? Sie
verlieren sich in Detaildifferenzierungen – und büssen jede Distanz zur Sache
ein.
Haben
Sie Lucas David zugehört? Der Doyen spricht in lauter Hauptsätzen. Subjekt,
Verb, Objekt. Wer macht was? So spricht ein Mensch. Anders wiehert der Amtsschimmel.
Oder der Nebelwerfer-Experte.
Mein
Vorschlag: Zertrümmern Sie die Fachsprache! Vielleicht löste sich der ganze
Streit um Ver-kehrskreise in Luft auf, wäre bloss die babylonische
Sprachverwirrung beendet.
Falls
Sie mir jetzt sagen wollen, ich hätte mit meiner laienhaften Rede offene Türen
eingerannt oder an der Sache vorbeigeredet – ich kann nichts dafür. Ich kenne
die Sache nur aus Ihren Branchentex-ten.
* Dr. Ludwig Hasler arbeitete früher in Chefredaktionen (St.
Galler Tagblatt, Weltwoche). Heute ist er Publizist, Hochschuldo-zent für
Philosophie und Medientheorie, Kolumnist in Fachzeitschriften,
Regierungsberater, Vortragstourist. Sein jüngstes Buch (Die Erotik der Tapete.
Verführung zum Denken, Huber Verlag) enthält einen Strauss seiner Reden vor
Managern, An-wälten, Politikern, Lehrern, Rotariern usw. lhasler @duebinet.ch.
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Meine Damen und Herren
Die Welt wandelt sich rasend, die Schweiz verändert sich zögerlich, Beromünster am liebsten gar nicht. Schade nur, dass auch Beromünster zur Welt gehört. Ich weiss, wovon ich rede. Ich bin in Beromünster geboren, hier aufgewachsen, die damalige Lateinschule hat mich diszipliniert, der "Hirschen" trinkfest gemacht, der Stiftschor Palestrina-kundig. Noch heute erzähle ich allen, die es wissen wollen, wie sehr mich dieser Ort geprägt hat. Schon diese architektonische Anlage: unten der breite Flecken, das demonstrativ Bürgerliche (erste Adressen), parallel dazu, leicht versetzt, die Hintergassen (zweite Adressen), dahinter, schon leicht abgehängt, Satelliten wie "Rhyn" oder Chilegass im Unterdorf (dritte Adressen); über allem aber, oben, der Stiftsbezirk, das Terrain des Geistigen. Eine kompakte, statische Welt, eine Hierarchie, in der jeder seinen Platz hat - oder eben nicht.
Ich erzähle vom barocken Geist dieses Ortes: vom Weihrauchfassschwingen, von Karwocheliturgien, Prozessionen, Orchestermessen, von der theatralischen Dauerinszenierung, davon, dass wir an Auffahrt den Heiland in den Kirchenestrich raufzogen und an Pfingsten den Heiligen Geist runterspulten, was furchtbar schwierig war, weil die Taube auf ihren Flügeln brennende Kerzen wollte, im Estrich aber ständig Durchzug war. Ich erzähle, wie dieser sinnenfreudige Barock frei von jeder Frömmelei war, und eben dadurch eine Vertikale ins Alltagsleben zog, eine Höhengerichtetheit. Ich erzähle auch, wie ich mein erstes Geld als Ministrant verdiente (20 Rappen pro Messe), wie ich damit freitags - Fleischverbot! - zur Metzgerei ging, eine Servela kaufte, mit dem Velo an den Waldrand fuhr und die Wurst mit Maximallust ass: ein sündiges Vergnügen, das nur möglich war, weil die Grenzen zwischen Gut und Böse so scharf gezogen waren. Dies alles erzähle ich mit einer gewissen Melancholie; denn die Welt, in der ich heute lebe, ist vollkommen anders, ohne barocken Jahresrhythmus, stur horizontal, ohne Spur einer Vertikale, jenseits von Gut und Böse, also ohne die Chance zu sündigen.
Nun werden Sie, meine Damen und Herren, wahrscheinlich sagen: Was in aller Welt haben diese Sentimentalitäten mit dem Thema "Schweizer sein - Schweizer werden" zu tun? Genau das frage ich mich auch. Denn inzwischen ist ja etwas passiert. Der Name Beromünster steht nicht mehr für Landessender, Stiftskirche, Joseph Vital Kopp, er steht exemplarisch für schweizerische Fremdenabwehr. Am 13. Dezember 1999 verwarfen die Beromünsterer Bürger die Einbürgerung der hier aufgewachsenen kosovarischen Geschwister Litafet und Ganimet Ganijai zum dritten Mal, imgleichen weitere fünf Bürgerrechtsgesuche von Personen aus Ex-Jugoslawien.
Damit hat nun nicht nur Beromünster, damit habe auch ich ein Problem. Denn was ich seit Jahrzehnten im biografischen Rückblick glorifiziere (Barock, Vertikale, die Chance zu sündigen), genau das könnte der Humus sein für die Abwehr alles Fremden: diese malerische, rückwärtsverliebte geschlossene Gesellschaft. Die statische Gliederung in Flecken, Hintergassen, Hinterhinterquartiere, Barockpracht etc. - vielleicht bildet genau das die Welt, die die Einheimischen kontrolliert und Fremde ausschliesst.
Dagegen liesse sich einwenden: Nun übertreib mal nicht - schau auch mal nach Emmen. Emmen, das pure Gegenteil einer geschlossenen Gesellschaft à la Beromünster, ein Industrie-Vorort ohne Eigenart, ein multikulturelles Patchwork ohne historische Gefügtheit, ohne Vertikale ohnehin - und verweigert doch allen Ex-Jugoslawen die Einbürgerung. Darauf kann ich nur sagen: Ja, so ist es. Nur, in Emmen geht es ans Lebendige. Dort leben wohl einfach zu viele Modernisierungsgeschädigte, an den Rand Gedrängte; und wer zu kurz kommt, fühlt sich von den Ausländern bedroht. Das kann man zur Not noch verstehen. Hier aber, in Beromünster, wo soll da die Bedrohung herkommen? Von zwei Schwestern am Beginn ihres Erwachsenenlebens? Schwer vorstellbar. Da muss ganz anderes im Spiel und auf dem Spiel sein.
Meine Vermutung ist: Beromünster kapriziert sich auf seine Zeitlosigkeit. Hier war man schon immer stolz darauf, nicht mit der Zeit zu gehen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit: Damals kamen auch Schülerinnen aus dem aargauischen Menziken hierher, ich glaube, in die dritte Sekundarschule. Erotisch fanden wir sie zwar attraktiver, doch das zählte nicht wirklich, sie waren - ich sags so brutal, wie es damals gemeint war - Industriepack, modern, aber kulturlos, ohne richtige Feiertage etc. Beromünster dagegen widersetzte sich jeder Modernisierung. Irgendwie passt der Flecken in keine Zeit - und in jede. Das liegt auch an der räumlichen Enge. Zwei Quadratkilometer: für die Agrargesellschaft zu wenig, für die Industriegesellschaft sowieso: keine Felder, kein Platz für Industrieanlagen. Also lebte und lebt Beromünster von seinen zentralörtlichen Funktionen. Die andern rundherum mögen sich sputen - als Bauern, als Fabrikarbeiter, als Computerprogrammierer - Beromünster organisiert die zentralen Dienste: Mittelschule, Kirchen, Restaurants, Konzerte, Auffahrtsumritt, Zahnarzt, Volkshochschule, Apotheke, Eisenwarenhandlung...
Deshalb behaupte ich: In diesem 2000-Seelen-Flecken spielt unsere Tagungsfrage - Schweizer sein? Schweizer werden? - keine Rolle. Hier ging und geht es einzig darum, Beromünsterer zu sein - oder nicht. Beromünsterer wird man nicht, man ist es, oder ist es nicht. Für Fremde ist schlicht kein Platz in diesem festgefügten Gebilde. Man braucht sie deshalb keineswegs zu hassen, sie stören einfach die geschlossene Gesellschaft. Mit irgendeiner Schweizer Identität hat das nicht das Geringste zu tun. Jurassier sind Beromünsterern so fremd wie die Ukrainer, ein Protestant im benachbarten Neudorf ist ihnen so suspekt wie einer aus Hannover. Sogar ich komme manchen schon als Fremdling vor. Als ich letztes Jahr hier an der Mittelschule die Maturarede hielt, liess man mich wissen: Einigen sei mein vergleichsweise geschliffenes Hochdeutsch eher sauer aufgestossen. Man schätze es nicht sonderlich, von Auswärtigen rhetorisch überfahren zu werden.
Ich kann damit leben. Die Frage ist, wie Beromünster mit dieser Haltung überlebt. Dass die Verlockung gross ist, sich vom Schnellzug der Moderne abzukapseln und diesen schönen alten Flecken wie ein Museum zu führen, kann ich gut verstehen. Das Leben in der statischen Provinz hat manche Vorzüge gegenüber der Gesichtslosigkeit der globalisierten Welt. Fragt sich nur, wie lange das gut geht. Die ersten Verluste sind schon da: Das Hotel Rössli ist weg, der Bahnhof dicht, und jetzt noch der Hirschen. Ausgerechnet die drei Relaisstationen zwischen Flecken und Aussenwelt. Das kann schwierig werden. Denn ohne Aussenbeziehung verkümmert das Binnenleben.
So gesehen ist der Fall Beromünster doch irgendwie symptomatisch für den Sonderfall Schweiz. Eine Mentalität des Beharrens, um nicht zu sagen des Verstockens. Ein Reflex gegen die Moderne, die alle vertrauten Verhältnisse auflöst. Eine an sich verständliche Trotzreaktion, eine durchaus begründbare Verteidigung der Tradition. Prekär wird sie, sofern sie das Unbehagen an den Modernisierungstendenzen auf die Fremden abwälzt, die daran am allerwenigsten schuld sind. Damit verstrickt sich das Beharren in der alten Welt in eine Reihe von Widersprüchen. Auch Widersprüche können produktiv wirken. Allerdings nur dann, wenn wir uns bewusst in ihnen bewegen. Wer die Widersprüche verdrängt, macht sich zu ihrem Spielball und setzt seine Zukunft aufs Spiel.
Solche Widersprüche will ich jetzt diskutieren - in drei Anläufen. Der erste handelt vom kulturellen Missverständnis der aktuellen Identität, der zweite vom ökonomischen Missverständnis, der dritte vom politischen Missverständnis.
I. DAS KULTURELLE MISSVERSTÄNDNIS.
Ist es nicht merkwürdig? Je konservativer die Leute denken, desto willfähriger folgen sie den technischen Moden. Sie laufen nur noch mit dem Handy in der Gegend herum, sie surfen im Internet, sehen sich jeden Unsinn am Fernsehen an, können jederzeit über die jüngsten Ereignisse in der Container-Gemeinschaft "Big Brother" mitreden, sie interessieren sich für jede Pseudo-Story im "Blick" - kurz: Sie lieben es ultrakonservativ und provinziell - und machen jede Zuckung der globalen Unterhaltungsindustrie mit. Sie sind angeschlossen an den ganzen Klimbim der Welt - doch wenn es praktisch und real wird, ziehen sie sich auf eine weltlos dörfliche Identität zurück.
Ich blicke ja den Beromünsterern nicht in die Wohnstube, vermute jedoch: Auch sie sehen feierabends fleissig fern. Dann erzählte mir ein befreundeter Fernsehredaktor, er habe eine Sendung über Beromünster machen wollen. Doch der Gemeinderat habe beschlossen: keine Auskunft für Journalisten. Das fand ich kurios. Dieselben Leute, die abends vor dem Kasten sitzen, sind empört, wenn dieser Kasten ausnahmsweise mal was über sie bringen will. Eine unerhörte Einmischung einer fremden Macht (Zürich!) in eigene Angelegenheiten! Ist das nicht ein bisschen schizophren? Man will dabeisein - jedoch nicht dazugehören. Man führt seine Blicke in alle Welt spazieren - selber jedoch will man unbeobachtet bleiben.
Das geht irgendwie nicht auf. Natürlich kann man Beromünster als gehobenes Ballenberg-Museum organisieren. Aber dann müsste man konsequent sein - und sich mit dem einheimischen Trachtenverein, Sängerbund und Turnverein begnügen. Was man natürlich nicht tut. Die Jüngeren werden sich, wie überall, an Pop- und Rock- und Techno-Melodien vollsaugen und an Hollywood-Filmen sattsehen, die Älteren an Fernsehserien und Musikantenstadl. Lauter ausländisches Zeugs. Nichts dagegen. Bis auf die Unredlichkeit: Privat ergötzt man sich am internationalen Unterhaltungsbusiness - politisch weist man alles Ausländische ab: im Namen der Reinheit der herkömmlichen Identität.
Zugegeben: Alle Menschen neigen zu diesem Widerspruch. Jede Kultur kennt die Abwehr des Fremden. Und diese Abwehr verstärkt sich in einer Zeit, da der Kulturwandel mit rasendem Tempo fortschreitet. Wo er Lebensformen, politische Vorstellungen, Feindbilder und Vorbilder durcheinander wirbelt. So dass man nicht mehr weiss, ob, was heute gilt, morgen noch Gültigkeit hat. Wir alle müssen uns irgendwie im Leben zurechtfinden, und dazu brauchen wir Verlässlichkeiten, Selbstverständlichkeiten. Also wehren wir in turbulenten Zeiten alles ab, was unsere Selbstverständlichkeiten verwirrt. Also das Fremde, Befremdliche. Wir sitzen dann am Stammtisch (leider nicht mehr im "Hirschen"), wir sitzen am Familientisch und reden und reden - und bei all diesem Reden geht es gar nicht darum, der Welt, der Wirklichkeit gerecht zu werden; es geht einzig darum, uns unseres Standpunktes zu versichern. Wir brauchen einen Massstab, der uns garantiert, dass wir noch einigermassen die Herren unseres Lebens sind.
So ist das. Wir tun alles, damit uns die eigene Welt nicht abhanden kommt. Abhanden aber kommt sie, denken wir, durch die Fremden. - Gleichzeitig mogeln wir. Zur Angst vor den Fremden gesellt sich stets die Faszination durch sie. Deshalb kennt jede Kultur auch positive Formen des Umgangs mit dem Fremden. Auch Beromünsterer reisen - leibhaftig und im Fernsehen. Interessieren sich also fürs Fremde. Und wollen das Fremde doch nicht in die eigene Welt aufnehmen. Warum? Weil sie sich insgeheim ängstigen um den Bestand dieses Eigenen? Weil sie der Widerstandskraft der eigenen Kultur misstrauen?
Jedenfalls ist die Trennung suspekt: Das Fremde im Fernsehen ist reizvoll - in der Realität unerträglich. Das lässt auf kein besonders stabiles Selbstbewusstsein schliessen. Warum bloss? Ich hatte erwartet, dass der Barock, in dem ich aufwuchs, eine Grosszügigkeit begünstigen würde, die gerade auch den Zugewanderten zugute käme; dass eine Christlichkeit, die ich als überaus welthaft erlebte, eine Freude am Andersartigen förderte - und sei es nur aus musikalischen Motiven: Osteuropäerinnen singen einfach besser. Statt dessen igelt sich diese Tradition ab. Was immer das erste Zeichen von Schwäche ist. Denn die Stärke jeder Kultur erweist sich in der Kraft, Anderes, Fremdes zu integrieren.
So viel zum ersten, zum kulturellen Missverständnis. Und jetzt:
II. DAS ÖKONOMISCHE MISSVERSTÄNDNIS
Als Einstieg eine Erfolgsgeschichte. Juni, Belgien/Holland, die Fussball-EM. Ein symbolischer Wettstreit der Nationen. Der italienische Staatspräsident rief nach dem verlorenen Halbfinale in die Fernsehkameras: Unsere leidenschaftlichen Fussballkämpfer müssen Vorbild für die Nation sein! Die Deutschen fragten sich beklommen: Ist das Debakel unserer Kicker typisch für unsere Rückständigkeit in der Hightech-Welt? Brauchen wir jetzt Inder? Die Franzosen aber jubelten: Wir sind die Champions des Universums! Wer aber sind diese Champions? 14 der 18 Stammspieler waren Einwanderer: Zidane (Algerien), Deschamps (Baske), Henry (Antillen), Desailly (Ghana), Djorkaeff (Armenien), Anelka (Martinique) usw. usf. Die Kinder von Einwanderern haben der "Grande Nation" einen Teil ihres Selbstverständnisses zurückgegeben. Das Geheimnis des Erfolges: viele Wurzeln, viele Mentalitäten, viele Optionen - Vielfalt macht stark. Sogar Jean-Marie Le Pen, der Rechtsnationale, sah sich nach dem Finale genötigt, das Loblied auf den Multikulturalismus zu singen.
Nun kann man sagen: Sogar wir Schweizer haben den Vorteil der Einwanderer auf dem Fussballfeld begriffen: Sforza, Yakin, Türkilmaz - sonderlich helvetisch klingt keiner dieser Namen. Und kein Schweizer Demokrat protestierte, als gegen Russland gar ein Schwarzer (Lubamba!) im Schweizer Dress aufspielte. Warum bloss beschränken wir diese Durchlässigkeit aufs Fussballfeld? Es ist doch evident: Einwanderer sind hungriger, also vifer, lebensdurstiger, also ehrgeiziger, neugieriger, also innovativer. Wogegen wir, die Eingeborenen, vergleichsweise satt sind, selbstzufrieden, auf Besitzstandswahrung aus. Ich arbeite in der Redaktion der "Weltwoche" mit vielen extravaganten Leuten zusammen. Die fruchtbarsten aber sind die sozusagen "internationalen". Ihnen fehlt die helvetische Behäbigkeits- und Vollkasko-Mentalität. Sie leben im Bewusstsein, sich dauernd bewähren - und sonst halt weiterziehen zu müssen. Wogegen viele von uns zu Überstundenzählern verkommen. Tief in uns sitzt der Irrglaube, wir hätten es längst geschafft, müssten der Welt nichts mehr beweisen, hätten gar einen Anspruch, dass die Welt unserer Seriosität applaudiert. Nur, die denkt nicht daran. Im Modernisierungsprozess zählen keine alten Meriten. Wenn wir im Globalwettbewerb eine Rolle spielen wollen, müssen wir mitrennen, uns pausenlos was einfallen lassen. Man kann das blöd finden, doch so will es nun mal das Gesetz des globalisierten Kapitalismus. Und falls unsere eher bewahrende Mentalität Mühe hat, diesem Gesetz zu folgen, bleibt uns nur eine Chance: andere Mentalitäten, hungrigere, durstigere, beweglichere, in unsere Gemeinschaft zu integrieren.
Ich will Ihnen das mit einer kleinen Begebenheit illustrieren. Zürich, HB. Jeden morgen gehe ich da Zigaretten und Zeitungen kaufen. Zwei Kioske liegen an meiner Route. Im ersten stehen drei junge Schweizer Frauen. Man sieht ihnen die Gekränktheit von weitem an, diese Arbeit ist entschieden unter ihrer Würde, also verrichten sie sie auch lustlos, kein Gruss, dauernd die falschen Zigaretten, und stets nahe an der Verweigerung, wenn ich noch eine Zeitung will.
Im zweiten Kiosk bedienen zwei Asiatinnen, stets bester Laune, ausgesucht höflich, und siehe da, schon bei meinem vierten Besuch brauchte ich nur noch zu nicken. Denn jetzt holen sie von selbst, was ich brauche, fragen spielerisch: Camel mild? Le monde? FAZ? usw. Sie kennen mich, kennen meine Wünsche. Und schon fühlt man sich zu Hause, willkommen, verstanden, man kommt in Stimmung, geht heiter zur Arbeit, behandelt seine Mitarbeiter freundlich, ist aufgelegt zu Grosstaten.
Ist doch interessant: Heimat am Kiosk der Asiatinnen, Fremdheit am Kiosk der Einheimischen. Der griesgrämige Schweizer Kiosk trübt die Morgenlaune der Kunden. Ich stelle mir vor: Der Abteilungsleiter, mürrisch bedient, geht finster ins Unternehmen, faucht seine Untergebenen an, diese wiederum werden aggressiv, vertreiben die Kunden - und schon ist das Geschäft im Eimer. Man darf das nicht unterschätzen: Grosse Wirkungen haben meist tausend kleine Ursachen.
Meine erfahrungsgesättigte Behauptung ist: Zugewanderte sind unverwöhnter, also griesgramresistenter - und damit ein unschätzbarer Segen für den Humus, aus dem unsere Wirtschaft spriesst. Überdies machen sie sich keine Illusionen über die neue globalisierte Situation. Sie wissen, dass keine Herkunftsprivilegien mehr zählen, sondern nur Leistungsausweise - und sie nehmen es heiter und dankbar hin. Wogegen wir Einheimischen immer noch glauben, wir wären die Auserwählten der göttlichen Vorsehung und reagieren entsprechend beleidigt, wenn wir mit gleich langen Spiessen antreten müssen.
Ich fürchte, diese Beleidigtheit ist einer der Hauptgründe für die Abwehr der Fremden. Die sogenannt kleinen Leute hier fürchten, die Zeche für die Globalisierung bezahlen zu müssen. Stimmt auch irgendwie. Aber man kann sie nicht unter Heimatschutz stellen. Denn diese Heimat profitiert - siehe Kioskvergleich - von Zugewanderten. Und irgendwie müssen wir doch alle wollen, dass die Heimat profitiert.
Es ist immer dasselbe: Wenn der ökonomische Wandel so verläuft, dass Privilegien umverteilt werden und Armut entsteht, dann beginnt man, Fremde, Einwanderer, Asylsuchende als bedrohlich zu empfinden; dann kommt Rassismus ins Spiel. Er suggeriert den einheimischen Unterprivilegierten, jenen, die zu kurz kommen: Ihr seid immerhin Angehörige des einheimischen Stammes, der herrschenden Rasse. Gleichzeitig geschieht ein Zweites: Die Fremden werden benützt, um die Unterprivilegierung zu erklären. Ob Wohnungsnot oder Arbeitslosigkeit: die rassistische Ideologie führt die Missstände nicht darauf zurück, dass die Gesellschaft unfähig ist, die Probleme zu meistern, sondern auf die Fremden: Gäbe es sie nicht, wäre alles in Ordnung.
Ein fataler Trugschluss. Unseren Wohlstand retten wir nur, wenn wir global im Rennen bleiben. Da hilft keine Trotzreaktion, kein Rückzug ins Schneckenhaus. Wer sich nicht bewegt, ist blitzschnell weg vom Fenster. Selbstgenügsamkeit schädigt sich selber. Also gebietet die Klugheit: Lassen wir die andern rein - wenigstens am Kiosk, im Spital, im Bau, wo wir uns sowieso zu vornehm sind.
So viel zum zweiten, zum ökonomischen Missverständnis. Und jetzt zum letzten:
III. DAS POLITISCHE MISSVERSTÄNDNIS
Politisch brisant wurde das Thema "Schweizer sein - Schweizer werden" letztes Jahr zunächst in Emmen. Sie kennen die Geschichte - Motto "Einbürgerung vors Volk" - , ich will sie nur kurz aus meiner Sicht interpretieren: Spielt das Volk Schweizermacher, muss es die Kandidaten kennen. Ist das, wie in Emmen, nicht der Fall, entscheidet es nach Kriterien, die mal sympathiebesetzt sind, mal angstbesetzt: hier die gute "Italienerin mit Kind", da die schrecklichen "Jugos". Lauter Phantome, hinter denen das Individuum, die Person, der Mensch keine Chance hat. Und der Rechtsstaat auch nicht. Politik fällt zurück in die Mentalität von Stammeshorden.
Dann kam Beromünster. Keine anonyme Urnenabstimmung, eine offene Bürgerversammlung. Die Kandidatinnen waren bestens bekannt. Dennoch: Päng, abgelehnt. Das war ein härterer Schlag ins Nervenzentrum der Demokratie. Den Emmer konnte man noch zugute halten, sie hätten nicht gewusst, was sie taten. Die Beromünsterer wussten es sehr genau.
Nun kann man die Frage staatspolitisch stellen. Zum Beispiel so: Ist es klug, dass Beromünsterer entscheiden, wer Schweizerin werden darf und wer nicht? Eine gute Frage, denn natürlich interessiert die Beromünsterer das Beromünsterertum, nicht das Schweizertum. Ich klammere den Aspekt gleichwohl aus. Mich interessiert, nach welchen Kriterien Beromünsterer (und andere) entscheiden - und welche Kriterien sie ausser acht lassen. Ich sehe da ein paar Probleme. Die will ich behutsam erörtern.
1. Ein banaler Vergleich. Ich selber muss ja immer wieder im Unternehmen, in dem ich tätig bin, mitentscheiden, wer neu eingestellt wird, als Verlagsleiterin, als Wirtschaftschef usw. Dann frage ich natürlich auch: Wer passt zu uns? Aber ich frage nicht: Wer ist genau wie wir? Sondern: Wer passt zu den Zielen, die wir haben? Und dann: Wer hat eine Tüchtigkeit, die wir noch nicht haben? Das heisst: Ich suche Leute, die mit unseren Idealen übereinstimmen, aber anders sind als wir. Nur das hält eine Gemeinschaft, in meinem Fall einen Verlagskonzern, lebendig, vif, zukunftstauglich. - Und tatsächlich denke ich: Genau so verhält es sich mit politischen Gemeinden. Halten sie alles Neue, Fremde, Andersartige ängstlich von sich fern, können sie sich gleich als grosses Altersheim organisieren. Leben heisst Erneuern. Erneuerung aber kommt immer von aussen, aus der der Neugier aufs Andere, durchs Einverleiben des Unvertrauten.
2. Ein Zugeständnis. Ich weiss: Der Alltag lebt von Routinen, und das Fremde ist der Feind aller Routine. Also ein Ärgernis, eine Irritation. Ich gehöre auch nicht zu denen, die verkünden, Multikulturalität sei ein fulminantes Volksfest - Kebab plus Sushi plus Mc Donalds. Nein, ich weiss, Multikulturalität ist ganz praktisch, ganz konkret zunächst und vor allem ein Problem: in den Schulen, am Arbeitsplatz und gelegentlich am Schalter des Sozialamtes.
3. Ein zweites Zugeständnis. Selbstverständlich ist es legitim, eine politische Gemeinde nicht nur als wirtschaftliche Zweckgemeinschaft zu betrachten. Die Frage ist nur: als was dann? Doch wohl nicht als Blutsgemeinschaft? Nichts gegen die Korporationsgemeinde Beromünster, aber gäbe es die ohne Blutsauffrischung überhaupt noch? Noch einmal: als was dann? Als Mentalitätseinheit? Was aber heisst das? Jassen können, reinen Michelsämter Dialekt sprechen, im Kirchenchor singen? Nichts dagegen. Es ist der Wunsch nach dem störungsfreien Zusammengehörigkeitsgefühl, es ist die Hoffnung, unter seinesgleichen glücklicher leben zu können als unter Fremden, es ist die Sehnsucht, einer harmonisch schwingenden Gruppe anzugehören.
4. Ein Einwand. Was aber ist daran Politik? Regeln wir unser Zusammenleben über Stammesrituale und Hordenmentalitäten, dann brauchen wir überhaupt keine Politik. Das passiert von selbst. Politik ist erfunden worden als Gegeninstanz zu dieser naturhaften Stimmungsdiktatur. Weil man irgendwann realisiert hat: Die ungebremste Herrschaft der Gruppenmentalitäten ruiniert die Gesellschaft. Das geschah im 17. Jahrhundert, nachdem im 16. Jahrhundert - Glaubenskriege! - halb Europa sich im Namen der richtigen Gesinnung wechselweise niedergemetzelt hatte. Seither versucht der Staat, einigermassen gesinnungsneutral zu sein. Er richtet sein Handeln nach Rechtskriterien aus: Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit. Die Bürger des modernen Staates müssen sich nicht lieben, sie müssen emotional nicht gleichschwingen; sie müssen nur, das aber unbedingt, der Verfassung gehorchen.
Das ist das moderne Staatsverständnis seit zwei-, dreihundert Jahren. Nur hat es, fürchte ich, Beromünster noch nicht erreicht. Hier dominiert das mittelalterliche Kasten- und Stammesdenken weiterhin. In drei konzentrischen Kreisen: Korporationsgemeinde, Bürgergemeinde, Einwohnergemeinde. Und alles, wie anno dazumal, geeint über Familienbande und Verhaltenskodex. Das hat seinen musealen Charme. Gefällt sogar mir, gefühlsmässig. Doch wer eine Gemeinschaft auf gefühlsmässige Übereinstimmung baut, krallt sich an ein zukunftsloses Auslaufmodell. Eine Gemeinde, die sich über private Vertrautheitskriterien organisiert, ist keine politische Gemeinde, sondern ein Clan. Von Clans aber wissen wir: Sie überdauern ein paar Generationen, dann verfallen sie. Der Grund: Inzucht macht moribund.
5. Noch ein Einwand. Politik ist nicht zur Pflege des kollektiven Wohlgefühls da. Sie muss das Interesse des Ganzen wahren, das so genannte Gemeinwohl - und dazu gehören auch die künftigen Generationen, nicht nur die gerade aktiven und pensionierten. Wenn aber diese künftigen Generationen, also die Frischgeborenen und die Heranwachsenden, eine Chance haben wollen, dann müssen sie in einem durchmischten Klima heranwachsen: in einem Klima, das zwar die traditionelle Nestwärme bietet, aber auch den Luftzug der grossen weiten Welt in dieses Nest wehen lässt. Nur in dieser Spannung von daheim und draussen werden sie Beromünsterer bleiben und in der neuen Gesellschaft eine Rolle spielen können. Sonst wird Beromünster erleben, was jeder Provinz heute blüht: die Bedeutungslosigkeit. Die Logik ist gnadenlos: Wer die Welt ausschliesst, wird selber ausgeschlossen.
Ich kam kürzlich mit einem ziemlich bedeutenden Luzerner Unternehmer ins Gespräch. Was er mir sagte, gab mir zu denken: Er finde heute in Luzern keinen Gesprächspartner mehr. Alle, die mit der sog. neuen Ökonomie mitziehen, seien weggezogen, nach Zürich, London, Frankfurt. Auch wenn das nur die halbe Wahrheit wäre: Es geht verdammt schnell mit der Provinzialisierung. Die einzige Chance, die wir dagegen haben, heisst Durchmischung. Motto: Die Welt ins Dorf holen! Die einfachste Methode: Einbürgern. Nur so lässt sich arrangieren, was für alle das Beste wäre: die Kombination von dörflicher Beheimatung und globaler Konkurrenztüchtigkeit.
6. Eine allerletzte ungebetene Einmischung. Sie haben sicher gemerkt, meine Damen und Herren: Ich argumentiere nicht mit Edelwerten wie Menschenliebe, Mitmenschlichkeit etc. Ich betrachte alles unter dem Gesichtspunkt des wohlverstandenen Eigennutzens. Nur jetzt, ganz zum Schluss, muss ich einen Wert wenigstens ansprechen, der nicht im Nutzenkalkül aufgeht, sondern absolut zu gelten hat: das Prinzip Menschenwürde - dass jeder Mensch nicht nur einen Tauschwert hat, einen Selbstwert. Und ich behaupte: Die jungen Suters und Herzogs und Stockers in Beromünster gewinnen nur dann eine Perspektive, wenn sie sehen: Hier wird jeder Mensch als Individuum mit seinen Rechten und Pflichten betrachtet, nicht primär als Sippenmitglied, nicht allein seiner Herkunft nach eingeschätzt, sondern als Mensch, als Person geachtet, als Bürger dieser Menschenwelt respektiert. Nur so erfahren die jungen Suters und Stockers, dass sie in eine Gemeinschaft hineinwachsen, in der für alle dieselben Rechte gelten, in eine offene Gesellschaft, in der weniger die Herkunft zählt als der Beitrag für Zukunft. Nur so würde offenkundig, dass sogar dieses historisch einmalige Beromünster ein kleiner Teil der modernen Welt ist.
SCHWERpunkt
_ Ludwig Hasler
Der Lehrer, «Personalentwickler
» der Nation
Spätestens seit dem ersten
Pisa-«Debakel»
(«Blick»-Schlagzeile: «Sind wir
ein Volk
von Deppen?») dämmert es noch in
dumpfen Köpfen: Die Jugend ist
unser
«Standortfaktor Nummer 1». Wer
aber
bringt diese Jugend in Form? Die
Lehrerin, der Lehrer. Freilich
anders als
einst.
In eher statischen Gesellschaften
war
Schule eine Art Rekrutenschule für
die
Erwachsenenwelt; sie brachte dem
Nachwuchs
bei, was von Volljährigen erwartet
wurde: Sitzleder, elementare
Bildung,
Disziplin. Das gehört weiterhin
zum
Schulpensum: die Heranwachsenden
vom Lustprinzip zum
Realitätsprinzip
geleiten. Doch nicht länger als reines
Anpassungstraining.
In dynamischen Gesellschaften
kann Schule die Kids nicht länger
auf die Standards der Gegenwart
eichen, sie muss sie in eine
offene Zukunft
hinein formen. Schule wandelt sich
vom Assimilationsinstitut zum
Innovationszentrum
der Gesellschaft.
So wird der Lehrer zum
Personalentwickler
der Nation. Er richtet
Heranwachsende
weniger auf dies und jenes ab, er
bringt sie als Zukunftstypen in
Form,
macht sie expeditionstauglich –
für alle
Wetter. Wie schafft er das?
Die Lehrerin, das
personifizierte Lernziel
Anders als eine Verkäuferin oder
Ärztin
hantiert die Lehrerin nicht nur
mit Waren
oder Wissen, sie ist – ob sie will
oder
nicht – das Vorbild für Bildung.
Das geht
so: Die Schüler, auf welcher Stufe
auch
immer, erwarten am ersten Tag ihre
neue
Klassenlehrerin. Wie sieht sie
aus, was
hat sie drauf? Sie kommt, und
schon die
Art, wie sie kommt, prägt das
künftige
Verhältnis: Tanzt sie – oder
schleppt sie?
Schüler schalten subkutan im Nu:
Siehe
da, so also sieht eine aus, die
all das
schon intus hat, was wir jetzt
mühsam
lernen sollen. Und? Was hat sie
davon?
Blüht sie oder welkt sie? Lebt sie
vergnügt
oder darbt sie? Wie viel eine
Lehrerin
im Innern weiss, beeindruckt keine
Schüler; die wollen leibhaftig
sehen, was
das Wissen fürs Leben hergibt, wie
reich
es die Person macht, wie gewitzt,
wie
souverän.
Darum ist die Lehrerin mehr als
Wissensvermittlerin:
eine Art Idol. Ein «Idol»
verkörpert
das «Grössen-Ich», die
Idealvorstellung
von sich selbst. Im Idol gewinnen
Heranwachsende ihr Wunschbild,
wie sie gerne sein möchten. An der
Lehrerin müssen die Jungen sehen,
warum sich der ganze Schulkram
lohnt.
Über reine Vernunft funktioniert
das nie.
Bei Menschen läuft alles über
Sinnlichkeit,
bei jungen schon gar. Die brauchen
ein Bild aus Fleisch und Blut, die
wollen
sehen: Gott, so eine vitale
Lehrerin!
Und die findet all das
lebenswichtig, was
wir jetzt lernen sollen. Die
Lehrerin als
höchst persönliche Glaubwürdigkeit
des
Lernens.
Der Lehrer, Pädagoge
im Hauptberuf
Je mehr Erziehungsaufgaben die
Schule
übernehmen muss, desto schwammiger
wird das Berufsprofil des Lehrers:
irgendwo
zwischen Elternersatz,
Hobbypsychologe,
Kariesverhüter,
Bulimiepräventionsberater,
Manieren-Trainer. Will ein Lehrer
an dieser Zerrissenheit nicht
scheitern,
muss er sein Berufsprofil straffen
– und
sagen: Ich bin Pädagoge, basta.
«Pädagoge
» kommt vom griechischen
«paidagogein
», was so viel bedeutet wie
«Kinder
«Ich bin Pädagoge, basta!»
Eine Aussensicht in zehn Thesen
Früher waren die Lehrer Pauker
und die Schulen Assimilationsinstitute.
Heute ist die Sache etwas
komplexer. Und genau darin liegt auch eine Gefahr.
Eine kritische Annäherung an
moderne Entwicklungen in der Pädagogik.
1.
2.
3.
4
führen», hinführen, hinanführen.
Führen,
nicht betreuen. Hinführen, nicht
unbedingt
verstehen. Der tüchtige Pädagoge
bewirtschaftet nicht seelische
Tagesbedürfnisse
der Schüler. Natürlich muss er
die Jugendlichen mögen, sonst hat
er seinen
Beruf verfehlt, aber nicht partout
in
ihrer Tagesform, es reicht, dass
er sich
ihrer Möglichkeitsform freut.
Dahin muss
er sie führen: Damit sie werden,
die sie
sein können. Auf dem Weg dahin
muss
er ihnen helfen. Es geht ihm
vorrangig
ums Lernen, nicht um «gute
Gefühle».
Weil er weiss: Nur am Lernerfolg
wächst
das Kind, wird frei – und gewinnt,
sozusagen
nebenher, auch noch die tollsten
Gefühle. Also weg von der alles
verstehenden
Psychologisierung der Pädagogik,
hin zur pädagogischen Führung.
Indem der Pädagoge die Jungen
lernen
lehrt, stärkt er die Person in
ihnen.
Die Lehrerin, Erotikerin
trotz Flexibilität
«Die Menschen stärken und die
Dinge
klären» (Hartmut von Hentig).
Unklar
bleibt oft der Zusammenhang: Dass
stark
wird, wer sich einer Sache
hingibt. Viele
denken: Die Jungen müssen flexibel
werden,
also naschen sie wie
Schmetterlinge
mal da, mal dort. Tatsächlich aber
wird
flexibel, wer unflexibel beginnt.
Die
junge Pianistin muss sich
jahrelang an
ihrem Instrument abmühen, intim
werden
mit ihm, es lieben lernen; nur so
wächst sie selber und wird
dereinst frei
aufspielen können.
Bildung ist erotisch – oder nichts
wert.
Schüler müssen Liebhaber des
Wissens
werden. Anfänglich benimmt sich
das
Wissen – wie jede kostbare
Geliebte –
etwas zickig, doch nach und nach,
hartnäckig
umworben, gibt es ein Geheimnis
nach dem andern preis,
schliesslich können
die Schüler gar nicht genug von
ihm
kriegen. Zur erotischen Ansteckung
brauchen
sie eine Lehrerin, die es vorlebt:
Nur wer die Sache mag, mit der er
sich
beschäftigt, wächst an ihr, wird
stark,
reich, frech, vergnügt, ernst,
wetterunabhängig.
Soll diese Erotik eine Chance
haben, sind
vier Dinge nötig: äussere Ordnung
(These
5), körperliche Fitness (These 6),
Education sentimentale (These 7),
der
Tanz der Dotcom-Generation (These
8).
Der Lehrer, der Commitments-
Durchsetzer
Der Lehrer ist, wie gesagt,
hauptberuflich
Pädagoge. Er lehrt die Schüler
lernen.
Das setzt ein Minimum an
individueller
Zivilisiertheit (Anstand,
Rücksicht,
Konzentration) voraus. Das läuft
nur über
kollektive Regelwerke, die im
Schulareal
verbindlich gelten: Man grüsst
sich, Mädchen
werden nicht «Schlampe» genannt,
Kaugummis nicht auf den Boden
gespuckt
...
Am besten setzen Lehrer diesen
Kanon
durch «commitments» durch: über
einen
«Vertrag» zwischen Schule und
Schüler,
wie er in Sportvereinen längst
erfolgreich
praktiziert wird: Du kannst bei uns
jede
Menge lernen, kannst gross
herauskommen,
im Gegenzug hältst Du dich an die
Spielregeln. Auf Regelbruch stehen
Sanktionen.
Das verlangt ein neues Verständnis
für
Konventionen: als Erleichterung
des
gemeinschaftlichen Lernens. Wie
beim
Fussball. Ohne absolut geltenden
Regelkanon
gäbe es alle drei Minuten ein
Time-out, die Beteiligten
diskutierten
über das Stürmer-Foul (Was ging in
dir
vor, als du den Verteidiger
umsäbeltest?).
Alle drei Minuten eine Mediation.
Der
Fussball wäre im Eimer. Genau so
die
Schule. Der Verhaltenskodex will
rigoros
durchgesetzt sein – im Interesse
des
gemeinsamen Lernens.
Die Lehrerin, die
Bewegungs-Animatrice
Nicht jede Lehrerin braucht ein
Sportlehrdiplom.
Doch sie muss darauf drängen,
dass ihre Schule die Schüler nicht
als reine Geister behandelt,
sondern als
Körperwesen, die täglich in
Bewegung
zu bringen sind. Nicht nur, um
Haltungsschäden
und Fettleibigkeit zu verhindern.
Auch um den Geist in Schwung zu
bringen,
denn: Verhockt der Körper, harzt
auch das Hirn. In einer Zeit
jugendlicher
Bewegungsarmut muss jede Lehrerin
darauf
achten.
Es gibt Experimente mit einer
täglichen
Turnstunde für alle – mit
umwerfenden
Ergebnissen: 1. Die Kinder sind
körperlich
fit. 2. Die Gewalt im Schulhof
sinkt
gegen Null. 3. Die Leistungen in sämtlichen
Fächern steigen, obwohl weniger
Zeit für sie bleibt. Logisch:
Kinder, die
sich ausgetobt haben, sind
ruhiger, konzentrierter,
aufnahmefähiger.
Der Lehrer, Liebhaber
einer éducation sentimentale
Was Turnen für den Körper, ist
Musik
(oder Poesie, Tanz, Theater) für
die
Seele. Kinder wachsen nicht mehr
am
rauschenden Bächlein auf, sie
müssen
sich in einer technischen,
durchrationalisierten
Welt zurecht finden. Wer erweckt
ihre höchstpersönliche Seele, wer
stiftet
ihre individuelle
Empfindungsbiografie?
Das sogenannt Musische, das
scheinbar
Nutzlose. Musik z. B. bringt etwas
ins
Schwingen, das mit Worten nicht zu
sagen ist: eine Ahnung von Lust
und
Leid, einen Vorgeschmack vom
Reichtum
der Emotionen, eine Freude an der
Intensität
der Empfindungen. So wird ein
Mensch Mensch.
Ein Mensch mit seiner eigenen
Vista vom
Leben. Darauf hat die Jugend ein
Recht:
dass sie nicht reibungslos in die
Erwachsenenwelt
schlüpft, sondern ihre eigene
Idee ausbildet, wie sie die Welt
künftig
organisieren möchte.
5.
Schwerpunkt
6.
7.
4.
Die Lehrerin, Anwältin
des Kindes – auch gegen
die Eltern
Eltern glauben gerne, das Kind
gehöre
ihnen. Ein Kind gehört aber gar
niemandem.
Es gehört sich. Dass es immer mehr
sich selbst gehört, schliesslich
ein mündiges
Subjekt wird, das ist der
vornehmste
Zweck der Schule. Die Lehrerin
muss
diese Zweckbestimmung verteidigen
–
auch gegen Herrschaftsambitionen
von
Eltern. Sie ist nicht das
Kindermädchen
der Eltern, sie arbeitet im
Auftrag der
Gesellschaft – im Interesse an der
Freiheit
des Kindes.
Der Lehrer, Geburtshelfer
der Selbstständigkeit
Das Hauptproblem gegenwärtiger
Bildung
steckt in mangelnder Motivation.
Schüler aller Stufen (noch im
Gymnasium,
an Hochschulen) sind nicht zu
dumm oder zu faul. Viele
engagieren sich
zu dürftig. Sie nehmen Bildung
nicht persönlich,
bleiben Wissensempfänger, werden
nicht zu Subjekten, zu Autoren
ihrer
Bildungsbiografie.
Darum muss der Lehrer seine
Schüler
früh zum Selberlernen anstiften,
nicht
den «Bildungsrucksack» füllen. In
wandelschnellen
Zeiten entscheidet, was junge
Leute intus haben, nicht was sie
am
Rücken tragen: vitale Neugier,
Lernlust,
Selbstvertrauen im Umgang mit
Neuerungen.
Dies alles kann ein Lehrer sie
nicht lehren, er muss es aus ihnen
heraus
locken – mit Didaktiken
selbstgesteuerten
Lernens.
Die Lehrerin, Fixstern
für Chaos-Kids
Die Dotcom-Generation findet ihre
Lebensspur mühsamer. Eingedeckt
mit
Multimedia-Zauber, Game-Konsolen,
Handygeklingel, Popkultur kommt
sie
privat nur schwer zu Besinnung. In
der
Schule gerät sie in eine
multikulturelle
Gesellschaft.
Die Lehrerin muss diese «schöne
neue
Welt» kennen: eine Welt der
Turbulenz,
in der man springen, switchen,
surfen
muss, nicht nur bedächtig gehen.
Sie
muss um die Bedingungen
jugendlicher
Sozialisation wissen – und sich
doch
nicht zu sehr davon beeindrucken
lassen.
Vielmehr muss sie zeigen, dass es
sich lohnt, trotz Durcheinander
der
Kulturen und Signale eine
vergnügte
Einzelne zu sein, eine eigene
Farbe zu
haben im Patchwork des bunten
Nebeneinanders.
Sie wird das Vielerlei gelten
lassen – doch darauf bestehen,
dass das
nur glückt, wenn ein gemeinsamer
Nenner gilt: Rücksicht, Humor,
konzentriertes
Lernen.
01/2007 _ Inforum PHZ _ 5
10. 8. 9.
Dr. Ludwig Hasler, Publizist und
Philosoph,
war journalistisch in
Chefredaktionen tätig
(St. Galler Tagblatt,
Weltwoche).
Heute ist er Kolumnist,
Hochschuldozent
für Philosophie und
Medientheorie, Referent zu Fragen
der Zeitdiagnostik.
Sein jüngstes Buch: «Die Erotik
der Tapete. Verführung
zum Denken» (Huber Verlag).
Bilder:
Claudio Minutella
[...] "Musik und Kunst wirken sich phantastisch vorteilhaft
auf die Entwicklung einer Persönlichkeit aus: auf Sozialverhalten,
Kontaktfähigkeit, psychische und emotionale Stabilität, kreative Intelligenz.
Die sogenannt musische Beschäftigung stärkt die Person, erweitert das Selbst,
beflügelt die Phantasie, läutert den Geist. Und das sind doch, alles in allem,
die viel zitierten Schlüsselqualifikationen für die Zukunft. Na also." [...]
Dr. Ludwig Hasler
Kommt Qualität von «Qual»?
In flexiblen Zeiten hapert es
mit Qualität
Dr. Ludwig Hasler
Qualität ist in aller Munde. Bis zur
Alltagspraxis dringt sie
selten durch; da wimmelt es von
Schlampigkeiten, Schludrigkeiten.
Qualitätsvergessenheit hat Methode: Sie kommt
aus dem Zustand unserer Gesellschaft. Die
«flexible Gesellschaft
» macht uns zu Nomaden; Qualität aber braucht
ein Minimum an Sesshaftigkeit. Die
«Erlebnisgesellschaft»
macht uns zu Hütern der subjektiven
Lebensqualität; Qualität
aber verlangt die Leidenschaft zur Sache,
Möglichkeitssinn
statt Selbstzufriedenheit. Mit diesem
Zwiespalt
muss sich auseinander setzen, wer über
Qualität redet:
mit den Spannungen zwischen wirtschaftlicher
Qualitätsanforderung
und gesellschaftlichen Konditionen.
Qualität hat Konjunktur. Jedenfalls als
Geschäftsfeld
für Standardisierung und Kontrolle. Im Alltag
merke ich
wenig davon. Wo ich hinsehe – Pfusch und
Ramsch,
halbbatzige Ware, schludrige Dienstleistung.
Am neuen
Veston (790 Franken) lottern die Knöpfe; der
PC, kürzlich
generalüberholt (360 Franken) stürzt schon
wieder
ab; die Zeitung («das Blatt für kluge Köpfe»)
mutet mir
verwahrloste Texte zu; eine Freundin, zum
Untersuch im
Spital, kriegt den Befund erst nach
mehrmaliger Nachfrage,
sechs Wochen später.
Die Liste alltäglicher Schlampigkeiten liesse
sich beliebig
fortsetzen. Verspätung am Bahnhof,
Druckfehler in Büchern,
Bibelunkenntnis auf der Kanzel,
Geschmacklosigkeit
in der Architektur, Mikrowellenfood im
Restaurant,
Infektion im Spital, Verblödung am
Fernsehen... Meine
Packung Läkerol muss ich jedes zweite Mal mit
den
Zähnen aufbeissen, die Firma ist unfähig, den
Reissfaden
so zu installieren, dass er die
Zellophanverpackung löst.
Dies alles, obwohl das Q-Business boomt wie
nie zuvor in
der Geschichte der Menschheit. Kein
Management ohne
Qualitäts-Management. Keine Firma, keine
Schule, kein
Fussballclub ohne Qualitäts-Zertifikat.
Was ist hier los? Die gelassene Antwort
lautet: Errare
humanum est. Wir arbeiten unter irdischen
Bedingungen;
Perfektheitserwartungen vertagen wir besser
aufs Jenseits.
Kann man so sehen, nur: Der Mensch lebte
immer
schon unter irdischen Bedingungen – und
produzierte
doch nie so viel Schrott wie heute. Warum
ausgerechnet
heute? Bei unserer hoch entwickelten Technik,
mit unserer
flächendeckenden Bildung? Pauschalerklärungen
sind rasch zur Hand: die Schnelllebigkeit der
Zeit, das
Tempo des Wandels, die Kurzatmigkeit der
Moden, die
Just-in-time-Produktion, die komplexe
Organisation, in
der sich keiner mehr verantwortlich fühlt.
Alles plausibel. Trotzdem bleibt es ein
Skandal, dass
zum Beispiel das Mittelalter, diese angeblich
so dunkle,
barbarische Welt ohne Technik, ohne
Wissenschaft,
ungleich qualitätsbewusster zu Werk ging! Es
baute
hundert Jahre an einer Kathedrale, mühsamst,
alles
von Hand, und dabei so akkurat und solide,
als wäre
sie für die Ewigkeit, überdies ästhetisch
hinreissend,
im grossen Ganzen wie im geringfügigsten
Detail. Verglichen
damit sind wir qualitätsvergessene Pfuscher,
Kurzfriststümper; unsere Hochhäuser (siehe
Stadthaus
St. Gallen) müssen nach 50 Jahren
totalerneuert, wenn
nicht abgerissen werden, unsere Autobahnen
sind nach
zehn Jahren unbefahrbar.
Fällt Qualität dem Zeitgeist zum Opfer?
Immerhin ist da
– um in der Region zu bleiben – ein Albert
Kriemler mit
seiner Weltmarke Akris, die St. Galler
Textilindustrie insgesamt,
(Tobias Forster von Forster-Willi wurde
soeben
in Frankreich geadelt), auch weniger Bekannte
wie der
Flawiler Fritz Lüdi, der mit ausgeklügelter
Feinmechanik
im Weltmarkt mitmischt, Karl Stadler in
Heerbrugg,
der mit ausgetüftelter Medizinaltechnik in
den USA
erfolgreich ist.
Aber ist das die Avantgarde – oder sind es
Überbleibsel
einer handwerklichen Qualitäts-Tradition?
Sicher sind es
Maniacs, Angefressene. Berufsleute,
Unternehmer, die
ihr Label nicht nach dem Wind hängen, sondern
unbeirrt
an der Perfektionierung ihrer Produkte
arbeiten.
Kommt Qualität vielleicht doch von Qual? Gibt
es heute
so wenig davon, weil es aus der Mode geraten
ist, sich
an der Sache abzuquälen? Bleiben wir erst mal
nüchtern:
Qualität kommt vom lateinischen quale, und
das bedeutet
wie. Dieses Wie grenzt sich ab vom Was (res)
und vom
Wieviel (quantum). Dass Quantität nicht
automatisch in
Qualität mündet, ist trivial; das weiss jeder
Casanova,
der 723 Frauen vernascht, doch nie erfahren
hat, was
Liebe mit einem anstellen kann. Ähnlich geht
es Managern,
die nur quantitativ expandieren – und
plötzlich vor
dem Dalai Lama knien.
Weniger populär ist das Verhältnis zwischen
dem Wie
(Qualität) und dem Was (Produkt). Ausser am
konkreten
Beispiel. Ich rede gerade – und hoffe, Sie
sind empfänglich
für das, was ich sage; was aber davon
abhängt,
wie ich es sage. Ich meine nicht jene
Rhetorik, die mit
dem Publikumsfang kokettiert, ich denke an
die Redeweise,
die den Inhalt interessant macht. Ein guter
Redner
spricht wie eine Meisterköchin kocht. Züri Gschnetzlets
kann jeder Idiot zubereiten. Fragt sich nur
wie. Die
Meisterköchin unterscheidet sich vom
Dilettanten nicht
durch Tricks und Schaumschlägerei, ihre
Raffinesse dient
dem einzigen Zweck, Kalbfleisch und Rösti
optimal zur
Geltung zu bringen, deren Eigengeschmack
entfalten
zu lassen. Das Wie muss das Was lieben. Dann
wird
es Qualität: Höhenflug der Sache. Ein
Hosenanzug ist
keine Hexerei. Die Akris-Leute aber erfinden
ihn jedes
Jahr neu, tüfteln unermüdlich an neuen
Formen, Stoffen,
Farben, ruhen nicht, bis sie die Qualität der
letzten Saison
übertreffen. Das Was ist keine Kunst, das Wie
bleibt
unerschöpflich – wie der Liebesbrief: sein
Inhalt ist seit
König Salomo konstant, seine Form grenzenlos
variabel.
Schluss mit Vorgeplänkel. Zweierlei wollte ich
plausibel
machen. Zunächst faktisch: Es grassiert eine
auffällige
Qualitätsverluderung. Sodann
begriffsathletisch: Qualität
als permanente Raffinesse des Wie – zur
Steigerung des
Was. Mein Pensum ist nun: diese beiden
Feststellungen
– Qualitätsverlust und Qualitätsbegriff – in
der Situation
der aktuellen Gesellschaft zu untersuchen.
Ich nehme
dazu zwei Anläufe. Im ersten frage ich nach
gesellschaftlichen
Konditionen der Qualität, im zweiten nach
individuellen
Bedingungen.
I . Die Flexibilitätsfalle . Gesellschaftliche
Konditionen der Qualität
Alle reden heute von Kompetenzen. Was kann
die Frau?
Was beherrscht der Mann? Als ich Leute
einstellte, fragte
ich nach dem Wie. Ob Kompetenzen da sind, ist
rasch
gecheckt. Entscheidend aber ist, ob hinter
dem Kompetenzen-
Portfolio noch jemand lebt, der mit diesen
Kompetenzen
etwas will, etwas Besonderes, Einmaliges, ob
ein Wille da ist, diese Kompetenzen auf die
Spitze zu
treiben, eine Leidenschaft zur Sache, eine
Lust aufs Bessere,
eine Begier auf Perfektionierung. So etwas
kommt
aus der Person, nicht aus Kompetenzen. Dazu
muss man
den Menschen kennen lernen, nicht seine
Ausweise.
Der Mensch und sein Wille zur Qualität. Das
ist keine
Naturkonstante, das hängt vom
gesellschaftlichen Milieu
ab. Darf ich Sie noch einmal mit dem
Mittelalter
belästigen? Es gibt da diese sinnenfällige
Legende von
den drei Steinmetzen. Die werden einzeln
befragt: «Was
machst du hier?» Der erste sagt: «Ich haue
hier Steine.»
Der zweite antwortet: «Ich verdiene hier
meinen Lebensunterhalt.
» Der dritte aber sagt: «Ich baue mit an der
wunderbaren neuen Kathedrale unserer Stadt.»
Welcher
von den Dreien ist der Glücklichste? Welcher
bringt die
beste Qualität? Sie wissen es.
«Ich baue an der wunderbaren neuen Kathedrale
unserer
Stadt.» Der Satz drückt aus: Meine Arbeit hat
einen
Sinn, nicht nur einen Zweck. Sie erfüllt
mich, lässt mich
teilhaben an etwas Bedeutendem, Grossem, für
die Allgemeinheit
Wichtigem. Für dieses Grosse, Wichtige setze
ich mich rückhaltlos ein, denn es bereichert
mich selbst,
da achte ich auf Qualität, will meine Arbeit
nicht nur
gut machen, sondern immer besser. Arbeit
nicht nur als
Produkteproduktion. Arbeit mit
Sinnüberschuss. Gibt es
das noch – in unserer flexiblen Zeit?
In seinem Buch «Der flexible Mensch»
illustriert Richard
Sennett den Wandel der Arbeit an zwei
Lebensläufen.
Zunächst die Biografie aus der Zeit, als der
Mensch
noch nicht flexibel sein musste. Enrico war
Hauswart in
einem Verwaltungsgebäude in Boston. Sein
gesamtes
Arbeitsleben lang. Tag für Tag dieselben
Verrichtungen,
lauter Routine. Das Gute daran: ein
feststehender Kontext,
garantiertes Einkommen, gesicherte Pension;
sozial
wohl definiert, klare Stellung in der
Gesellschaft, konstante
Beziehungen zu Nachbarn, Anerkennung durch
konformes Verhalten; berechenbare
Lebensperspektive,
Sparen für ein Haus, für die Ausbildung der
Kinder. Alles
in allem eine geschlossene Vita, nichts
Besonderes, aber
doch eine eindeutige Identität, eben darum
das Gefühl,
Subjekt seiner Geschichte zu sein, Autor
seines Lebens,
dazu eine gehörige Portion Selbstachtung und
Selbstverantwortung.
Und jetzt die zweite Geschichte. Eine
Geschichte aus
der neuen flexiblen Zeit. Rico, der Sohn
Enricos, macht
Karriere. Zwei Studienabschlüsse, eine Frau,
die ähnlich
erfolgreich ist, häufiger Ortswechsel.
Äusserlich glänzend,
sozial ohne Halt, null nachbarschaftliche
Beziehung,
keine dauerhaften Freunde, das lästige
Gefühl,
das Leben nicht selber zu gestalten, den
wechselnden
Anforderungen des Marktes nachzurennen, die
Angst,
nicht mehr zu genügen, abgehängt zu werden.
Unter
der Hektik des Alltags die Melancholie der
Leere; keine
Dauer, keine Tiefe, kein Charakter.
Soweit die beiden Lebensläufe. Was bedeuten
sie für
unsere Frage nach Qualität? Enrico, der Vater
mit seinem
eingeschränkten, doch konstanten
Wirkungskreis, lebt im
Bewusstsein, «es kommt auf mich an»; die
Arbeit nährt
seinen Stolz, darum bringt er sie nicht
hinter sich, er
sucht sie, er sitzt in ihr, er will sie nicht
gut, er will sie
immer besser machen, er arbeitet an der
zeitgemässen
Kathedrale, dem Verwaltungsgebäude, an ihm
liegt es,
dass darin alles glatt läuft. Ist Qualität am
Ende eine
Frage der Sesshaftigkeit? Rico, der nicht
mehr sesshafte
Sohn, der Managertyp, hat ein gravierendes
Problem mit
Qualität: Er ist so sehr mit seinem eigenen
Überleben
beschäftigt, dass er weder Zeit noch Energie
findet, das
Unternehmen sorgfältig zu qualifizieren. Mit
der Kontinuierlichkeit
schwindet die Qualität.
So weit Richard Sennetts Blick auf Qualität
in flexiblen
Zeiten. Ich kann ihn bestätigen. Als ich noch
Chefredaktor
war, bewarb sich eine Germanistin als
Kulturchefin. Ich
fragte sie nach ihrer Lieblingsautorin. Ich
mag irgendwie
alle, sagte sie. Was sie denn grad aktuell
lese? Sie suche
jetzt einen Job, da komme sie nicht zum
Lesen. Was sie
vom gegenwärtigen Schauspiel halte? Im
Theater war
sie seit Jahren nicht, doch wenn sie den Job
kriege, interessiere
sie sich sogleich auch fürs Schauspiel. Damit
war die Kulturchefin für mich erledigt.
Obwohl ich sie verstehen konnte. Kein vitales
Interesse,
schlimm, doch warum sollte sie sich in
Unkosten stürzen
mit Interessen, nach denen dann doch keiner
fragt?
Flexibel bleiben hiess für sie: Surfen statt
Eintauchen,
Switchen statt Spezialisieren. Eine rationale
Reaktion.
In flexiblen Zeiten werden wir Nomaden. Hat
auch
seinen Reiz. Für Qualität zu unstet. Warum
soll ich, auf
Abruf nur, mich beharrlich um Verbesserung
bemühen?
Wer erwartet es von mir? Wer dankt es mir?
Übermorgen
mache ich schon anderswo Halt. Was soll da
Qualität?
Wo es einzig darum geht, sich über die Runden
zu bringen. Qualität in der Arbeit aber lebt
von der
Leidenschaft zur Sache. Ich muss mich mit der
Sache
anfreunden. Dazu brauche ich Zeit, eine
verlässliche
Perspektive, eine mittlere Sicherheit, dass
die Sache
mir nicht gleich wieder abhanden kommt.
Überdies den
Glauben, dass es sich lohnt, meine Fantasie
an diese
Sache zu verschwenden.
Spült die Flexibilisierung diese Bedingungen
weg? Kathedralen
können wir nicht wieder bauen. Aber
vielleicht
Unternehmen, in denen die Angestellten sich
nicht als
nomadisierendes «Humankapital» vorkommen.
Shareholder
Value ist ein gutes Firmenergebnis, als Ziel
taugt
es nicht. «Human Value» dagegen schon: Leute
einstellen,
die sich mit der Sache befreunden können –
und
ihnen ein Biotop schaffen, das diese
Freundschaft begünstigt.
Vom so genannt «neuen Angestellten» wird
das komplette Engagement erwartet, der
Einsatz seiner
Person, nicht nur seiner Kompetenzen. Also
muss
man ihm durch langfristige Entscheidungen
Sicherheit
geben, ihm einen Ort quasi-familiärer
Verlässlichkeit
einräumen, antizyklisch zur Wetterwendigkeit
der Zeit.
So entgingen Unternehmen der
Flexibilitätsfalle – und
würden, weil nur so Angestellte sich
entfalten, zu Gewächshäusern
für Qualität.
II . Die Erlebnisfalle . Individuelle Konditionen
der Qualität
Wir leben in der Erlebnisgesellschaft. In der
Trivialversion
heisst das: Kaum sind wir die materielle Not
los,
kümmern wir uns nur noch um das mickrige
individuelle
Glück (Nietzsche). In der Filigranversion
bedeutet es:
Vom äusseren Existenzkampf befreit,
konzentrieren wir
uns auf die innere Befriedigung; der
berufliche Erfolg
misst sich weniger an seinen Wirkungen nach
aussen als
an der subjektiv empfundenen Lebensqualität.
So wandelt
sich der Gehalt von Qualität: weg vom
Verbessern
der Lebensumstände, hin zum Optimieren der
Lebensgefühle.
Qualität verschiebt sich von der
Leistungsqualität
zur Erlebnisqualität.
Gerhard Schulze, der Soziologe der
«Erlebnisgesellschaft»,
argumentiert so: «Überflussgesellschaften»
entlasten uns
weitgehend vom Lebensnotwendigen – belasten
uns jedoch
sogleich neu: mit Orientierungsleistungen.
Anders
als früher sind wir nicht durch Herkunft
festgelegt, weder
beruflich noch sozial noch im Lebensstil. Wir
müssen
uns selber wählen, und je mehr Optionen da
sind, umso
aufwändiger wird die Wahl, umso drastischer
die Folgen.
Wir sind selber unseres Glückes Schmied. Der
Zwang,
die Regie unseres Lebens selber zu
übernehmen, verweist
uns auf unser «Innenleben». Ich muss
unablässig
herausfinden, was zu mir passt, was meiner
subjektiven
Vorliebe entspricht. Zwangsläufig wird die
eigene Person
zum Nabel der Welt, die Erlebnisorientierung
zum Mass
aller Dinge.
Damit bekommt die herkömmliche
Leistungsqualität ein
Problem. Die Dominanz des Erlebens bremst die
Bereitschaft
aus, Arbeitsabläufe und -produkte zu
perfektionieren.
Wozu soll die Marketingassistentin den
Werbeversand
digitalisieren, wenn das Briefmarkenkleben
sie
happy macht? Die aktuell angesagte Maxime
«Hauptsache,
du fühlst dich gut» treibt wunderliche
Blüten,
die von der Spass- und Fernsehindustrie noch
gepuscht
werden – nach dem Motto: schlecht singen,
gross Geld
verdienen und sich dabei toll fühlen.
Schlaraffenland-Vorstellungen von Qualität,
nicht von
dieser Welt. Wachstum, Erfolg, Glück fallen
uns nicht
senkrecht vor die Füsse. In dynamischen
Zeiten reüssiert
nur, wer – diesseits emotionaler Kicks –
seine Tätigkeit
qualifiziert. Qualität aber kommt eher aus
Mangelerfahrungen
als aus Hochgefühlen. Nicht dass Qualität
nur von Unglücklichen zu erwarten ist, die miesepetern
dann doch nur herum. Sicher aber entspringt
Qualität
einem zwiespältigen Bewusstsein. Irgendwo
zwischen
vergnügt – und doch nie restlos zufrieden.
Die Zufriedenen
haben ja alles, wozu sollten sie nachbessern?
Die
Missvergnügten wiederum glauben nie an
Besserung.
Die Mischung macht es. Jene heitere Unruhe,
die mir
sagt, es müsste trotz allem Guten etwas
Besseres geben.
Ein besseres Leben, bessere Arbeit, bessere
Produkte.
Das wäre die individuelle Kondition für
Qualität. Ein eher
unzeitgemässer Menschenschlag, der nicht nur
für sich
schaut, sondern alles um sich in Hochform
bringen will.
Kompetenzen reichen da nicht hin. Qualität
entspringt dem
Sinn für Möglichkeiten: im Menschen, in
Dingen, in Organisationen.
Der Möglichkeitssinn vereint zwei unterschiedliche
Talente: den illusionslosen Blick auf das,
was ist, und
die träumerische Vorstellung von dem, was
sein könnte.
Spielt beides zusammen, hat Qualität ihre
Chance.
Ich will es Ihnen an der Geschichte des Steve
Jobs illustrieren.
Der Apple-Mann, einer der erfolgreichsten
Männer der Gegenwart, hat nicht einmal einen
College-
Abschluss. Der 17-jährige Steve hatte weder
Geld noch
eine Idee, was er mit seinem Leben anfangen
sollte, wohl
aber einen Traum vom guten, schönen Leben.
Eines Tages
fiel ihm der Aushang eines Kalligrafie-Kurses
am Reed-
College auf. Schon lange hatte er auf dem
Campus die
handgeschriebenen Plakate und Aufschriften
bewundert.
So schön wollte er es nun selber können. Er
lernte Schriftarten,
die subtilen Abstände zwischen den Buchstaben,
was gute Kalligrafie halt ausmacht.
Kalligrafie! Was für
ein altmodisch nutzloser Zopf! Aber so schön!
Jobs liebte
sie, und wer liebt, fragt nicht, ob es sich
rechne.
Zehn Jahre später sass Jobs in einer alten
Garage und
bastelte mit Freunden am Macintosh-Computer.
Er erinnerte
sich seiner kalligrafischen Künste – und der
Mac
wurde zum ersten Computer mit einer
gediegenen, variantenreichen
Typografie. Hätte Jobs damals den Kurs
nicht zwecklos besucht, wäre der Mac wohl nie
zum
Welterfolg avanciert. Zumal Jobs’ Traum vom
Schönen,
Besseren sich aufs Design überhaupt
erstreckte. Mac ist
bis heute – anders als Windows – der PC, den
wir lieben.
Wir sehen es ihm an: Er ist das Produkt nicht
eines Geschäftemachers,
sondern eines ästhetischen Erotikers.
Das ist der Menschenschlag, der Qualität
bringt. Am
Anfang bewundert er zwecklos das Vollkommene,
in
Jobs’ Fall die Kalligrafie. Dann fällt ihm an
den fertigen
Dingen die Unvollkommenheit auf – und ruht
nicht, sie
zu perfektionieren, zu raffinieren, auf
Vollkommenheit
hin zu bewegen. Voraussetzung ist also ein
bestimmter
Blick auf die Dinge: der Blick, die Dinge im
Lichte
ihrer Möglichkeiten erblickt, ihre
Entfaltungschancen
sieht. Jobs ist darin ein Naturtalent. Wohl
auch, weil
sein Blick unverbildet war, unverstellt durch
den Raster
zertifizierter Kompetenzen-Portfolios. Und
weil er
sich nicht auf einer fachlichen Qualifikation
ausruhen
konnte, wurde er auch kein «Ich fühl mich
toll»-Typ; er
musste sich hervortun, als Erotiker der
Möglichkeiten,
nicht als Bewirtschafter des eigenen
Erlebnishaushalts.
Jobs schuf Qualität aus Leidenschaft zum
Computer,
aus Liebe zur Kalligrafie.
Daraus leite ich zwei Forderungen ab: 1.
Berufliche Ausbildung
– gerade an Fachhochschulen – muss vermehrt
auf Steve Jobs-Typen hin arbeiten: auf
Erfindertypen.
Die jungen Leute in Kreativlaune bringen,
nicht nur
mit Kompetenzen eindecken, ihren
Möglichkeitssinn
wecken, nähren, fordern, belohnen.
2. Arbeitgeber müssen Steve Jobs-Typen
favorisieren.
Nicht brave Kompetenzenverwalter, nicht ichbezogene
Psycho-Typen. «Der Durchschnittliche gibt der
Welt
ihren Bestand», sagt Oscar Wilde, «der
Aussergewöhnliche
ihren Wert.» Pflücken Sie die
Aussergewöhnlichen,
die Verrückten, die Inspirierten.
Nur so retten wir Qualität über die
Erlebnisfalle hinweg:
indem wir sie – als Kreativ-Qualität – selber
zum Erlebnis
machen. Ganz ohne Qual läuft das nicht. Die
Wenigsten
beginnen – wie Steve Jobs – als
Qualitäts-Naturbegabungen.
Wir andern müssen uns – gegen das
Trägheitsgesetz
– durchkämpfen. Nach Kennedys Motto: «Wer
einmal im Leben mit dem Zweitbesten vorlieb
nimmt,
erreicht immer wieder nur das Zweitbeste.»
Mobilisieren
wir den Widerstand gegen das Zweitbeste.
Kultivieren
wir das Vergnügen am Allerbesten.
Literatur:
• Sennett,
Richard: Der flexible Mensch.
Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin
(Berlin Verlag) 1998.
• Schulze,
Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft.
Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt (Campus Ve